Arbeitssucht Wenn das Smartphone zur Jobfessel wird

Jeder zweite Arbeitnehmer liest im Urlaub seine Mails. Im Interview beschreiben ein Arbeitspsychologe und eine Karriereexpertin, warum das Abschalten so schwer ist.

Ein Mann sitzt mit Laptop und Handy auf den Stufen vor einer Sehenswürdigkeit in Sydney und arbeitet

Ein Mann sitzt mit Laptop und Handy auf den Stufen vor einer Sehenswürdigkeit in Sydney und arbeitet

Ist es Leidenschaft für den Job oder schon Arbeitssucht? Jeder zweite Arbeitnehmer ruft im Urlaub berufliche E-Mails ab, jeder dritte führt dienstliche Telefonate – so das Ergebnis einer Umfrage des Software-Anbieters Symantec und des Personaldienstleisters Randstad, die kürzlich veröffentlicht wurde. Die Männer sind dabei arbeitssüchtiger: Etwa zwei Drittel machen auch im Urlaub via Netzschalte ins Büro keine echte Auszeit, aber nur ein Drittel der Frauen hält es ebenso.

Arbeitsrechtlich ist die Sache jedenfalls klar: Urlaub ist Urlaub. Der Arbeitgeber muss mindestens zwölf zusammenhängende Urlaubstage genehmigen , in denen er nicht verlangen kann, dass der Mitarbeiter erreichbar ist.

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Doch warum gelingt es so vielen nicht, den Urlaub auch wirklich als Urlaub zu nutzen? Was sind die Gründe für dieses Verhalten – und was können die Auswirkungen sein? Antworten wissen die Karriereexpertin Carola Kleinschmidt , und der Arbeitspsychologe Tim Hagemann . Sie diskutierten im ZEIT ONLINE Talk vom 31. Juli 2010. Die Sendung zum Nachhören finden Sie hier .

ZEIT ONLINE: Was verstehen Sie selbst unter dem Begriff Work-Life-Balance ?

Carola Kleinschmidt
Carola Kleinschmidt

Carola Kleinschmidt, Jahrgang 1968, ist freischaffende Journalistin, Sachbuchautorin und Seminarleiterin. Ihre Schwerpunktthemen sind Gesundheit, Arbeitswelt, Wissenschaft und modernes Leben. Gemeinsam mit Hans-Peter Unger schrieb sie 2006 das Sachbuch Bevor der Job krank macht, das als eines der besten Sachbücher zum Thema Burn-out ausgezeichnet wurde.

Tim Hagemann: Ich halte den Begriff eigentlich für etwas irreleitend, weil Arbeit ein Teil des Lebens ist. Generell verstehe ich darunter, einen Ausgleich zu finden zwischen beruflichen und privaten Zielen, zwischen den eigenen Wünschen und denen, die von außen an einen herangetragenen werden, zwischen Phasen der Beanspruchung und der Entspannung. Dies erfordert Reflexion und eine klare "interne Landkarte".

Carola Kleinschmidt:  Für mich umschreibt Work-Life-Balance letztlich das Gefühl "Ich habe mein Leben, meinen Alltag, in der Hand" und bestimme aktiv, in welchem Tempo ich durch den Tag gehe, wann ich Pausen mache oder welchen Interessen und Aufgaben ich Priorität gebe. Dabei geht es nicht nur um die Balance zwischen Beruf und Privatleben sondern um ein ausgeglichenes Lebensgefühl.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen moderne Kommunikationsmittel – sind sie Chance für eine bessere Balance, weil Arbeit prinzipiell von überall möglich wird, oder bergen sie eher das Risiko, dass Arbeit rund um die Uhr stattfindet?

Hagemann: Generell sind sie ein Segen, aber wir verfügen nicht über die Kompetenz, um mit Ihnen umzugehen. Wir reflektieren nicht, wie wir sie sinnvoll und zur unserer Entlastung einsetzen wollen. Dadurch entstehen viele sinnlose, redundante Tätigkeiten, ständige Unterbrechungen des Arbeitsflusses und die gefühlte Anforderung einer ständigen Erreichbarkeit . Bei einer guten Medien-und Selbstmanagementkompetenz eröffnen sich aber viele Möglichkeiten einer guten Work-Life-Balance .

Kleinschmidt:  Bestimmt haben die modernen Kommunikationsmittel beide Potenziale. Man muss nicht mehr im Büro sitzen, bloß weil noch eine Nachfrage oder ein Auftrag zu erwarten ist. Da kann man auch abends E-Mails checken oder den Anruf auf dem Handy entgegennehmen. Das Problem ist allerdings, dass Erreichbarkeit süchtig machen kann. Studien zeigen, dass wir bei jeder Nachricht emotional stark reagieren. Man fühlt sich gebraucht, gefragt, unabkömmlich. Durch die modernen Kommunikationsmittel gibt es nun die Möglichkeit, dass wir uns diesen Kick überall holen. Man ist zwar körperlich anwesend, aber geistig eigentlich fast immer beim Job. Arbeitgeber finden das vielleicht von Vorteil, aber gesund ist das nicht. Bisher haben wir gelernt, wie wir die moderne Kommunikationsmittel nutzen können. Jetzt müssten wir noch lernen, selbst aktiv zu entscheiden, wann es gut für uns ist und wann nicht.

Tim Hagemann
Tim Hagemann

Tim Hagemann ist Professor an der Fachhochschule für Diakonie am Lehrstuhl Arbeitspsychologie und leitet das Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin (IAPAM) in Berlin. Seit 2012 schreibt Hagemann als Kolumnist für ZEIT CAMPUS.

