PflegebrancheSpagat zwischen Alten- und Aktenpflege

Martina Köppen arbeitet seit 23 Jahren als Altenpflegerin. Ihrem Beruf geht sie mit Hingabe nach, auch wenn sich die Arbeitsbedingungen zunehmend verschlechtert haben. von Nina Catterfeld

An diesem Tag schafft es selbst Martina Köppen nicht, Frau Neuberger* zum Aufstehen zu bewegen. Zwei Finger ihrer rechten Hand klammern sich am Bettgeländer fest. Die anderen stehen in merkwürdigem Winkel ab, sind verkrampft. Frau Neuberger ist schlecht, sie muss würgen. Martina Köppen sitzt an ihrem Bett, streichelt sie und tröstet. Und dann lässt sie Frau Neuberger noch etwas länger schlafen, auch wenn das im regulären Tagesplan so nicht vorgesehen ist. Nach 23 Jahren Berufserfahrung in der stationären Altenpflege weiß Martina Köppen, wie wichtig es ist, sich Zeit für die Bewohner zu nehmen.

Zeit für eigene Bedürfnisse bleibt der 45-jährigen Hamburgerin während ihrer Schicht kaum. Sie trinkt eine Tasse Kaffee im Stehen.

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Jetzt ist Frau Sommer an der Reihe. Während Martina Köppen die demente Bewohnerin auszieht und wäscht, summt sie vor sich hin, ermuntert und lobt: "Das machen Sie prima, meine Gute." Beim Eincremen geht Köppen systematisch vor. Jeder Handgriff dient gleichzeitig der Dekubitus-Prophylaxe, dem Vorbeugen von Druckstellen. Wenn ein Bewohner zuerst auf der linken Seite gelegen hat, wird er auf die rechte gedreht. Die ganze Prozedur dauert etwa 15 Minuten. Das muss für heute reichen, geduscht wurde gestern schon. Später muss in Frau Sommers Akte eingetragen werden, welche Hautstellen gefährdet sind, wie viel sie beim Frühstück getrunken hat und ob ihr die Schokomilchsuppe geschmeckt hat.

Martina Köppen
Martina Köppen

Die Hamburgerin Martina Köppen arbeitet seit 25 Jahren als Altenpflegerin.

Seit ihrer Ausbildungszeit Ende der 1980er Jahre ist die Dokumentation immer wichtiger geworden, erzählt die Altenpflegerin. Besonders durch die Einführung des sogenannten Pflege-TÜV hat die bürokratische Arbeit zugenommen. Seit 2009 werden Pflegeheime einer standardisierten Qualitätsprüfung unterzogen und anschließend benotet. Damit sollen Bedingungen in den Einrichtungen transparenter gemacht und schwerwiegende Mängel aufgedeckt werden. Pro Pflegeheim werden vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen 84 Kriterien geprüft. Größtes Problem dabei: Die Kriterien messen weniger die Qualität der Pflege, als vielmehr den Zustand der Akten. Wenn dort nicht steht, welche Maßnahme wann, wie und wie oft durchgeführt wurde, gibt es Punktabzug.

Als Gesamtnote hat die Hamburger Einrichtung eine 2,9 bei der Prüfung erhalten: befriedigend. Das schlechteste Teilergebnis, eine 3,8, hat Martina Köppens Station für den Umgang mit dementen Bewohnern bekommen. "Da schuftet man sich kaputt und am Ende reicht es doch nicht", sagt sie. Obwohl die Angestellte weiß, wie wichtig eine gute Dokumentation von Krankheitsverläufen für die individuelle Pflege sein kann, ist sie keine überzeugte Kreuzchenmacherin: "Solange ich mich zwischen dem Bewohner und der Dokumentation entscheiden muss, werde ich mich immer für den Bewohner entscheiden."

Wertschöpfung

2007 betrugen die Ausgaben im Gesundheitssektor in Deutschland mehr als 250 Milliarden Euro. Damit machten diese Ausgaben 10,4 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus. Fast 4,5 Millionen Menschen arbeiten im gesamten Gesundheitssektor.

Pflegestufe

Die Pflegestufe richtet sich danach, wie viele Minuten täglich pflegerische Hilfen notwendig sind. Dabei werden vor allem Zeiten für Körperpflege, Toilettengänge, Kleiden, die Nahrungsaufnahme und die Begleitung zu diesen Tätigkeiten (Grundpflege) berücksichtigt. Darüber hinaus ist Zeit für die hauswirtschaftliche Hilfe anrechenbar. Stufe 1: täglich 90 Minuten; Stufe 2: 180 Minuten, Stufe 3: 300 Minuten täglich. Etwa zwei Drittel der Zeit darf die Grundpflege dauern.

Schwarzarbeit

Verschiedene Schätzungen gehen von 100.000 schwarz arbeitenden Pflegekräften in Haushalten aus, etwa 4,3 Prozent des Gesamtvolumens der Schwarzarbeit in Deutschland. Dieses Potenzial ließe sich in mindestens 40.000 legale Arbeitsplätze umwandeln.

Personal und Patienten

In der Pflegebranche sind derzeit mehr als 885.000 Menschen beschäftigt, der Bedarf wird bis 2050 auf etwa zwei Millionen steigen. Etwa 2,25 Millionen Menschen sind in Deutschland heute pflegebedürftig. 2050 dürften es mehr als vier Millionen sein.

