Burn-out : "Die offizielle Erlaubnis, psychisch krank zu sein"

Das Geschäft mit dem Burn-out boomt: Ob Selbsttest, Coaching oder Entspannungsreise – viele Angebote sind unseriös und haben wenig Nutzen, warnt der Arzt Thomas Bergner.

ZEIT ONLINE: In den letzten Monaten gab es eine Vielzahl von Medienberichten zum Thema Burn-out. Fast hat man den Eindruck, es sei eine neue Volkskrankheit. Was versteht man aus medizinischer Sicht tatsächlich unter dem Begriff?

Thomas Bergner: Burn-out ist keine so klar definierte Krankheit wie etwa ein Oberschenkelhalsbruch, sondern ein Sammelbecken für individuelle Überlastungsreaktionen. Der Begriff wird häufig gebraucht, weil er scheinbar weniger stigmatisiert als eine andere psychische Erkrankung. Die Leute meinen, wer an Burn-out leide, habe es deshalb, weil er sich zu stark engagiert hat im Beruf. Es ist so gesehen die offizielle Erlaubnis, psychisch krank zu werden.

ZEIT ONLINE: Was sind die Auslöser für die Erkrankung?

Bergner: Die Auslöser sind vielfältig und können beispielsweise eine sehr hohe Arbeitsbelastung, zu hohe Wochenarbeitszeit oder auch Mobbing sein. Oft liegen die Ursachen aber tiefer. Viele Patienten haben traumatische Erlebnisse in ihrer Kindheit gehabt, deren Auswirkungen sich erst im Erwachsenenalter bemerkbar machen.

ZEIT ONLINE: Wie kann ich feststellen, ob ich unter Burn-out leide?

Bergner: Erstes Symptom ist die emotionale Erschöpfung. Man kann sie selbst diagnostizieren. Sätze wie "Ich kann nicht mehr" oder "Es macht alles keinen Sinn" sind klassisch für emotional erschöpfte Menschen. Zweites Symptom ist die sogenannte Depersonalisation. Die Betroffenen ziehen sich zurück. Das dritte Symptom ist die Leistungsabnahme. Erst wenn alle drei Symptome erfüllt sind, lässt sich die Diagnose Burn-out stellen.

Wesentliches Anzeichen für eine Erkrankung ist auch eine innerliche Unzufriedenheit. Die Betroffenen sind zwar erfolgreich, aber trotzdem höchst unzufrieden. Viele leiden auch unter körperlichen Beschwerden wie Bandscheibenprobleme, Verstopfung oder Schlafprobleme und suchen daher ihren Hausarzt auf. Eine seriöse Diagnose der eigentlichen Erkrankung kann aber nur ein Arzt oder Therapeut stellen.

ZEIT ONLINE: Im Internet wimmelt es vor Hilfsangeboten. Es scheint, es gebe es ein großes Geschäft mit der neuen Volkskrankheit Burn-out.

Bergner: Es ist erlaubt, Menschen in Not zu helfen. Aber es müssen seriöse und fundierte Angebote sein. Viele Angebote, die man im Internet und anderswo findet, erfüllen diesen Anspruch nicht und sie gehen an der tatsächlichen Ursache vorbei.

ZEIT ONLINE: Wie beispielsweise die viel umworbenen Präventionsreisen gegen Burn-out?

Bergner: Grundsätzlich ist es richtig, die Betroffenen aus ihrem gewohnten Kontext rauszuholen. Ein Ortswechsel ist also durchaus sinnvoll. Jedoch helfen die meisten angebotenen Dienstleistungen nicht gegen Burn-Out. Sie dienen der Entspannung, gehen aber an dem individuellen Krankheitsbild völlig vorbei. Massagen, Bewegungs- und Entspannungstrainings, ein EKG oder Entspannungsreisen haben mit der individuellen seelischen Erkrankung überhaupt nichts zu tun. Der Effekt nach so einer Reise ist spätestens am zweiten Arbeitstag wieder vorbei.

Verlagsangebot

Der ZEIT Stellenmarkt

Jetzt Jobsuche starten und Stellenangebote mit Perspektive entdecken.

Job finden

Kommentare

6 Kommentare Kommentieren

Scheinbar

sind Sie schlichtweg nicht in der Lage bei diesem Thema zu differenzieren.Oder Sie wollen es gar nicht. Wenn Sie ALLE Zeitungen u Zeitschriften u deren Berichte zum Thema zusammen vermischen, sollten Sie sich lieber selbst hinterfragen anstatt erkrankte Menschen als pauschal als simulanten zu diffamieren. Ganz sicher gibt es viel Blödsinn zum Thema, aber wer Artikel zum Burn-Out in der Super Illu, Gabi, ROsie u sonstwo liest, hat keine Lust sich wirklich mit dem Thema zu beschäftigen sondern nur seine Vorurteile pflegen! Kommentator 2 hat es gut beschrieben.

Vielleicht geht in ein Licht auf, wenn Sie emal auf einen an Burn-Out erkrankten treffen.

Robert Steinhäuser & Co befeuern Vorurteile

Psychische Erkrankungen werden immer noch gerne mit "irre sein" gleich gesetzt. Wer psychisch krank ist, gilt als potenziell gefährlich - wozu auch die Boulevardmedien einen erheblichen Beitrag leisten: Robert Steinhäuser und andere Amokläufer stehen in der Öffentlichkeit für schwerste Verbrechen und als Inbegriff des "gefährlichen Irren" - und sind doch nur bedauerliche Einzelfälle.

Nichtsdestotrotz ist es auf Grund der vielen Vorurteile und Ängste vor "Psychopathen" und "Irren" praktisch unmöglich, jemanden, bei dem erst einmal eine psychische Erkrankung oder Behinderung diagnostiziert wurde, vor der Langzeitarbeitslosigkeit zu bewahren. Und dort bleibt - wenn überhaupt - maximal der 1-Euro-Job als Beschäftigungsmöglichkeit oder eben die Frühverrentung und damit: Altersarmut.

Also wenn mir

eine 19 Jaehrige sagt, das Abitur sei zu viel und sie schon 2 Monate vor den Pruefungen einen "Burn Out" hat und zu Hause bleibt, dann fragen sich Aerzte in der Tat zu Recht, ob sie nicht zu jung fuer einen Burn Out ist. Letztlich ist es doch wieder eine Modekrankheit bei der 80% der Leute es sich selbst einreden und es somit den wirklich betroffenen 20% auch noch schwer machen, ernst genommen zu werden und es noch erschweren, nicht abgezockt zu werden.