BerufseinstiegJung-Designer auf der Walz

Eigentlich gehört die Walz zum Handwerk. Jetzt begeben sich zwei Design-Studenten auf Wanderschaft und bieten Firmen kreative Unternehmensberatung an. von 

Um eines schon mal vorwegzunehmen: Ein reiner Spaß-Trip soll es nicht werden, betonen Philipp Bertisch und Marcel Günthel. Die beiden sind Designer und machen sich am Montag auf die Walz. Ja, auf die Walz – so wie es der Tradition nach Zimmerer seit Jahrhunderten tun. Die Walz haben sich die beiden Studenten der Visuellen Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar als Thema ihrer Diplomarbeit gewählt. Im Selbstversuch und unter dem Titel "Wir gehen schon mal vor!" wollen sie zehn Wochen lang durch Deutschland ziehen und kleinen und mittleren Firmen kreative Unternehmensberatung anbieten. 

"Seit Jahrhunderten gehen Zimmerleute auf die Walz. Auch der Beruf des Designers und Gestalters ist ein handwerklicher", erklärt Marcel Günthel. "Aber er ist noch etwas mehr als das – und darum geht es." Einerseits wollen sich die beiden Designer mit den handwerklichen Teilen ihres Berufs auseinandersetzen, andererseits wollen sie neu an ihren Beruf herangehen und ein anderes Berufsbild entwickeln. Eines, das näher an den Menschen ist. Denn statt wie große Agenturen mit dem Schlagwort "Kreativberatung" große Konzerne als Kunden zu gewinnen, fokussieren sich Bertisch und Günthel auf kleine und mittlere Firmen, auf die direkte Begegnung und auf Vor-Ort-Arbeiten. "Die Walz ist dafür das ideale Mittel", sagt Philipp Bertisch. In einem Video , das die beiden Designer vorab produziert haben, stellen sie ihre Idee vor.

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Ihr Vorhaben ist allerdings gar nicht so neu. Bereits andere Designer haben die Form der Walz für sich entdeckt. So zogen Benjamin Bartels und Max Kohler aus Wiesbaden alias Gringo Grafico im Jahr 2005 sechs Monate lang auf die Walz. Die Grafikdesigner arbeiteten in Agenturen entlang der Panamericana von Vancouver bis Peru. Mit dabei hatten sie ein mobiles Büro mit Laptop, Kamera und Skizzenbüchern. Aus der Tour ist ein Buch entstanden , das sie als Diplomarbeit abgaben und mittlerweile in einem Verlag erschienen ist. 

Anders als Bartels und Kohler wollen die Weimarer Designer aber kein "Praktikumshopping bei Agenturen" machen, erklärt Günthel. Darum ist ihre Reise auf die deutsche Provinz beschränkt, eine ausgearbeitete Route gibt es nicht. Am Montagmorgen werden sich beide an die Autobahn in Weimar stellen und per Anhalter fahren. Wohin, ist egal. "Das Ziel desjenigen, der uns mitnimmt, wird auch unser Ziel sein", erklärt Günthel das Vorhaben. Vielleicht wird der Fahrer sogar schon den ersten Kontakt zu einer Firma haben, vielleicht wird er sie einfach in einer kleinen Gemeinde in Thüringen absetzen.

Und dann? "Dann ziehen wir durch die Stadt oder das Dorf und klopfen bei Firmen an." Also ganz so, wie es Zimmerleute schon seit Jahrhunderten tun. Auch haben die beiden vor, Rituale und Bräuche von Handwerkern auf der Walz neu zu interpretieren. Eine Tracht tragen sie aber nicht. Mit im Gepäck ist das Equipment: Laptop, Kamera, Drucker und Internetzugang. Und zur Sicherheit ein Zelt, falls sie nicht auf Anhieb eine Firma finden, welche einen Auftrag für sie hat.

Bertisch & Günthel
Gehen schon mal los: Die Designer Marcel Günthel (r.) und Philipp Bertisch (l.) begeben sich für zehn Wochen auf die Walz

Gehen schon mal los: Die Designer Marcel Günthel (r.) und Philipp Bertisch (l.) begeben sich für zehn Wochen auf die Walz  |  © Marcel Günthel/Philip Bertisch

Schon im Vorfeld deutet sich allerdings an, dass dies eher nicht das Problem werden dürfte. Denn die beiden Jung-Designer haben sich eine Seite auf Facebook eingerichtet , auf welcher sie live über das Projekt berichten. Während der Walz werden sie hier nicht nur in Postings, Filmen und Fotos zeigen, was sie erleben, sondern ihre Freunde und Fans auch um ihre Meinung bitten. "Zum Beispiel planen wir, die Leute über verschiedene Designs abstimmen zu lassen und um Meinungen und Einschätzungen zu fragen", sagt Günthel. Und natürlich können sich Firmen über die Seite bei den Designern melden. Bereits jetzt haben einige Unternehmen ihr Interesse bekundet.

Kein Wunder: So günstig wie in diesem Fall dürfte eine Kreativberatung, ein Marketingkonzept oder eine Werbekampagne selten zu haben sein. Entsprechend der Walztradition wollen Günthel und Bertisch nur Kost und Logis von den Firmen, für die sie arbeiten. Aber was genau werden sie eigentlich dort tun? "Zuerst werden wir etwa drei bis vier Tage die Firma beobachten und analysieren, an welcher Stelle die Firma unsere Hilfe braucht. Nach dieser Konzeptionsphase präsentieren wir unsere Ergebnisse und machen Vorschläge", sagt Marcel Günthel. "Dann steht es dem Unternehmen frei, sich dafür oder dagegen zu entscheiden." Je nach Entscheidung bleiben die Designer, um die Arbeit zu beenden oder sie setzen ihre Reise fort.

Am Ende ihrer Walz hoffen die beiden Designer, vom Gesellen zum Meister zu werden – und natürlich das Diplom zu bestehen. Die Ergebnisse halten die beiden in einem Buch fest.

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Leserkommentare
  1. Ich weiß nicht ob das sein muß. Grafiker & Freiberufler werden doch eh schon wie die Sau durch's Dorf getrieben. Und als Berufsseinstig auch nicht so wertvoll, denn Kunden die nicht bezahlen wollen gibt es zuhauf - kein Grund auf die Walz zu gehen, das kann man auch wunderbar zuhause haben.

    Wenn man schon gemeinnützig arbeiten will - warum nicht Müll im Park sammeln? Dann hätte jeder was von dieser hergeschenkten Zeit. Man kann sich ja grafisch hochwertig anziehen dazu.

  2. ... von dem die beiden profitieren werden. Auch wenn es die Problematik um die Generation Praktikum weiterhin gibt, ist dies ein sympatischerer Ansatz.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
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