ZEIT ONLINE: Frau Stackelberg, in Ihrem Buch Angstfrei arbeiten behaupten Sie, dass Angst wichtig sei. Welche Funktion hat sie denn im Job?

Bettina Stackelberg: Angst hat eine ähnliche biologische Funktion wie Stress . Sie warnt uns vor einer Gefahr. Dahinter steckt ein Problem, das bearbeitet werden will. Wenn wir nicht hinhören, wird sie stärker und kann sogar krank machen. Was wir beachten sollen, ist abhängig davon, wovor man Angst hat: ein Bewerbungsgespräch, eine Gehaltsverhandlung, eine Präsentation, ein cholerischer Chef oder ein möglicher Jobverlust.

ZEIT ONLINE: Die Angst vor einer Präsentation ist nicht so schlimm wie die Furcht, seine Arbeit zu verlieren. Kann man das denn vergleichen?

Stackelberg: Angst hat verschiedene Qualitäten. Man sollte keine Wertung vornehmen und jede Angst ernst nehmen. Man sollte sich fragen: Woher kommt die Angst, was steckt dahinter? Erst wenn wir die Gründe dahinter verstehen, können wir auch die Angst bearbeiten. Jemand, der Angst vor Präsentationen hat, ist möglicherweise ein Perfektionist mit Versagensängsten . In diesem Fall würde ich als Coach meinen Klienten fragen, was denn passieren würde, wenn er Fehler macht. In solchen Gedankenexperimenten kann man sich den wesentlichen Fragen spielerisch nähern.

ZEIT ONLINE: Aber nicht jeder geht gleich zu einem Coach.

Stackelberg: Es hilft schon, mit anderen – zum Beispiel Kollegen – über seine Angst zu sprechen. Allerdings ist das für viele ein Problem. Die Arbeitswelt verlangt von uns Sachlichkeit. Emotionen haben da oft keinen Platz. Dabei braucht es oft nur einen, der sich öffnet, damit es mehreren besser geht. Ich hatte in einem Seminar mit gestandenen Männern aus der Automobilbranche einmal ein Schlüsselerlebnis: Ein Kfz-Meister erzählte abends an der Bar plötzlich von seinen Sorgen, von Mobbing in Betrieb , seinen beruflichen Ängsten und den daraus resultierenden Konflikten in seiner Familie. Die anderen Männer hörten gebannt zu, jeder war plötzlich in seinem Film und einige begannen sogar, sich auszutauschen.

ZEIT ONLINE: Aber an der unbefriedigenden Arbeitssituation hat sich nichts geändert.

Stackelberg: Ich sage auch nicht, dass Reden das Allheilmittel ist. Sich seiner Angst bewusst zu werden und darüber zu sprechen kann zu einer Veränderung der Situation führen. Denn aus dem passiven Angstgefühl heraus entsteht Aktion. Man hat immer die Wahl, ob man sich einer Situation gegenüber ohnmächtig fühlen will oder nicht. Der Werkzeugmeister beispielsweise kündigte und kümmerte sich stärker um seine Familie. Er fand bald eine neue Stelle. Heute geht es ihm und seiner Familie sehr gut.

ZEIT ONLINE: Man muss es sich aber leisten können, seinen Job zu kündigen. Was soll beispielsweise ein älterer Arbeitnehmer mit Kindern in der Ausbildung und einer Hypothek tun, in dessen Firma Rationalisierungsmaßnahmen anstehen? Seine Jobchancen dürften nicht gerade rosig aussehen.

Stackelberg: So jemand hat Existenzangst. Und die kann man nicht mal eben schnell abstellen. Man muss sie stattdessen annehmen und versuchen, sie auszuhalten. Meine Erfahrung aus dem Coaching ist, dass die Klienten dann ruhiger werden. Im nächsten Schritt würde ich fragen, was dem Klienten gut tut. Das können ganz profane Dinge sein. Zum Beispiel ein Abend mit der Familie, Eis essen, ein Spaziergang. Dabei geht es darum, wieder Kraft zu tanken. Erst dann ist der Mensch wieder in der Lage, nach vorne zu blicken und die nächsten Schritte zu erwägen.