Arbeiten im AuslandLehrerkarriere rund um den Globus

Den schlechten Arbeitsbedingungen an deutschen Schulen ist Dirk Heiß entkommen. Der Lehrer unterrichtet an der Deutschen Schule in Kapstadt. Von Christian Selz, Kapstadt von Christian Selz

Mitten in der Mathematikstunde greift Dirk Heiß zur Gitarre, die neben seinem Lehrertisch steht. "Lasst uns unseren Gast erst einmal willkommen heißen", fordert er seine 5. Klasse auf. Die Kinder sind froh über die Abwechslung und singen ein Begrüßungslied in bestem Hochdeutsch. Die Deutsche Schule Kapstadt, am Fuße des Lions Head und in Sichtweite zum Tafelberg gelegen, ist eine Begegnungsschule und mit umgerechnet 640 Euro Schulgebühren pro Quartal eine der günstigeren unter den Top-Privatschulen Kapstadts. Viele ausländische Lehrer arbeiten hier.

Einer von ihnen ist der 38-jährige Dirk Heiß. Geboren wurde er im namibischen Lüderitz, der Vater war dort schon Schulleiter. Als die dortige deutsche Schule geschlossen wurde, kam Heiß 1973 im Alter von zwei Jahren nach Deutschland, wuchs im hessischen Lauterbach auf und studierte schließlich in Hamburg Deutsch, Mathematik, Kunst und Informatik auf Lehramt. Vor fünf Jahren zog es ihn zurück nach Afrika, seine Frau und Söhnchen hat er gleich mitgenommen, in Kapstadt wurde noch Tochter Marie geboren. Nachdem Heiß sich bei der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen um eine dreijährige Vermittlung als Auslandsdienstlehrkraft (ADLK) beworben hatte, bekam er auch Angebote von deutschen Schulen aus New York, Madrid und Prag. Doch er entschied sich für Kapstadt. Bereut hat der Grund-, Haupt- und Realschullehrer diese Wahl nie. Für ihn war es damals ein Abenteuer, eine willkommene Abwechslung in der Arbeitskarriere. Ins Ausland wollte er schon immer und so packte er die Chance beim Schopfe, als sie sich ergab – inzwischen hat Heiß bereits um drei weitere Jahre verlängert. Nach sechs Jahren müssen die ADLKs im Normalfall nach Deutschland zurückkehren, da Heiß jedoch in der Steuergruppe der Schule und als pädagogischer Qualitätsmanager Funktionsstellen besetzt, kann er insgesamt acht Jahre bleiben.

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Danach könnte er nur noch als Ortskraft an der Schule bleiben, doch die verdienen in Südafrika mit umgerechnet 900 Euro kaum mehr als das Existenzminimum. Die vermittelten ADLKs, die ungefähr ein Viertel der sechzig Lehrkräfte an der Deutschen Schule Kapstadt ausmachen, kommen mit Auslands-, Kinder- und Ehegattenzuschlägen auf das Vier- bis Fünffache.

Er schwärmt von seinen Schülern: Disziplinprobleme gebe es kaum, die Kinder hätten einen großen Respekt vor den Erwachsenen, sie seien höflich und wissbegierig. Heiß will kein Schwarz-Weiß-Bild zwischen Deutschland und Südafrika zeichnen, aber er kann die Unterschiede einordnen. Schließlich hat er auch sieben Jahre an der Grund-, Haupt- und Realschule Bramfelder Dorfplatz in Hamburg unterrichtet, war dort sogar Vertrauenslehrer.

Und er schwärmt von seinen Arbeitsbedingungen: Das Arbeitsklima und die Ausstattung an der Schule seien sehr gut. Heiß hat beispielsweise seine Tafel durch ein interaktives Whiteboard ausgetauscht, das er vom Laptop am Lehrertisch bedienen kann. Der Musikraum, sagt er, ist mit neuestem Equipment ausgestattet und sieht eher aus wie aus einer Musikhochschule. Als Heiß in Kapstadt anfing, sagte ihm der damalige Schulleiter sogar: "Wenn Sie gute Ideen haben, bringen Sie sie ein, am Geld soll es nicht scheitern." Das klingt nach Lehrer-Eldorado.

Die Schulleitung nimmt die entsendeten Lehrer gerne, schließlich werden sie aus Deutschland bezahlt und bedeuten somit kostenfreie, zusätzliche Qualitätslehrkräfte. Die Schulen können die Lehrer sogar aus einem Bewerberpool für Auslandsschulen selbst aussuchen und anwerben. Es komme aber auch vor, dass deutsche Lehrer wegen der hohen Kriminalität und den damit verbundenen Vorurteilen Stellen in Südafrika ablehnen, sagt Heiß. In seine Wohnung sei auch schon zweimal eingebrochen worden. Der Vater von zwei Kindern hält das Risiko dennoch für überschaubar. Schließlich könne man die Risiken mindern.

Die Maßnahmen muten bisweilen kurios an. Weil er hörte, dass Einbrecher ausrasten können, wenn sie keinen Tresor finden, hat Heiß extra einen Billig-Safe angeschafft und ein paar Scheine sowie zwei kaputte Digital-Kameras hereingelegt nur um im Ernstfall Beute für Gauner parat zu haben. "Was man nicht beeinflussen kann, darüber sollte man sich auch keine Gedanken machen", schließt Heiß das Kapitel Kriminalität ab. Er ist heimisch geworden in Kapstadt und kommt mit den Makeln der Metropole zurecht.

