Arbeitspsychologie "Der Rücktritt kann eine Befreiung sein"
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"Ein Neuanfang kann gelingen"

ZEIT ONLINE: Da ist es besser, von heute auf morgen zu gehen?

Kastner: Es ist keine Entscheidung, die mal eben so spontan gefällt wird. Sie müssen sich das wie einen Turner an zwei schwingenden Trapezen vorstellen. Auf dem einen ist er nicht mehr glücklich, doch auf das andere überzuwechseln, ist riskant. Der Turner fürchtet, beim Sprung abzustürzen oder dabei zerrissen zu werden. Das geschieht, wenn er mit einer Hand noch an dem alten hängt, aber das neue bereits ergriffen hat. Dem eigentlichen Sprung, dem Rücktritt, geht ein Prozess der Ambivalenz voraus.

ZEIT ONLINE: Welche Auswirkungen hat der plötzliche Rücktritt einer Führungskraft für die Mitarbeiter und das Unternehmen?

Kastner: Das kann man nicht pauschal beantworten. Es gibt Chefs, die nur mit Mühe ertragen werden. Dann ist der Rücktritt auch eine Befreiung, die möglicherweise eine kreative Unruhe in dem Unternehmen weckt. Es ist auch die Chance, dass eine neue Persönlichkeit kommt, die nötige Veränderungen herbeiführt, dass Mitarbeiter, die sich möglicherweise unterdrückt fühlten, sich neu entfalten können. Es kann aber auch zu einer großen Verunsicherung führen. Zumindest wird die Aufmerksamkeit und Konzentration der Mitarbeiter in eine Richtung abgelenkt.

ZEIT ONLINE: Was macht so ein Rücktritt mit der Führungskraft, die diese Entscheidung fällt?

Kastner: Zunächst gibt es eine Phase des Trotzes, eine lange Phase der Unzufriedenheit, die immer größer und größer wird. Dann kommt der Gedanke auf, eine Entscheidung zu treffen. Irgendwann entscheidet sich der Mensch dann. Gleichzeitig hadert er mit sich, fragt sich, ob die Entscheidung richtig war. Verstärkt wird dies durch die Reaktionen von außen. Die Außenwelt erlebt den Rücktritt ja als abrupt, weil sie den inneren Prozess nicht miterlebt hat. In dieser Phase wird man aber alle die Informationen, die für die Entscheidung sprechen, aufsaugen – und alle dagegen abwehren. Auch dies ist eine normale Verhaltensweise, die am Ende dazu führt, dass sich gut mit der getroffenen Entscheidung leben lässt. Man kommt zu der Einsicht, dass es das Beste war. Dann kann ein Neuanfang gelingen.

ZEIT ONLINE: Was raten Sie Führungskräften, die unzufrieden mit ihrer beruflichen Situation sind und mit dem Gedanken spielen, alles aufzugeben?

Kastner: Sie sollten sich einen Coach nehmen. Sogar Fußballer haben ein Coach für so vermeintlich einfache Tätigkeiten wie Tore schießen. Darum sollten Manager, die für Hunderte oder Tausende Mitarbeiter verantwortlich sind, sich auch coachen lassen.

Die Fragen stellte Tina Groll .

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Coach

    Letztendlich geht es um zerreißende Seilschaften im Zusammenspielt mit dem Peter-Prinzip. Jemand kommt nach oben, gefördert von einen Gönner, eine Seilschaft etabliert sich, es läuft so weit gut.

    Irgendwann strauchelt der Gönner oder der andere Seilpartner an falschen Zielen oder Gesundheitlichen Gründen. Der meist ohnehin schon große Stress wird durch aggressives Auftreten und schnellere Befindlichekeitsstörungen immer deutlich. Wer sich dann nicht nach einem neuen Job umsieht, hat schon verloren. Die Dynamik steigert sich zu weiteren Impulsentscheidungen, welche das personelle Umfeld noch mehr zerstören usw. usf.

    Coaches und Psychologen verdienen vorher und nachher eh, handeln kann man nur selber.

