ZEIT ONLINE: Frau Janson, mit wie vielen Kollegen sind Sie eng befreundet?

Simone Janson:  Ich verstehe mich mit vielen sehr gut und wir reden auch über Privates. Aber eine über Jahre gewachsene Freundschaft hat nochmal eine andere Qualität. Bei der Arbeit ist zu enger privater Kontakt nicht immer von Vorteil.

ZEIT ONLINE: Warum nicht? Immerhin ist das Betriebsklima deutlich angenehmer und produktiver, wenn sich Kollegen gut verstehen.

Janson: Gegen gut verstehen ist auch nichts einzuwenden. Immerhin muss man jeden Tag zusammen arbeiten. Freunde kann man sich aussuchen, Kollegen nicht. Sobald sich aber Beziehungs- und Sachebene miteinander vermischen, können Konflikte entstehen. Problematisch wird es beispielsweise dann, wenn ein Kollege mehr will als eine freundliche Arbeitsbeziehung – man selbst aber nicht. Jeder hat vermutlich schon einmal die Erfahrung gemacht, dass ein Kollege sehr viel Privates von sich preisgibt und über persönliche Sorgen berichtet und man selbst nicht weiß, wie man damit umgehen soll. Oder man selbst hat Privates erzählt und bemerkt, dass das dem sympathischen Kollegen unangenehm ist.

ZEIT ONLINE: Dann stellt sich die Frage, wo man die Grenze zieht.

Janson: Genau. Soll man sagen, dass man die Sorgen über die Vertragsverlängerung oder den Ärger über den Chef teilt, aber nichts über die Eheprobleme des Kollegen hören will? Was ist, wenn der Kollege dann beleidigt ist? Die meisten Menschen wünschen sich ein möglichst konfliktfreies Berufsleben und sind entsprechend unsicher. Einerseits ist der Wunsch da, mit den Kollegen befreundet zu sein, weil man Themen hat, die einen verbinden, weil man eine gewisse Nähe auch braucht, um produktiv arbeiten zu können. Andererseits birgt diese Nähe viel Konfliktpotential. Kollegen konkurrieren um Beförderungen. Neid und Missgunst sind vor allem bei Menschen auf einer Hierarchiestufe stark verbreitet. Der Kampf um die Karriere wird noch härter, wenn es keine Distanz mehr gibt und private Informationen missbraucht werden können.

ZEIT ONLINE: Also sollte man sich aus Angst vor einem starken Konkurrenzkampf besser nicht mit Kollegen anfreunden?

Janson: Nein, das wäre der falsche Schluss. Dieser Rat wäre auch nicht realistisch. Privatleben und Arbeitswelt lassen sich auf Dauer nicht strikt trennen. Der Beruf fordert ein wachsendes Maß an Flexibilität. Man zieht für den Job in eine fremde Stadt und verliert auf Dauer die alten Freunde aus Schul- und Studienzeiten. Weil man 9, 10 oder noch mehr Stunden am Tag mit der Arbeit verbringt, hat man irgendwann nur noch Beziehungen zu Menschen, die man aus dem Arbeitskontext heraus kennt. Wie sollte man auch sonst mit anderen Menschen in Kontakt kommen? Die psychischen wie physischen Anforderungen der modernen Arbeitswelt an den einzelnen Mitarbeiter lassen kaum noch Raum, um Freundschaften zu pflegen. Wenn man aber keinen Ausgleich schafft, ist die Gefahr groß, dass ein Arbeitsplatzverlust auch Freundschaftsverlust bedeuten kann. So bekommt Arbeit einen Stellenwert im Leben, der ungesund ist.

ZEIT ONLINE: Karriere macht einsam?

Janson: Das muss nicht sein, aber das Risiko ist da, ja. Stellen wir uns einen jungen Regionalleiter vor, der gerade erst aus dem Kreis seiner alten Kollegen in seine Führungsposition befördert wurde. Viele Menschen berichten nach einem Karrieresprung, dass das gemeinsame Mittagsessen mit den Kollegen plötzlich verkrampfter ist und sich die lieben Kollegen von früher distanzieren, weil man ja nun der Vorgesetzte ist. Das Verhalten ist auch richtig, denn ein Chef muss unliebsame Entscheidungen treffen und das geht umso leichter, je größer die Distanz ist. Viele Führungskräfte suchen sich dann Freunde auf der gleichen Hierarchieebene.