WeiterbildungMit neuer Technik schneller lesen

E-Mails, Akten, Berichte: Der durchschnittliche Arbeitnehmer liest drei Stunden täglich. Eine neue Methode verspricht eine deutliche Zeitersparnis: Speed-Reading-Kurse. von Victoria Hoffmann

Eine Frau arbeitet sich durch mehrere Bücher

Eine Frau arbeitet sich durch mehrere Bücher  |  © Scott Olson/Getty Images

Ein Harry-Potter-Band hat etwa 600 Seiten. Fans des Zauberlehrlings schaffen das in zwei Tagen – oder aber in 47 Minuten. Ist das möglich? Das behauptet zumindest Anne Jones, die sechsfache Weltmeisterin im Schnell-Lesen. Diese spezielle Technik wird Speed Reading genannt – und erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Auch ohne Harry-Potter-Band sorgen E-Mails, Internet, Fachbücher und Zeitungen täglich für eine Informationsflut, besonders im Job.

Experten schätzen, dass der durchschnittliche Arbeitnehmer täglich drei bis dreieinhalb Stunden mit Lesen verbringt, 70 Prozent unseres Wissens werden so erworben. Ein normaler Leser schafft etwa 240 Wörter pro Minute. Doch dieses Lesetempo lässt sich auf mehr als 500 Wörter verdoppeln oder sogar verdreifachen. So versprechen es zumindest die Veranstalter von Speed-Reading-Kursen.

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Mittlerweile gibt es viele Anbieter, die mit Namen wie "Turbolesen", "PoweReading", "Improved Reading" oder "Speed Reading" um Kunden werben. In Seminaren, die bis zu drei Tage dauern und zwischen 280 und 450 Euro kosten, wird den Teilnehmern eine neue Lesetechnik vermittelt, die unabhängig davon funktionieren soll, ob man nun vom Blatt Papier oder am PC-Bildschirm liest. Die Nachfrage wächst. Vor allem Rechtsanwälte und Mitarbeiter von Finanzinstituten wollen sich fortbilden lassen, sagt Wolfgang Schmitz. Er hat Improved Reading Germany nach australischem Vorbild im Jahr 2003 gegründet, ein weiterer Anbieter. "Die Nachfrage ist kontinuierlich gestiegen, im vergangenen Jahr hatten wir 300 Kurse mit 3000 Teilnehmern", sagt er.

Und wie funktioniert diese Lesetechnik? Walter Uwe Michelmann, Diplom-Pädagoge und Autor des Buches Das Turbo-Lesen, lehnt die herkömmliche Technik ab, bei welcher der Text Wort für Wort gelesen wird. Das Gehirn sei damit unterfordert, der Leser werde unkonzentriert und springe so im Text öfter zurück. Michelmann bringt seinen Schülern bei, ihre Blickspanne von etwa drei Zentimetern (entspricht dem gedruckten Wort "Volkshochschulkurs") zu nutzen und ganze Wortgruppen und Satzteile aufzunehmen. So lasse sich das Lesetempo deutlich erhöhen. Wichtig sei es, den Text vorab schon einmal flüchtig durchzugehen, auf den richtigen Augen-Abstand zum Geschriebenen (40 Zentimeter) zu achten und vor allem die Wörter nicht mitzusprechen, auch nicht in Gedanken. Das mindere die Konzentration. Und für allzu lange Texte empfehlen sie dann doch, diese am besten auf dem Papier zu studieren.

Aber klappt die Technik wirklich? Christian Lüdtke, Versicherungskaufmann in Münster, muss in seinem Job lang und viel lesen. Darum hat er ein Tagesseminar des Managementtrainers Zach Davis besucht und die Schnell-Lesetechnik gelernt.. Anfangs sei er skeptisch gewesen, berichtet er. Doch diese sei schnell verflogen. "Das Seminar war sehr effektiv, ich kann jetzt tatsächlich schneller lesen."

Kritiker warnen vor unseriösen Kurs-Anbietern. Anbieter Wolfgang Schmitz rät deshalb dazu, sich genau über den Veranstalter zu informieren. "Entscheidend ist die langjährige Erfahrung, eine solide wissenschaftliche Basis, ein klar erkennbares Kurskonzept, gute Referenzen und der Verzicht auf esoterische Ansätze. Wer angibt, in kurzen Kursen ein rein visuelles Lesen vermitteln zu können, ist unseriös", sagt er.

(Zuerst erschienen auf Karriere.de)

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Leserkommentare
  1. Ich vermisse den Aspekt der Lust am Lesen. Wenn ich Bücher lese, dann ist das Lesen ja auch ein Selbstzweck. Ich tauche ein in die Welt des Buches, und bei einem guten Buch geht die Phantasie auf Reisen. Das gilt manchmal sogar für Physikbücher.
    Mein Verdacht ist, dass die Schnellleser entweder sowieso nicht verstehen, was sie da lesen, oder dass die schnell-gelesenen Texte das Langsam-Lesen auch nicht wert sind.

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    • Acrux
    • 27. August 2010 10:35 Uhr

    und deswegen auch mit verschiedenen Techniken. Die Schnelllesetechnik extrahiert Information, und ist als solches fuer Meldungen, Memos, erste Meinungsbildung oder zum Nachlesen geeignet.

    Wenn man einen Roman liest, oder auch eine Facharbeit, die man kritisch bewerten moechte, eignet sich diese Technik nicht wirklich, weil das dafuer wichtige "Nachdenken im Hintergrund" der Lesegeschwindigkeit geopfert wird (bzw. fuer dieses Ziel genutzt wird).

