Angst im Job : "Der Monsterchef ist auch nur ein Mensch"

Angstfrei arbeiten ist möglich, sagt die Trainerin Bettina Stackelberg. Im Interview gibt sie Tipps, wie man mit der Angst vor dem Chef und Berufssorgen fertig wird.
Berufliche Sorgen können zu einer Belastung werden © Tom Pennington/Getty Images

ZEIT ONLINE: Frau Stackelberg, in Ihrem Buch Angstfrei arbeiten behaupten Sie, dass Angst wichtig sei. Welche Funktion hat sie denn im Job?

Bettina Stackelberg: Angst hat eine ähnliche biologische Funktion wie Stress . Sie warnt uns vor einer Gefahr. Dahinter steckt ein Problem, das bearbeitet werden will. Wenn wir nicht hinhören, wird sie stärker und kann sogar krank machen. Was wir beachten sollen, ist abhängig davon, wovor man Angst hat: ein Bewerbungsgespräch, eine Gehaltsverhandlung, eine Präsentation, ein cholerischer Chef oder ein möglicher Jobverlust.

ZEIT ONLINE: Die Angst vor einer Präsentation ist nicht so schlimm wie die Furcht, seine Arbeit zu verlieren. Kann man das denn vergleichen?

Stackelberg: Angst hat verschiedene Qualitäten. Man sollte keine Wertung vornehmen und jede Angst ernst nehmen. Man sollte sich fragen: Woher kommt die Angst, was steckt dahinter? Erst wenn wir die Gründe dahinter verstehen, können wir auch die Angst bearbeiten. Jemand, der Angst vor Präsentationen hat, ist möglicherweise ein Perfektionist mit Versagensängsten . In diesem Fall würde ich als Coach meinen Klienten fragen, was denn passieren würde, wenn er Fehler macht. In solchen Gedankenexperimenten kann man sich den wesentlichen Fragen spielerisch nähern.

ZEIT ONLINE: Aber nicht jeder geht gleich zu einem Coach.

Stackelberg: Es hilft schon, mit anderen – zum Beispiel Kollegen – über seine Angst zu sprechen. Allerdings ist das für viele ein Problem. Die Arbeitswelt verlangt von uns Sachlichkeit. Emotionen haben da oft keinen Platz. Dabei braucht es oft nur einen, der sich öffnet, damit es mehreren besser geht. Ich hatte in einem Seminar mit gestandenen Männern aus der Automobilbranche einmal ein Schlüsselerlebnis: Ein Kfz-Meister erzählte abends an der Bar plötzlich von seinen Sorgen, von Mobbing in Betrieb , seinen beruflichen Ängsten und den daraus resultierenden Konflikten in seiner Familie. Die anderen Männer hörten gebannt zu, jeder war plötzlich in seinem Film und einige begannen sogar, sich auszutauschen.

Bettina Stackelberg

Bettina Stackelberg arbeitet seit 20 Jahren als Coach und Trainerin. Sie ist Autorin verschiedener Bücher, darunter Selbstbewusstsein: Das Trainingsbuch und Angstfrei arbeiten.

ZEIT ONLINE: Aber an der unbefriedigenden Arbeitssituation hat sich nichts geändert.

Stackelberg: Ich sage auch nicht, dass Reden das Allheilmittel ist. Sich seiner Angst bewusst zu werden und darüber zu sprechen kann zu einer Veränderung der Situation führen. Denn aus dem passiven Angstgefühl heraus entsteht Aktion. Man hat immer die Wahl, ob man sich einer Situation gegenüber ohnmächtig fühlen will oder nicht. Der Werkzeugmeister beispielsweise kündigte und kümmerte sich stärker um seine Familie. Er fand bald eine neue Stelle. Heute geht es ihm und seiner Familie sehr gut.

ZEIT ONLINE: Man muss es sich aber leisten können, seinen Job zu kündigen. Was soll beispielsweise ein älterer Arbeitnehmer mit Kindern in der Ausbildung und einer Hypothek tun, in dessen Firma Rationalisierungsmaßnahmen anstehen? Seine Jobchancen dürften nicht gerade rosig aussehen.

Stackelberg: So jemand hat Existenzangst. Und die kann man nicht mal eben schnell abstellen. Man muss sie stattdessen annehmen und versuchen, sie auszuhalten. Meine Erfahrung aus dem Coaching ist, dass die Klienten dann ruhiger werden. Im nächsten Schritt würde ich fragen, was dem Klienten gut tut. Das können ganz profane Dinge sein. Zum Beispiel ein Abend mit der Familie, Eis essen, ein Spaziergang. Dabei geht es darum, wieder Kraft zu tanken. Erst dann ist der Mensch wieder in der Lage, nach vorne zu blicken und die nächsten Schritte zu erwägen.

