Diskriminierung Trotz Quote zu wenig Jobs für Behinderte

Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern müssen Schwerbehinderte beschäftigen. Doch viele zahlen lieber eine Ausgleichsabgabe – zum Nachteil für alle. Von Peter Ilg

Christina Ziegler an ihrem Arbeitsplatz

Christina Ziegler an ihrem Arbeitsplatz

Christina Ziegler ist kein Mensch, der jammert. "Ich habe keinen Kontakt zu anderen Schwerbehinderten, die ihren Kopf in den Sand stecken, sich bedauern und bemitleiden lassen", sagt sie. All ihre Bekannte mit Behinderung haben einen Job. Sie leben und arbeiten gerne – trotz schwerster Behinderung.

Die 24-Jährige wurde mit einer Fehlbildung an vier Gliedmaßen geboren. Dysmelie an vier Extremitäten, haben die Ärzte zur Mutter gesagt. Warum ihre Tochter mit zwei kurzen Armstümpfen, ohne rechtes Bein und mit einem fehlgebildeten linken Bein auf die Welt kam, konnte der zunächst verzweifelten Mutter niemand sagen. Dass die Tochter ihr Schicksal mutig annimmt, es meistert und psychisch stärker wurde als viele Nicht-Behinderte, konnte sie damals nicht ahnen. Heute ist die Mutter voller Stolz, wenn ihre Tochter morgens auf das Brett mit Rollen steigt – eine Art Skateboard mit Sitz. Mit dem linken Bein, an dem einige Knochen und ein Zeh fehlen, schiebt sie ihr ungewöhnliches Fahrzeug an, Richtung S-Bahn, dann geht es mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Wenn sie bei ihrem Freund war, fährt sie mit dem eigenen Auto, einem behindertengerecht umgebauten Fahrzeug.

Anzeige

Bei der Allianz, ihrem Arbeitgeber, mussten lediglich die Knöpfe im Fahrstuhl tiefer gesetzt werden, damit sie ihren Arbeitsplatz erreicht. Im Büro sitzt sie auf einem höhenverstellbaren Tisch, hält das Telefon mit ihren vier Zehen, bedient damit die Maus, macht sich Notizen oder tippt in die Tastatur. Für Christina Ziegler ist das ganz normal, sie hatte noch nie Hände.

Die junge Frau hat nach dem Abitur Wirtschaftsinformatik an der Berufsakademie Stuttgart studiert. Ihr Ausbildungsbetrieb war schon die Allianz. Im Oktober 2008 hat sie ihr Studium abgeschlossen und wurde übernommen. Seitdem kümmert sie sich um Beratungssoftware für den Außendienst. "Wir sind die Schnittstelle zwischen Programmierern und Anwendern", beschreibt sie ihren Job. Den macht sie nach Auskunft ihres Vorgesetzten mindestens ebenso gut wie alle anderen, ist gleich schnell und nicht häufiger krank. Christina Ziegler ist ein Beispiel dafür, dass schwerbehinderte Menschen selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen können. Von Gesetzes wegen sind ihnen fünf Prozent aller Arbeitsplätze in Deutschland vorbehalten. Soweit die Theorie.

Die Praxis sieht häufig anders aus. Alle privaten und öffentlichen Arbeitgeber mit mindestens 20 Arbeitnehmern sind verpflichtet, Schwerbehinderte zu beschäftigen. In diesen Unternehmen müssen fünf Prozent der Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten besetzt sein. Eine solche Behinderung liegt bei über 50 Grad körperlicher, geistiger oder psychischer Beeinträchtigung vor. Rund 135.000 Unternehmen gibt es in Deutschland, die Schwerbehinderte beschäftigen müssten. Etwa 38.000 Betriebe tun dies nicht, sagt Dorothee Czennia, Referentin Sozialpolitik im Sozialverband VdK Deutschland in Bonn.

Firmen, die die Fünf-Prozent-Quote nicht erfüllen, müssen eine Ausgleichsabgabe zwischen 105 und 290 Euro je Monat und unbesetztem Pflichtarbeitsplatz zahlen. "Viele Arbeitgeber bevorzugen es, sich freizukaufen, wobei die Ausgleichsabgabe keine freiwillige Zahlung ist, die eine Firma der Beschäftigung Schwerbehinderter vorziehen kann", so Czennia. Doch im Alltag werde danach verfahren.

