An diesem Tag schafft es selbst Martina Köppen nicht, Frau Neuberger* zum Aufstehen zu bewegen. Zwei Finger ihrer rechten Hand klammern sich am Bettgeländer fest. Die anderen stehen in merkwürdigem Winkel ab, sind verkrampft. Frau Neuberger ist schlecht, sie muss würgen. Martina Köppen sitzt an ihrem Bett, streichelt sie und tröstet. Und dann lässt sie Frau Neuberger noch etwas länger schlafen, auch wenn das im regulären Tagesplan so nicht vorgesehen ist. Nach 23 Jahren Berufserfahrung in der stationären Altenpflege weiß Martina Köppen, wie wichtig es ist, sich Zeit für die Bewohner zu nehmen.

Zeit für eigene Bedürfnisse bleibt der 45-jährigen Hamburgerin während ihrer Schicht kaum. Sie trinkt eine Tasse Kaffee im Stehen.

Jetzt ist Frau Sommer an der Reihe. Während Martina Köppen die demente Bewohnerin auszieht und wäscht, summt sie vor sich hin, ermuntert und lobt: "Das machen Sie prima, meine Gute." Beim Eincremen geht Köppen systematisch vor. Jeder Handgriff dient gleichzeitig der Dekubitus-Prophylaxe, dem Vorbeugen von Druckstellen. Wenn ein Bewohner zuerst auf der linken Seite gelegen hat, wird er auf die rechte gedreht. Die ganze Prozedur dauert etwa 15 Minuten. Das muss für heute reichen, geduscht wurde gestern schon. Später muss in Frau Sommers Akte eingetragen werden, welche Hautstellen gefährdet sind, wie viel sie beim Frühstück getrunken hat und ob ihr die Schokomilchsuppe geschmeckt hat.

Seit ihrer Ausbildungszeit Ende der 1980er Jahre ist die Dokumentation immer wichtiger geworden, erzählt die Altenpflegerin. Besonders durch die Einführung des sogenannten Pflege-TÜV hat die bürokratische Arbeit zugenommen. Seit 2009 werden Pflegeheime einer standardisierten Qualitätsprüfung unterzogen und anschließend benotet. Damit sollen Bedingungen in den Einrichtungen transparenter gemacht und schwerwiegende Mängel aufgedeckt werden. Pro Pflegeheim werden vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen 84 Kriterien geprüft. Größtes Problem dabei: Die Kriterien messen weniger die Qualität der Pflege, als vielmehr den Zustand der Akten. Wenn dort nicht steht, welche Maßnahme wann, wie und wie oft durchgeführt wurde, gibt es Punktabzug.

Als Gesamtnote hat die Hamburger Einrichtung eine 2,9 bei der Prüfung erhalten: befriedigend. Das schlechteste Teilergebnis, eine 3,8, hat Martina Köppens Station für den Umgang mit dementen Bewohnern bekommen. "Da schuftet man sich kaputt und am Ende reicht es doch nicht", sagt sie. Obwohl die Angestellte weiß, wie wichtig eine gute Dokumentation von Krankheitsverläufen für die individuelle Pflege sein kann, ist sie keine überzeugte Kreuzchenmacherin: "Solange ich mich zwischen dem Bewohner und der Dokumentation entscheiden muss, werde ich mich immer für den Bewohner entscheiden."

Sie will für die alten Menschen da sein, ihre Hand halten, sie beruhigen. Doch gerade diese Fürsorge braucht viel Zeit. Zeit, die von den Kassen nicht bezahlt und daher auch nicht in den Pflegeplänen einkalkuliert wird. Martina Köppen nimmt sie sich trotzdem – oft sogar außerhalb ihrer regulären Schicht.

(Eine Grafik zur Entwicklung des Personalbedarfs gibt es hier).

Die Arbeitsbedingungen sind anstrengend. Kein Wunder, dass es der Pflegebranche an qualifiziertem Nachwuchs mangelt, obwohl seit Ende 2009 für die Ausbildung zur Pflegefachkraft anstatt eines Realschulabschlusses nur noch zehn Jahre allgemeinbildende Schule vorausgesetzt werden.