Ungewöhnliche BerufeDer Glasaugen-Macher

Sie geben Patienten ein Stück Lebensqualität zurück: Ocularisten fertigen Augenprothesen an, die von natürlichen Augen nicht zu unterscheiden sind. Der Beruf der Woche von 

Er stellt ein Glasauge her: Thorsten Meyer bei der Fertigung einer Augenprothese

Er stellt ein Glasauge her: Thorsten Meyer bei der Fertigung einer Augenprothese   |  © Thorsten Meyer

Es war an einem Donnerstag vor 15 Jahren, als sich das Leben von Heinrich Köhler komplett änderte. Bei einem Arbeitsunfall drangen mehrere Metallsplitter in seinen linken Augapfel. Das Auge war nicht mehr zu retten und musste entfernt werden. "Es dauerte seine Zeit, bis ich mich an den Gedanken gewöhnt hatte, nur noch ein funktionierendes Auge zu besitzen. Doch die angefertigte Augenprothese meines Ocularisten hat mir ein ganzes Stück geholfen, besser damit umzugehen", sagt Köhler.

Ocularisten können zwar kein funktionierendes Auge herstellen, wohl aber eines, das von dem gesunden Auge nicht zu unterscheiden ist. "Viele Menschen merken gar nicht, dass ich nur noch ein natürliches Auge habe", sagt Köhler. Er ist einer von bundesweit mehr als 160.000 Menschen, die eine Augenprothese tragen. Der Beruf des Augenprothetiker ist vor allem ein Handwerk. Beherrscht wird es aber nur von etwa 60 Ocularisten, die auf 25 Firmen verteilt sind, sagt Thorsten Meyer, selbstständiger Ocularist aus München. Massenanfertigungen sucht man vergeblich, jede Prothese wird von Hand hergestellt . "Es gibt keine zwei gleichen Augenformen, daher wird jede Prothese individuell hergestellt."

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© Tim Boyle/Getty Images

Und wie sieht die Fertigung aus? Zunächst muss die genaue Form und Größe ermittelt werden. Dies geschieht anhand von Abdrücken der Augenhöhle, außerdem durch Modellformen. "Wir haben einige Hundert Modelle, anhand derer wir die genaue Passform ermitteln", sagt Meyer. Viel Erfahrung und ein gutes Augenmaß sind nötig, um die perfekte Passform herauszufinden. Aus einem Glasrohling wird anschließend über einer 800 Grad heißen Flamme die Prothese geformt. "Das Glas wird in die gewünschte Form in der Größe eines Auges geblasen", erklärt Meyer. Nachdem die Form stimmt, wird die Farbe der Iris aufgeschmolzen. Auch hier muss exakt gearbeitet werden, soll sich das künstliche Auge doch in der Farbe nicht vom natürlichen Auge unterscheiden. Einzelheiten, wie kleine Äderchen aus dünnen, eingefärbten Glasfäden werden aufgeschmolzen. Immer wieder wird die Form überprüft und gegebenenfalls korrigiert. Entgegen dem Glauben vieler Menschen besteht die fertige Augenprothese nicht aus einer Kugel, sondern hat eine Schalenform.

Die Prothesen bestehen überwiegend aus Glas, nur sehr selten wird Kunststoff verwendet. Der Vorteil bei Glas: Die Oberfläche ist glatter, ähnlich wie beim natürlichen Auge setzt sich ein Tränenfilm auf die Oberfläche. So kann das Augenlid locker darüber gleiten. Die durchschnittliche Lebensdauer einer Prothese beträgt ein Jahr, danach muss sie gegen eine Neue ersetzt werden. Ein Exemplar kostet 350 bis 650 Euro, die Kosten werden von der Krankenkasse übernommen.

Die Ausbildung zum Ocularisten ist nicht staatlich geregelt und dauert stattliche sechs Jahre. Bei einer derart kleinen Berufsgruppe gibt es für die Ausbildung keine Berufsschule, Theorie und Praxis werden im Betrieb beigebracht. Die Theorie konzentriert sich vor allem auf die Vermittlung medizinischer Kenntnisse. Wie ist ein Auge aufgebaut? Wie sieht die Augenhöhle aus? Der Schwerpunkt der Ausbildung liegt auf dem Unterrichten des Handwerks. Die Glaskugel in Größe und Form des Auges blasen, das Auftragen der Farben: Bis sich erste Erfolge einstellen, dauert es einige Jahre. Ausdauer und viel Geduld sind gefragt. "Man schaut erfahrenen Ocularisten über die Schulter. Den Job lernt man nur durch Learning by Doing”, sagt Meyer.

Die Ausbildung erfolgt in zwei Stufen à drei Jahre. Nach der ersten Stufe dürfen sich die Azubis "Assistent/in" nennen, nach der zweiten Ausbildungsstufe "Ocularist/in". Neben handwerklichem Geschick sind natürlich auch der Umgang mit Menschen und viel Fingerspitzengefühl wichtig, denn der Job ist nicht immer einfach. "Ocularisten werden immer wieder mit persönlichen Schicksalen konfrontiert", sagt Meyer. Zuhören und Beistand leisten gehört daher auch zu den Aufgaben.

Dennoch: Es gibt durchaus Patienten, denen der Umgang mit dem Verlust eines Auges leichter fällt, als anderen. "Wenn ein Auge, beispielsweise aufgrund von Krankheit, nicht geheilt werden kann und Jahre lang nur Schmerzen verursacht hat, sind manche Patienten froh, wenn sie von dem Leiden befreit sind. Vielen Patienten blühen wieder auf, weil das kranke Auge keinen Ärger mehr macht", sagt Meyer. Auch Heinrich Köhler fühlt sich durch sein künstliches Auge nicht behindert. "Im Schützenverein bin ich immer noch", sagt er und lacht.

  • Gehalt: variiert, keine tarifliche Regelung
  • Arbeitszeit: ca. 40 Stunden/Woche
  • Ausbildung: Dauer sechs Jahre, nicht staatlich geregelt
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    • Serie Beruf der Woche
    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Arbeitsunfall | Ausbildung | Ausdauer | Glas | Handwerk | Kunststoff
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