Leser-Kommentare
  1. ... sondern auch der Staat. Nach 600 Bewerbungen mit einem Abischnitt von 1,7 hatte ich ein einziges (!) Vorstellungsgespräch als Schwerbehinderte, und zwar bei der Bundeswehrverwaltung. Ergebnis: Testbeste, mit Abstand. Achja, und natürlich wurde ich nicht genommen. Begründung gab es keine, aber natürlich hätte es geheißen, es wären "geeignetere" Bewerber dagewesen. Wozu ein Einstellungstest über mehrere Tage gemacht wird, um die Eignung festzustellen, weiß ich nicht. Vielleicht ist man ab einer gewissen Note auch nicht mehr geeignet? Was soll ein Behinderter machen? Job einklagen geht wohl schlecht. Wenn ein Unternehmen diskriminiert, kann ich das noch "verstehen". Aber der Staat sollte da mit gutem Beispiel vorangehen. Mein Abi kann ich nach 6 Jahren HartzIV in die Tonne treten!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Trösten Sie sich. Ihren "normalen" Mitmenschen geht es auch nicht besser. Ich hab einen 1,4 Abi, ein abgebrochenes Studium und ein abgeschlossenes als Jahrgangsbester, drei Fremdsprachen, Hefter voll Qualifikationsnachweisen. Danach trotzdem Hartz 4, seit zwei Jahren auf Bewerbungen keine Antwort, kein Vorstellungsgespräch.Diskriminierung wegen des Alters (Anfang 30)? Keine Ahnung. Irgendwas stimmt nicht mit unserer Welt. Trotzdem, gibts nur eine Lösung: Immer weiter machen, irgendwas kommt immer. Man kann auch ohne Arbeit tätig sein.

    Trösten Sie sich. Ihren "normalen" Mitmenschen geht es auch nicht besser. Ich hab einen 1,4 Abi, ein abgebrochenes Studium und ein abgeschlossenes als Jahrgangsbester, drei Fremdsprachen, Hefter voll Qualifikationsnachweisen. Danach trotzdem Hartz 4, seit zwei Jahren auf Bewerbungen keine Antwort, kein Vorstellungsgespräch.Diskriminierung wegen des Alters (Anfang 30)? Keine Ahnung. Irgendwas stimmt nicht mit unserer Welt. Trotzdem, gibts nur eine Lösung: Immer weiter machen, irgendwas kommt immer. Man kann auch ohne Arbeit tätig sein.

  2. Neben evtl.Kosten für interne "Umrüstungen", bzw. Anpassungen für Schwerbehinderte, die von öffentlichen Stellen großteils mitfinanziert werden, befürchten Unternehmer irrtümlich größere Ausfall- und Fehlzeiten während des Beschäftigungs-
    verhältnisses. Personaler haben hier auch entgegengesetzte Erfahrungen gemacht - im positiven Sinne.

    Ich pers. bin von heute auf morgen in eine solche Situation einschl. einer befristeten EU-Rente reingerutscht. Habe immense Anstrengungen unternommen, die gesundheitliche Hürde zu überwinden, die Rente nicht zu verlängern, mich gar noch weiter zu qualifizieren per Studium, um u. a. der Einschätzung einer bestehenden Demotivation seitens UN vorzubeugen.

    Aber, scheinbar, ohne das es entsprechend honoriert wird!

  3. die Beschäftigung eines schwerbehinderten Arbeitnehmers zu vergällen, z. Bsp. mit enormen arbeitsrechtlichen Auflagen bzw. Hürden, denen auf der anderen Seite lediglich eine marginale Strafe in Form einer verhältnismäßig geringen Ausgleichsabgabe entgegen steht, um sich dieser Restriktionen prophylaktisch zu erwehren, sollte der Staat es den Firmen doch besser ein wenig schmackhafter machen, sich bei einer anstehenden Stellenbesetzung eines "gehandikapten" Mitarbeiters zu bedienen.

    An dieser Stelle wären entsprechende finanzielle Zuwendungen und steuerliche Erleichterungen sicher eher ein Anreiz geeignete Arbeitsplätze zu schaffen, respektive Vakanzen zu besetzen, als Arbeitslose immer wieder in sinnlose Maßnahmen zu hetzen, die niemandem nutzen, außer allein einer geschönten Optik der einschlägigen Statistiken des Arbeitsamtes zum (unrealistischen!) Abbild der Arbeitslosigkeit hierzulande.

    Mit geeigneten Maßnahmen, die öffentliche Gelder in eine positive Arbeitsplatzgestaltung investieren würden, statt in staatlichen Repressionen und Augenwischereien zu verschwenden, ließen sich an dieser (richtigeren) Stelle echte Win-Win-Situation herbei führen. Win-Win auf ganzer Linie: Für den Staat, die Unternehmer, die Sozialversicherungen und, last but not least, auch dem schwerbehinderten Menschen, der gerne arbeiten würde und sich mit seinen Fähigkeiten sinnvoll in die Gemeinschaft einbringen möchte!