Sie will für die alten Menschen da sein, ihre Hand halten, sie beruhigen. Doch gerade diese Fürsorge braucht viel Zeit. Zeit, die von den Kassen nicht bezahlt und daher auch nicht in den Pflegeplänen einkalkuliert wird. Martina Köppen nimmt sie sich trotzdem – oft sogar außerhalb ihrer regulären Schicht.

(Eine Grafik zur Entwicklung des Personalbedarfs gibt es hier).

Die Arbeitsbedingungen sind anstrengend. Kein Wunder, dass es der Pflegebranche an qualifiziertem Nachwuchs mangelt, obwohl seit Ende 2009 für die Ausbildung zur Pflegefachkraft anstatt eines Realschulabschlusses nur noch zehn Jahre allgemeinbildende Schule vorausgesetzt werden.

Leserkommentare
  1. Erst die Akte, dann der Alte. Denn was wird bei Überprüfungen zuerst geprüft? Natürlich die Aktenlage, frei nach dem Motto, ist die Akte gepampert, ist der Alte trocken.
    Das es auch anders geht, zeigt das Alzheimerdorf in Holland:

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1139064/Alzheimersiedlung-i...

    Aber 6000.-€ monatliche Kosten werden in Deutschland nicht von der Pflegeversicherung übernommen. Das machen aber die holländischen Pflegekassen. Hier sind die monatlichen Kosten im Heim ca. 300.-€ Das wird zwar auch nicht von den Kassen gedeckt, ist aber im Vergleich spottbillig. Wenn wir Verhältnisse wie in Holland haben wollen, müssen wir mehr ausgeben. Hier möchte ich nicht ins Heim. Dort fände ich es ganz prima.

  2. ist ein typisch deutsche Problem.

    Wir erwarten Aufsicht und Kontrolle, wenn mal was schief geht. Wir setzen unser Vertrauen nicht in praktisch erwiesene Kompentenz, sondern Qualifikation nach Zeugnis (sprich Aktenlage).
    Der Unterschied ist so groß, wie überall zwischen Theorie und Wirklichkeit.
    Akten sind immer perfekt, sie teilen in Schuld und Unschuld ein, ohne wirklich etwas über Zustände zu sagen.

    Solange wir immer zentraler kontrollieren wollen, wird diese Tatsache immer schlimmer, da der dann Verantwortliche gar keine Ahnung hat und nur nach Aktenlage und nicht nach Faktenlage entscheiden kann.
    Aber nur mit Vertrauen, dem Aushalten und wachsamen Entgegenwirken von Fehlern können sich Verhältnisse bessern.
    Dokumentation enthaftet nur, löst aber kein einzige Problem.

    H.

  3. .....die Kontrolle funktioniert so. Ist die Aktenlage perfekt, ist das obligatorische Interview mit einer geringen Anzahl von Bewohnern kaum noch wichtig, da es unsäglich dumm gestaltet wird , aber kaum die Note verschlechtert.Es werden dementiell erkrankte Bewohner mit Fragen belastet, die ein intaktes Kurzzeitgedächtniss voraussetzen. Das nicht oder falsch beantworten führt für die Einrichtung zurm Punktabzug.
    Die Menschen, die so leichthin Bürokraten genannt werden, wollen die Realität der Bewohner, des Altsein nicht ertragen. Die Leiter der pflegenden Institutionen sind an einer guten Bewertung interessiert. Die Pflegenden müssen sich mit der perfekten Aktenlage enthaften, ansonsten werden sie schuldig/beschuldigt.
    Also, das System läuft doch,hat alles und alle im Griff.
    Die Schwächsten in dieser Absprache werden täglich mit institualisierter Gewalt gematert,egal, wie sich die Pflegenden bemühen. Aber so ist es seit wir Zivilisationen gründen. Da hilft nix, ausser der Mensch macht eine humanistische Weiterentwicklung durch.

  4. Gut, dass es in der Bevölkerung so viele Experten für Altenpflege gibt. Die haben dann wunderbare Ideen, wie man es besser machen könnte, zum Beispiel: Wir Altenpfleger diktieren! Und unsere Sekretärin schreibt dann. Die Idee wäre wirklich genial, wenn wir Briefe schreiben müssten, oder Berichte. Dem ist aber nicht so, wir füllen Vordrucke aus, die mit unserem Handzeichen versehen werden müssen. Und in der ambulanten Pflege, sind diese Vordrucke in den Dokumentationsmappen vor Ort beim Patienten und müssen vor Ort ausgefüllt werden. Was wir dokumentieren ist z. B. die Pflege, Wundversorgung, Lagerung, Ernährung, Trinkmenge, Ausscheidungsmenge, Stuhlgang, Gewicht, Blutzucker-/Blutdruckwerte, Medikamente, Schmerz etc., sowie Angaben zum Allgemeinbefinden, besondere Vorkommnisse (Sturz, Hypo/-Hyperglykämie etc.). Neben dieser täglichen Dokumentation müssen Pflegeplanungen und Arbeitsabläufe verfasst werden, das Sturz-, und Dekubitusrisiko eingeschätzt werden, und die gesamte Dokumentation muss quartalsmäßig überprüft werden. Diese "Schreibarbeiten" sind zwingend vorgeschrieben. Die Lösung liegt nicht darin, sie zu delegieren, sondern zu reduzieren - hier wäre der Gesetzgeber gefordert, sich mit den wirklichen Experten auseinanderzusetzen!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Arbeitsvertrag | Dokumentation | Sommer
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