ZEIT ONLINE: Wie gelingt es, im Urlaub abzuschalten und was sollten insbesondere Führungskräfte beachten im Umgang mit sich selbst und im Umgang mit ihren Mitarbeitern?

Hagemann: Man sollte allen wichtigen Kontakten die Urlaubszeit ankündigen und Abwesenheitsnachrichten auf der dienstlichen Mailbox und E-Mail einrichten und jemanden als Ansprechpartner für dringende Anfragen benennen. Führungskräfte können als Personalentwicklungsmaßnahme Mitarbeiter als Vertreter und somit kompetente Ansprechpartner aufbauen. Sie sollten vor dem Urlaub offene Arbeitspakete auflisten und planen wie und wann diese nach dem Urlaub bearbeitet werden.
Für alle gilt, sich von dem Gedanken zu verabschieden, man sei unverzichtbar. Führungskräfte haben übrigens laut Arbeitsschutzgesetz eine gesundheitliche Fürsorgepflicht für ihre Mitarbeitenden. Erholungsphasen zu stören, stellt insofern für beanspruchte Mitarbeitende ein Gesundheitsrisiko dar.

Kleinschmidt:  Wenn man erwartet, dass man von einem 150-Prozent-Tempo am ersten Urlaubstag auf Erholung umschaltet, ist die Enttäuschung eigentlich schon programmiert. Das Umstellen braucht Zeit. Hilfreich können Rituale sein. Erst mal ein Spaziergang am Urlaubsort. Oder eine Unternehmung, von der man weiß, dass sie einen wirklich entspannt. Man sollte eher Dinge tun, die im Gegensatz zum Alltag stehen. Wer viel im Büro sitzt, dem hilft Bewegung. Wer viel körperlich arbeitet, den entspannt vielleicht ein Tag in der Sauna.

Eine Führungskraft, die ihre Erholung ernst nimmt, Urlaubstage in Anspruch nimmt und sich ganz selbstverständlich freie Zeiten im Alltag gönnt, ist bestimmt das beste Vorbild für Balance – und sie ist motivierend die Mitarbeiter.

ZEIT ONLINE: Wie halten Sie es selbst?

Hagemann: Ich bin selbst kein gutes Beispiel und beherzige zu wenige von den oben genannten Empfehlungen. Aber ich merke zunehmend, dass ich an meine Grenzen stoße und versuche in meiner Freizeit konsequent abzuschalten.

Kleinschmidt:  Ich habe festgestellt, dass ich nicht unbedingt drei Wochen Urlaub am Stück brauche. Aber immer wieder mal freie Tage. Für mich ist es sehr wichtig, nach einem anstrengenden Projekt oder einer Seminarreise wirklich einen Tag runterzuschalten. Ich werte dann die Erlebnisse und Eindrücke aus. Wenn ich diesen Rhythmus einhalte, fühle ich mich kraftvoll und zufrieden.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich habe mir schon lange abgewöhnt, mein Firmenhandy am Wochenende anzuschalten. Und es funktioniert. Wenn ich zu Hause Urlaub mache, war die Verlockung groß, immer mal wieder anzuschalten, aber die Erfahrung zeigte, es versaut einem letztlich den Urlaub. Und ich beobachte, dass meine Kollegen und auch die Führungskräfte auch mehr und mehr dazu übergehen, einfach mal komplett auszuschalten. Wie der Autor richtig sagt, man stößt sonst irgendwann an seine Grenzen.

  2. Oberflächlicher geht es wohl nimmer?Phrasenaussagen, welche nicht seriös udn fundiert..auf die Motive der Erreichbarkeit eingehen.

    • xpaket
    • 01.08.2010 um 11:57 Uhr

    Da ich selbständig bin, haben wir ein ähnlich gelagertes Problem, man kann schwer abschalten und hat irgendwie doch immer die Arbeit im Kopf.
    Aber am besten hilft vom Büro nach Hause zu kommen und direkt beim Eintritt in die Wohnung alles aus zu stellen (Smartphone ect. ) So kann ich wunderbar abschalten.

  3. Wenn in einer Firma gemobbt wird, dann ist der Urlaub des Gemobbten ein gefundenes Fressen für die Mobber. Ich konnte selbst erleben, wie während meines Urlaubs Haufen von völlig überflüssigem Papier auf meinen Schreibtisch abgeladen wurden. Beim nächsten Urlaub legte ich einen Zettel auf den Schreibtisch, mit der Bitte, kein Papier auf meinen Schreibtisch zu legen. Einschlägig bekannte Kollegen füllten dennoch meinen Schreibtisch mit Schrott-Papieren und organisierten Rundgänge mit Kollegen anderer Abteilungen, um meinen - trotz Zettel - nicht aufgeräumten Schreibtisch kopfnickend zu besichtigen.
    Wer im urlaub ständig erreichbar sein will, der hat oft nur Angst, in dieser zeit Opfer von Intrigen zu werden.

  4. Ich halte es nicht für notwendigerweise pathologisch, in einer Phase seines Lebens auf sowas wie Freizeit ganz zu verzichten, wenn das eben nicht nur ein "Job" ist. Mit Familie ist das natürlich praktisch unmöglich oder nur begrenzte Zeit und mit viel Opferbereitschaft auf allen Seiten.

    Bei einem "Job" dagegen sollte Freizeit Freizeit sein und fertig.

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