  2. ...darauf habe ich schon gewartet. Diese Ratschläge brauchte Köhler nicht - sonst hätte er sie sich längst besorgt. Politik und Volk brauchen diese Lebenshilfe - und Köhler hat sie ihnen gegeben durch seinen Rücktritt. Regierung und Volk turnen an Trapezen in der Gegend umher und wissen nicht mehr wann sie loslassen oder zupacken sollen - Köhler nicht. Der turnte nie auf dem Trapez!

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    • lepkeb
    • 02.06.2010 um 13:58 Uhr

    eigentlich nichts mehr hinzufügen.

    • lepkeb
    • 02.06.2010 um 13:58 Uhr

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  3. Oftmals liegt Karrieren ein handfester Minderwertigkeitskomplex zu Grunde; reduziert damit die von außen so schön anzuschauende Biderbuchkarrierre zu einer kompensatorischen Leistung.

    Das Fatale an diesem kompensatorischen Prozess ist, dass mit fortschreitendem äußeren Erfolg das Minderwertigkeitsgefühl weiterhin als treibende Kraft vorhanden bleibt.

    Am Ende eines solchen Prozesses kann ein Burn-Out bzw. eine Ich- Im- oder Explosion stehen.

    Wenn der Betroffene sich persönlich weiter entwickelt, ist Kompensation auf der Karriereleiter vielleicht gar nicht mehr nötig.

    • lepkeb
    • 02.06.2010 um 13:58 Uhr

    eigentlich nichts mehr hinzufügen.

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    Da stimme ich Ihnen vorbehaltlos zu.

    Da stimme ich Ihnen vorbehaltlos zu.

  4. Da stimme ich Ihnen vorbehaltlos zu.

    Antwort auf "Dem kann man "
  5. Nicht selten ist vorgegebene Anlass des Rücktritts eine bloße Lappalie. Jahrelange Ärgernisse, mangelnde politische Kooperation und Frust sind zweifellos vorausgegangen. Köhler war sportlich und intellektuell fit, und er plante seinen Abgang so sorgfältig wie jede Handlung in seiner Karriere. Am letzten Tag des Monats punkt 12:00 Uhr Anruf bei der Kanzlerin, 120 Minuten Kündigungsfrist, und punkt 14:00 Uhr die Kündigung vor den Mikrophonen der Presse. Das ist kein Fall von "Burnout".

  6. Man kann natürlich Köhlers Handlung interpretieren.

    Dann würde ich mal sagen: Der hat es Frau Merkel und Herrn Westerwelle mal so richtig gezeigt. Er hat ihnen sozusagen den blanken Hintern hingehalten. Er hält von denen wohl gar nichts.

    Das ist zwar auch eine Interpretation, in diesem Fall halt meine und wohl auch die der Mehrheit der Bevölkerung. Einen schöneren Stinkefinger haben wir in den letzten Jahren also wohl kaum gesehen.

  7. Mit Verlaub, ich halte von den Antworten von Herrn Kastner nicht besonders viel.
    Die generelle Aussage, dass einer Entscheidung ein Prozess vorausgegangen ist, trage ich noch mit.

    Welche genauen Beweggründe die einzelne Führungsperson für ihren Rücktritt hat, lässt sich nicht pauschalisieren. Ich bezweifle, dass die Gründe sich auch nur annähernd gleichen.

    Der eine mag überarbeitet sein, der andere wird wegen Fehlentscheidungen stark kritisiert, der nächste hat Probleme in der Zusammenarbeit mit anderen Personen im Unternehmen, der nächste wird gemobbt, der nächste hat persönliche und familiäre Probleme, der nächste merkt, dass ihm keine persönliche Freizeit mehr bleibt, der nächste hat genug Geld gescheffelt und will es ausgeben, der nächste...

    Ich halte es für eine Anmaßung, wenn sich ein Arzt und Psychologe in der hier vorgenommenen Art und Weise äußert. Es ist schon erstaunlich, dass manche Leute denken, dass sie in die Köpfe anderer schauen können.

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