    • syst
    • 27. August 2010 9:26 Uhr

    Verwundert schaue ich auf das Datum: Neu wäre dann gerechtfertigt, wenn der Artikel vor 15 Jahren erschienen wäre. Denn schon so lange sind entsprechende Seminare wie Speed- oder auch Alpha-Reeding auf dem Markt. Neu ist jetzt nur noch die unverhohlene Eigenwerbung am Ende des Artikel.

  2. @Peter Elch der Preis und Untertitel der Bücher von Ott und Schmitz sind fast identisch.
    Gerne würde ich das Buch kaufen, aber zum Lesen brauche ich einfach zu lange.
    ;-)

    • Acrux
    • 27. August 2010 10:35 Uhr

    und deswegen auch mit verschiedenen Techniken. Die Schnelllesetechnik extrahiert Information, und ist als solches fuer Meldungen, Memos, erste Meinungsbildung oder zum Nachlesen geeignet.

    Wenn man einen Roman liest, oder auch eine Facharbeit, die man kritisch bewerten moechte, eignet sich diese Technik nicht wirklich, weil das dafuer wichtige "Nachdenken im Hintergrund" der Lesegeschwindigkeit geopfert wird (bzw. fuer dieses Ziel genutzt wird).

    Antwort auf "Und die Lust am Lesen?"
  3. und andere hübsche Komposita der deutschen Sprache benötigen tatsächlich Lesetrainings. Wer seine Alltagssprache auf Englisch hat umstellen müssen, kann sich an das staccato der ein- bis zweisilbigen Wörter zwar erst langsam gewöhnen, kriegt in einer Zeile aber erheblich mehr mitgeteilt. Es geht wohl weniger um die Lesegeschwindigkeit als um das Vertrauen darin, ein neunsilbiges deutsches Wort schnell als Bild erfassen und dann inhaltlich abspeichern zu können. Das kann man schon sinnvoll trainieren. Bewußtes, schönes Lesen ist hiermit wohl nicht möglich. Für Urteile und sonstige kochbuchartige Texte ist sowas aber prima, und viele lesen sich in ihrem Studium durch Kommentare und Lehrbücher tatsächlich wie durch eine Zeitung. Ja, Bücher gibts zum Selbststudium für alles, aber viele zahlen lieber etwas (mehr) Geld, um die blöde Selbstdisziplin nicht ständig herauszufordern. Für Bücher müssen wohl Kurse zum Thema Motivation vorgeschaltet werden. Auweia.

  4. Redaktion

    @markusgreiner: :-) witziger Kommentar, allerdings sind Sie doch nur Vierter.

    An dieser Stelle mal die Frage: Was halten Sie vom schnellen Lesen? Für die Arbeit - Aktenberge, Fachbücher und -artikel etc. – dürfte es ganz nützlich sein. Allerdings kann ich mir auch nicht vorstellen, dass man dabei reflektieren kann. Wer von Ihnen kennt denn solche Schnelllesetechniken oder hat diese mal ausprobiert? Erzählen Sie doch mal von Ihren Erfahrungen. Und aus reiner Neugierde an dieser Stelle: Lesen Sie am Bildschirm eigentlich anders als auf Papier?
    Bin auf Ihre Berichte gespannt!

    Herzliche Grüße aus der ZEIT ONLINE-Redaktion,

    Tina Groll, Redakteurin Karriere

    Antwort auf "Fertig ! Erster ..."
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    • Acrux
    • 27. August 2010 11:57 Uhr

    Ich bin Wissenschaftler und lese (auch online-) Artikel und Fachpaper meistens schnell, auch am Bildschirm. Am Bildschirm lese ich allerdings viel eher nur absatzweise mit Unterbrechungen.

    Nur wenn ich sie aus irgendeinem Grund im Detail verstehen und nachvollziehen will (oder muss), lese ich langsam. Ich hab' weder die Technik des Schnelllesens noch die des Text-"skimmens" formal gelernt, aber erkenne sie schon als die wieder, mit denen ich lese.

    Das Problem ist eher, sich manchmal davon abzuhalten, diese Technik zu benutzen, um ein Buch zu lesen, besonders wenn es mal stellenweise ein wenig langatmig wird. Fuer sowas taugt Schnelllesen m.E. naemlich ueberhaupt nicht, wenn man am Ende des Buches zurueckdenkt haette man die schnellgelesenen Stellen genausogut ueberblaettern koennen.

    @Tina Kroll: Ich nutze Schnelllesen sehr gezielt, um schnell eine gewisse Menge an Fachinformationen aufzunehmen, beispielsweise zur Prüfungsvorbereitung oder um Vorträge auszuarbeiten. Da, wie andere hier schon schrieben, dann die Reflexion während des Lesens fehlte, mache ich nach 30-45 Minuten "Hirnfütterung" eine Pause, in der die Informationen sich setzen und v.a. vernetzen können. In dieser Zeit kann ich putzen, aufräumen, essen, blöde Computerspiele spielen, Klavier üben oder so.
    Wenn ich meinen (Arbeits-)Tag sehr gezielt so einteile, bin ich sehr produktiv - und die Wohnung ist dann auch ordentlicher. :-)

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  • Quelle Karriere.de
  • Schlagworte Gehirn | Konzentration | Rechtsanwalt | Technik | Münster
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