Frage: Herr Abtprimas, der Titel eines Ihrer Bücher lautet Von den Mönchen lernen. Konkret: Was können die heutigen Manager von den Mönchen lernen? Lassen sich einzelne Regeln Ihres Benediktinerordens auf die weltliche Praxis in Unternehmen übertragen?

Notker Wolf: Die Anweisungen der Regel Benedikts von Nursia lassen sich nicht eins zu eins auf das heutige Management übertragen. Denn es geht zunächst einmal um die geistliche Führung der Gemeinschaft. Doch muss auch eine solche Gemeinschaft wirtschaftlichen Bestand haben. Es sind die Regeln der Führung, wie wir mit den Mitarbeitern umgehen, um die Einbindung aller in die Verantwortung, um das Teilen von Verantwortung, auch um die Verantwortung letztlich vor Gott.

Frage: Sie sind als Geistlicher "Chef" von 25.000 Nonnen und Mönchen in einem weltumspannenden "Unternehmen". Wo und wie haben Sie die dazu notwendigen Managerfähigkeiten erworben?

Wolf: Ein solches Management ist weder lehr- noch lernbar. Als Philosophieprofessor habe ich gelernt, Dinge rasch zu durchschauen und zu koordinieren. In meiner Jugend habe ich einige Sprachen gelernt. Wichtig ist das Hören: Ich habe in den ersten beiden Wochen nach meiner Wahl jeden Abt meines Klosterverbandes zu mir gerufen und mir von ihm berichten lassen.

Frage: Im Jahr legen Sie über 300.000 Flugkilometer zurück und werden häufig als Global Player bezeichnet. Woher schöpfen Sie die dazu nötige Kraft?

Wolf: Ich mache aus Jetlags und Schlafstörungen kein Problem. Damit müssen auch andere fertig werden. Die Aufgabenballung kann bei der knappen Zeit zu Stress führen. Doch ziehe ich mir nicht jeden Schuh an. Ich kann nicht alles und muss nicht alles. Musik und Sprachenstudium heben mich auf eine andere Ebene des Menschseins.

Frage: Können Sie auch als Weltreisender die im Klosterleben üblichen Zeiteinteilungen einhalten?

Wolf: Wo ich ankomme, gebe ich mich hinein in das Leben der Klöster. Ich halte meine Gebetsstunden auch im Flieger. Im Gebet bei Gott sein, heißt bei mir selbst sein. Die Zeit für Gott wird zu meiner Zeit.

Frage: Sie haben Sitz und Stimme im Unternehmerbeirat einer großen Kölner Versicherung und damit auch einen weltlichen Job. Gibt es Unterschiede zwischen dem Managersein in einem "geistlichen Unternehmen" und in einem weltlichen?

Wolf: Der Unterschied ist sehr groß. Das Ziel der Effizienz eines geistlichen Unternehmens sind der einzelne Mönch und das Wohl der Gemeinschaft, nicht die Profitmaximierung. Aber ich kann von den andern und ihren Sorgen viel lernen; denn letztlich geht es auch ihnen nicht nur um Gewinn, sondern um die Menschen. Das ist die positive Erfahrung gegen alle Vorurteile.

Frage: Was qualifiziert aus Ihrer Sicht einen Menschen dazu, andere zu führen?

Wolf: Zunächst die Fähigkeit, sich selbst zu führen. Dabei mag manches chaotisch aussehen. Ein gewisses Maß an strategischem Denken und Selbstdisziplin ist notwendig, mehr aber die Liebe zu den Menschen. Man muss die Leute mögen. Dann ist man offen für Vorschläge, manipuliert nicht, sondern hört auf die anderen.

Frage: Ist die Kunst, Menschen zu führen, überhaupt erlernbar?

Wolf: Dafür mag es Trainingskurse geben. Wichtiger ist die Grundeinstellung: Geht es um mich, meine Ehre oder um die der andern?

Frage: Zur Menschenführung gehört Autorität. Wie ist eine solche Autorität zu definieren?

Wolf: Es gibt Autorität von Amts wegen wie beispielsweise Unterschriftenberechtigungen. Eigentliche Autorität bedeutet die Fähigkeit, ein Unternehmen zu fördern. Wirkliche Autorität ist keine rechtliche Frage, sondern eine menschliche. Wahre Führungspersönlichkeiten fördern die Mitarbeiter, ihre Ideen und Vorschläge. Wer hingegen Angst hat, seine Autorität zu verlieren, hat sie schon verloren.