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Alternativvorschlag

Solche psychologischen Ansätze sind sicherlich sehr nett und in akuten Fällen teilweise hilfreich. Im Ergebnis führen Sie meistens nur zu einer zeitweisen Linderung des Problems und für gute Umsätze bei den Psychologen, selten zu einer nachhaltigen Lösung.
Für echte Konflikte hätte ich einen Alternativvorschlag, der die Sorgen wirklich langfristig mindert, nicht nur ihre Wahrnehmung: falls vorhanden, frühzeitig in die zuständige Gewerkschaft eintreten, Rechtsberatung in Anspruch nehmen und die Zumutungen des Arbeitsgebers aktiv gemeinschaftlich zurückweisen. Wer das nicht möchte, kann sich schon mal langfristig auf der Couch des Psycho einrichten.

Ja...

"falls vorhanden, frühzeitig in die zuständige Gewerkschaft eintreten, Rechtsberatung in Anspruch nehmen und die Zumutungen des Arbeitsgebers aktiv gemeinschaftlich zurückweisen"

...falls vorhanden. Angesichts der Tatsache dass die Tarifbindung im Landeanflug ist und seit Jahren sinkt, ein zunehmend unbrauchbarer Tip. Ich habe z.B. noch nie in einer Firma mit Gewerkschaft oder auch nur Betriebsrat gearbeitet. Davon abgesehen ist es fast nie einfach ohne erheblichen Stress und Kündigungsgefahr sowas selbst zu organisieren. Die Interessen, Verdienste, Ängste und Loyalitäten unter den Mitarbeitern sind oft sehr unterschiedlich, da braucht es schon eine konkrete einende Gefahr, derer man dann im geltenden zahnlosen deutschen Tarifrecht auch noch was entgegensetzen DARF. Ein seltener und unwahrscheinlicher Fall.

Nicht nur drüber reden, sondern...

den eigenen Verstand gebrauchen, wird da aus meiner bescheidenen Sicht empfohlen, beste(r) 42371.
Sich z. B. zu fragen, _was_ denn im schlimmsten Fall die Folge aus einem eventuellen Versagen ist - wenn man das mal konkret durchdenkt, rücken "gefühlte" schwarze Wolken mitunter auseinander und ein Lichtblick hilft beim Überwinden der Angst. "Den Kopf reißen mir die sicher nicht ab" oder Ähnliches habe ich mir selbst mehr als einmal gesagt, und es HAT geholfen.

Tatsächlich ist das Hauptproblem vieler "geängstigter" Menschen der Mangel an Selbstgefühl, an Selbstwert - dieser Mangel lässt sie dort ausharren, wo sie gerade sind, ohne einen Wechsel auch nur in Erwägung zu ziehen. Weil sie von sich selbst nur erwarten, dass sie dort auch nicht besser zurecht kommen (da wird oben im Artikel auch von der self-fulfilling prophecy geschrieben...).
Selbstverständlich _kann_ man vom Regen in die Traufe kommen (ist mir bei einem beruflichen Wechsel auch schon passiert) - aber das ist immer noch besser, als das ewige Gefühl herumzutragen, es nicht wenigstens mal versucht zu haben.
Und wer ständig als Bewerber abgelehnt wird, muss deshalb nicht unbedingt völlig untauglich sein, sollte aber vielleicht mal an sich selbst kritisch runtergucken und vielleicht die Gründe bei sich selbst suchen, und die dann abzustellen trachten...

Zaubermedizin Buch

Alle paar Meter werden Bücher angepriesen von schlauen Experten geschrieben, die das Wasser neu gewaschen haben. Und nach ein paar Tagen steht es im Regal neben anderen Zauberbüchern und wartet auf die endgültige Verstaubung. Wirken diese magischen Bücher? Mit Sicherheit! Wo vorher ein 30 Euro-Schein im Portemonnaie steckte, klafft jetzt eine Lücke. Hockus-Pokus Verschwindibus!

Der "Monsterchef"

ist in den meisten Betrieben, in welchen Mitarbeiter unter Druck und Angst leiden, vor allem eins: Teil einer Struktur, die genau auf diese Faktoren setzt.
Daß er/sie ein Mensch ist, ist da erstmal eine recht banale Erkenntnis. Daß es helfen würde, würde sich in die Situation des jeweils anderen versetzt, hilft da genau nicht weiter, weil auch dieser "Monsterchef" einen solchen dann meist hat.

'Coaching' unterstützt da tatsächlich den Irrglauben, man könne durch Selbstoptimierung den ganz objektiv bestehenden Druck besser ertragen (was sonst ist 'coaching' außerhalb von Topmanagement, wo es durchaus Sinn hat).

Noch ein weiterer Ratgeber... Mehr nicht.