Darf ein Mitarbeiter der katholischen Kirche im Privatleben gegen die Grundsätze der Bibel verstoßen, ohne seinen Arbeitsplatz zu gefährden? Diese Frage wurde jetzt vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte beantwortet: Ja, er darf es. Auch dann, wenn er in seinem Arbeitsvertrag zugesagt hat, sich an die Grundsätze zu halten. Denn er ist ein Mensch und er ist fehlbar.

Trotzdem darf dieses Urteil nicht bedeuten, dass für die Kirche die gleichen Grundsätze wie für ein weltliches Unternehmen gelten, auch wenn die Kirche in Deutschland der zweitgrößte öffentliche Arbeitgeber ist. Die Kirche – sowohl die katholische als auch die evangelische – ist keine weltliche Einrichtung, kein Unternehmen, das sich den Gesetzen der Ökonomie unterwirft und das seine Mitarbeiter als Human Ressources erachtet.

Ebenso ist der Kirchenmitarbeiter nicht nur Arbeitskraft. Er ist Teil der Kirche und muss in ihrem Sinne wirken. Und darum muss er sich an ihre Grundsätze halten. Der Mitarbeiter der Kirche muss Vorbild sein und akzeptieren, dass die Grundsätze sein Privatleben beschränken. Denn er arbeitet für eine Institution, die wichtige soziale und spirituelle Funktionen für die Gesellschaft erfüllt, mit all ihren Einrichtungen und Organisationen. Dies sind die Orte, an denen christliche Werte vermittelt werden. Unsere Gesellschaft fußt auf diesen christlichen Werten, darum genießen die kirchlichen Institutionen auch Sonderrechte.

Diese Sonderrechte sind übrigens älter als die Bundesrepublik Deutschland: Schon in der Weimarer Rechtsverfassung wurde der Kirche und anderen Religionsgemeinschaften das Recht zugestanden, frei von staatlicher Einflussnahme ihre Angelegenheiten zu regeln – auch dann, wenn die staatlichen Gesetze eigentlich etwas anderes vorsehen. Der Gesetzgeber vertraut darauf, dass die Kirche ihre Sonderrechte nicht missbraucht. Darum wurden diese ganz bewusst zuletzt bei der Einführung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) im Paragraf 9 berücksichtigt.

Entsprechend finden sich diverse Urteile von deutschen Gerichten, die dieses Recht untermauern: Eine katholische Ärztin darf keine Abtreibung durchführen (2 BvR 1703/83) und ein Priester, der Kinder missbraucht , darf nicht länger als Priester arbeiten.

Und wie verhält es sich nun mit dem Kirchenmusiker, dessen Ehe scheitert und der eine neue Beziehung eingeht? Wie fehlbar darf ein Mitarbeiter der Kirche sein? Dies ist eine Frage, welche die Kirche für sich eigentlich längst beantwortet hat. Die Antwort dafür steht in der Bibel, nicht im Arbeitsrecht. Denn am Ende muss sich die Kirche an ihre eigenen Moralvorstellungen halten. Es zeugt nicht von Nächstenliebe, einem mehrfachen Familienvater die Existenzgrundlage zu nehmen – mit seiner Ausbildung als Organist hat er wenig Chancen auf eine neue Anstellung.

Die katholische Kirche hätte als Arbeitgeber hier priorisieren müssen: Dass die Liebe zwischen zwei erwachsenen Menschen scheitert, kann und darf passieren. Dass der Mitarbeiter seine Frau betrügt, hätte mit einer Erinnerung an die kirchlichen Werte diszipliniert werden können. Dem Mann aber seine wirtschaftliche Basis zu nehmen, in dem man ihn feuert, ist gleich doppelt falsch: Es ist unmoralisch, weil man auch die Kinder des Mannes damit bestraft, und die Kirche hat ihrem Mitarbeiter damit die Chance genommen, aus seinem Fehler zu lernen und somit als positives Beispiel in seiner Gemeinde zu wirken.

Mit Entscheidungen wie dieser zeigt die Kirche, dass sie als Moralinstanz wieder einmal versagt hat. Damit schafft sie sich selbst ab. Mit ihr werden auch ihre Sonderrechte überflüssig. Dann muss der Staat eingreifen. Die Frage ist nur: Wer entscheidet, wann dafür der rechte Zeitpunkt ist?