    Eine Leser-Empfehlung
    • KFlash
    • 19.08.2010 um 13:06 Uhr

    Ich kann mir nicht vorstelle wie das bei den kleinen Betrieben gehen soll.
    Z.B. ein Handwerksbetrieb mit sagen wir mal 20-30 Mitarbeitern. Gehaltsabteilung gibts nicht, die wird ausgelagert. Die Meister haben die Auftragsaquise zu machen und den restlichen Schreibkram macht die Frau vom Chef.
    Wo soll da ein Schwerbehinderter eingestellt werden?
    Bestenfalls eine Zusammenarbeit mit einer Behindertenwerkstadt welche Reinigungskräfte stellt... aber sowas muss es erstmal in der Umgebung geben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ein Behinderter kann die Schreibarbeit erledigen und die Frau vom Chef sucht sich eine normale Stelle. Oder gibt es Geheimnisse in der Buchhaltung, die man lieber in der Familie behält?

    Ein Behinderter kann die Schreibarbeit erledigen und die Frau vom Chef sucht sich eine normale Stelle. Oder gibt es Geheimnisse in der Buchhaltung, die man lieber in der Familie behält?

  4. Wie ich in Eu-Rente ging , hatte ich bei meinem Arbeitgeber wenigstens noch die Möglichkeit meine 25-jährige Berufserfahrung an die heranwachsende Generation weiter zu geben über einige Jahre auf Minnijobbasis, bis dieses aus gesundheitlichen Gründen auch nicht mehr ging.
    Nun abhängen war nie mein Ding und so hatte ich einen neuen Minnijob angefangen, wo ich feststellen musste, das es die reine Abzocke ist. Die haben Schwerbehinderte / Eu- Rentner so Stück für Stück bald in Vollzeit gedrückt für einen Wochenlohn. Der Vertrag lief nur auf 20h im Monat und am Ende kam ganz andere Aufwendungen heraus. Es gibt allso auch welche, die sich an Schwerbehinderten bereichern!

  5. Trösten Sie sich. Ihren "normalen" Mitmenschen geht es auch nicht besser. Ich hab einen 1,4 Abi, ein abgebrochenes Studium und ein abgeschlossenes als Jahrgangsbester, drei Fremdsprachen, Hefter voll Qualifikationsnachweisen. Danach trotzdem Hartz 4, seit zwei Jahren auf Bewerbungen keine Antwort, kein Vorstellungsgespräch.Diskriminierung wegen des Alters (Anfang 30)? Keine Ahnung. Irgendwas stimmt nicht mit unserer Welt. Trotzdem, gibts nur eine Lösung: Immer weiter machen, irgendwas kommt immer. Man kann auch ohne Arbeit tätig sein.

  6. Behinderte finden keine Arbeit, Junge finden keine Arbeit, Alte finden keine Arbeit, 7 000 000 Arbeitsfähige sind ohne Arbeit und die Wirtschaft findet keine Arbeitskräfte? Und Weise will für die AA mehr Spitzengehälter? Wofür wird der eigentlich bezahlt? Wer hinterfragt eigentlich so Selbstverständlichkeitenm? Ist in diesem Staat überhaupt jemand für irgendetwas verantwortlich oder liegen schon für alle Eventualitäten unabhängige Gutachten oder Gerichtsurteile vor?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • macey
    • 21.08.2010 um 21:37 Uhr

    Es wäre besser für die Behinderten , wenn die Regierung wenigstens die Wahrheit über die Arbeitsmarktlage sagen würde und nicht monatlich die Lüge verbreiten würde, so schlimm wäre es gar nicht, bei "nur" 3,5 Millionen Arbeitslosen. Bei dieser Zahl werden die Behinderten oft nicht mitgezählt, weil sie meist unter den 5 Millionen Hartz-IV-Empfängern zu suchen sind, die aus der Statistik einfach hinausgeschmissen werden.
    Behinderte und ältere Arbeitnehmer haben deshalb so große Schwierigkeiten, weil die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt in Wirklichkeit katastrophal ist, weil die Regierung diese Tatsache verleugnet, die Probleme "aussitzt" und deswegen kaum Gegenmaßnahmen trifft und Hilfen anbietet.

    • macey
    • 21.08.2010 um 21:37 Uhr

    Es wäre besser für die Behinderten , wenn die Regierung wenigstens die Wahrheit über die Arbeitsmarktlage sagen würde und nicht monatlich die Lüge verbreiten würde, so schlimm wäre es gar nicht, bei "nur" 3,5 Millionen Arbeitslosen. Bei dieser Zahl werden die Behinderten oft nicht mitgezählt, weil sie meist unter den 5 Millionen Hartz-IV-Empfängern zu suchen sind, die aus der Statistik einfach hinausgeschmissen werden.
    Behinderte und ältere Arbeitnehmer haben deshalb so große Schwierigkeiten, weil die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt in Wirklichkeit katastrophal ist, weil die Regierung diese Tatsache verleugnet, die Probleme "aussitzt" und deswegen kaum Gegenmaßnahmen trifft und Hilfen anbietet.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service