Vorsichtig wie ein Baby aus seinem Bettchen hebt Rudolf Johannes Dick eine Geige aus der Vitrine. Sachte legt er das Instrument zwischen Schulter und Kinn, streicht mit dem Bogen über die Saiten und entlockt der Geige einige wohlklingende Töne. Nur eine kurze Kostprobe, dann legt er das Instrument wieder zurück. "So geht’s", sagt er. In der Tat, so geht’s. Dick kann die Geige nicht nur spielen, er kann das Instrument auch bauen. Vor über 60 Jahren hat er die Ausbildung zum Geigenbauer absolviert, seit mehr als 50 Jahren führt er eine Geigenbauwerkstatt in Bremen, in der er auch Mitarbeiter beschäftigt.

Seit mehreren Jahrzehnten ist Dicks Werkstatt eine beliebte Adresse für alle Liebhaber von Streichinstrumenten. "Reparaturen sind das Hauptgeschäft", sagt Dick. Daneben vermietet und verkauft er auch Geigen und Cellos. "Der Verkauf ist schwieriger geworden; der Bau eines Instruments auf Bestellung kommt selten vor. Anbieter aus dem Ausland machen den heimischen Instrumentenbauern Konkurrenz. "Aussterben wird der Beruf in absehbarerer Zeit nicht", sagt Dick.

Die Ausbildung ist ein staatlich anerkannt und dauert drei Jahre. Die Lehre wird mit der Gesellenprüfung abgeschlossen. Eine Weiterbildung zum Meister oder zur Meisterin ist möglich.

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Ein gewisses handwerkliches Talent sollte man für eine Ausbildung natürlich mitbringen. Auch ein gutes Augenmaß und hervorragendes Gehör müssen gegeben sein. "Man braucht auch ein Gespür dafür, was sich der Kunde vorstellt. Manche möchten den Klang etwas dunkler, manche einen strahlenden Klang. Diesen Wünschen müssen wir Rechnung tragen, aber das lernt man während der Ausbildung", sagt Dick. Und die Instrumente müssen für den Kunden individualisiert werden. "Die Geige oder das Cello muss auf den Spieler persönlich eingestellt werden. Je nach Fingerbeschaffenheit beispielsweise wird der Abstand zwischen den Seiten mal etwas weiter, mal etwas enger gespannt", erklärt Dick.

Während der Ausbildung werden die Auszubildenden in Fächern wie Fachtheorie, Geigenbaukunde, Fachrechnen, Deutsch, Sozialkunde und Musikgeschichte geschult. Und sie lernen natürlich das Handwerk. Beim Instrumentenbau kommt es auf die Wahl der Holzsorte an. "Die Decke und der Boden des Geigenkorpus, dem Klangkörper des Instruments, wird aus zwei Holzplatten zusammengeleimt. Fichte und Ahorn sind am besten geeignet. Das haben die alten Meister uns vorgegeben und das hat auch heute noch Bestand", erzählt der Bremer Geigenbauer. Nach und nach fügt er anschließend die Teile hinzu: Saiten, Steg, Griffbrett. Etwa 200 Stunden dauert es, bis das Instrument fertig ist. Und dann müssen ja noch die Bögen zum Spielen gebaut werden. Auch sie fertigt Dick selbst an und bespannt sie mit echtem Rosshaar.

"Manche Kunden wissen gar nicht, woraus ihre Geige oder ihr Bogen eigentlich gebaut werden", erzählt der Meister, während er an einem Instrument werkelt. Er setzt bei der Arbeit auf Tradition, Maschinen kommen bei ihm kaum zum Einsatz.

Wenn das Instrument fertig ist, wird es getestet. Darum müssen die Geigenbauer das Instrument auch spielen können.

Für Dick gibt es in seinem Beruf keine Schattenseiten. "Es macht Freude, wenn man sieht, wie ein Sechsjähriger Spaß am Spielen hat. Außerdem ist es toll, wenn man ein neues Instrument baut oder ein altes Instrument wieder entdeckt, in mühevoller Handarbeit aufarbeitet und so dem alten Stück wieder tolle Töne entlocken kann." Sagt's und gibt noch einmal eine Kostprobe auf der restaurierten Geige.

  • Arbeitszeit: 38 bis 40 Stunden/Woche
  • Ausbildung: staatlich anerkannter Lehrberuf
  • Gehalt: während der Ausbildung: ab 300 Euro/brutto; nach der Ausbildung: variiert, ab etwa 2100 Euro/brutto, keine tariflichen Vorgaben