Nicht umsonst empfiehlt er daher auch seinen Kollegen in Deutschland vorbehaltlos, ein Auslandsengagement einzulegen. "Hier zu leben und zu arbeiten, ist eine Erfahrung, die prägend ist, und die dich von dem ganzen kleinkarierten Gejammer in Deutschland auf den Boden bringt. Deutschland ist ein tolles Land, aber es ist wichtig, Deutschland von außen kennen zu lernen." Wirklich Heimweh habe er nicht, nur eine Sache bereitet ihm Wehmut, die auch die Gitarre im Mathematikunterricht erklärt. Er hat in Deutschland in einigen Pop- und Coverbands gespielt. "Dass vermisse ich", sagt Heiß. "Aber irgendwo wird man auch älter. Wenn ich zurück komme, bin ich 42. Da muss ich mir in meiner Musikerkarriere was Neues suchen, Countrymusik oder Deutschen Schlager vielleicht." Sagt’s, lacht und verteilt anschließend den Mathe-Test aus der Vorwoche.

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Leserkommentare
  1. habe ich das richtig gelesen? Wenn er von der Schule in Südafrika bezahlt würde, wären es 900,- EUR pro Monat.
    Da er aber aus Deutschland bezahlt wird, erhält er das vier- bis fünffache?

    Also ca. 4000,- EUR vom deutschen Steuerzahler für einen in Deutschland ausgebildeten Lehrer, der NICHT in Deutschland arbeitet?

    Das darf doch nicht wahr sein.

    • engelx4
    • 12. August 2010 17:54 Uhr

    das sommerloch mit einem überflüssigen bericht füllen?
    wie schön das die schule so gut ausgestattet ist. bei €640,- schulgeld pro quartal kein wunder. und wie schön das die schüler alle so lieb und diszipliniert sind. irre ich mich wenn ich mal vermute das es dort nur schüler aus der gehobenen mittelschicht und dem großbürgertum gibt?

  2. Den beiden vorstehenden Kommentatoren mag zugute gehalten werden, dass sie sich bedauerlicherweise nicht mit dem Wert der deutschen Auslandsschulen als Träger deutscher Kulturpolitik auseinandergesetzt haben. Die Kommentare klingen wie die zweier neidischer, uninformierter Dilettanten, hintergrundarm und darüber hinaus borniert polemisch.
    Ich erinnere an die Aussage des sozialdemokratischen deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier: „Mit der Stärkung der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik investieren wir in die Zukunft. Kultur kann helfen, Brücken zu bauen, wo wir mit klassischer Diplomatie nicht weiterkommen.”

    Eine Leserempfehlung
  3. Als Schulleiter der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt muss ich ein paar Dinge richtig stellen:
    Zu 1.
    Unsere lokalen Lehrkräfte erhalten zwar deutlich weniger als vermittelte Lehrkräfte aus Deutschland, aber die Angabe von 900,- Euro stimmt schon lange nicht mehr. Lehrer an unserer Schule werden deutlich besser bezahlt als Lehrer an staatlichen Schulen, und auch im Vergleich der Gehälter mit anderen südafrikanischen Privatschulen liegen wir im oberen Bereich.
    Die Deutschen Schulen im Ausland bieten unter anderem einen absolut notwendigen Service für deutsche Bürger im Ausland. Deutschland ist eine Nation, die vom Export lebt. Wenn es keine deutschen Schulen gäbe, wäre es extrem schwierig, Mitarbeiter von Firmen, Botschaften etc. ins Ausland zu entsenden. Damit die Schulen eine Bildung nach deutschen Lehrplänen und deutsche Abschlüsse wie das Abitur anbieten können, benötigen sie aus Deutschland entsandte Lehrer.

  4. Als Schulleiter der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt muss ich ein paar Dinge richtig stellen, hier zum zweiten Teil:

    Zu 2.
    Die Vermutung, dass es bei uns nur Schüler aus der gehobenen Mittelschicht und dem Großbürgertum gebe, ist falsch. Die Deutsche Internationale Schule Kapstadt existiert seit 1883, und die große deutschsprachige Community am Kap bestand schon immer aus Mitgliedern aller Einkommensschichten. Unsere Schule ist außerdem eine der ersten Schulen in Südafrika, die schwarze Schüler aus den Townships aufgenommen hat, nämlich bereits zu Zeiten der Arpartheid, seit 1981. Auch heute gewährt die Schulgemeinschaft Nachlässe beim Schulgeld je nach den Einkommensverhältnissen. Bei guten Leistungen kann jeder unsere Schule besuchen, etliche legen erfolgreich das Abitur ab und studieren in Deutschland. Das gemeinsame Lernen von Kindern der verschiedensten Kulturen, Hautfarben und Einkommensschichten erreicht mehr Positives für die Zukunft Südafrikas und für gute politische, wirtschaftliche und menschliche Beziehungen mit Deutschland als jede andere Form der Unterstützung.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Arbeitsklima | Gitarre | Lehrer | Schule | Schulleiter | Südafrika
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