KreativtechnikenKreativität ist erlernbar

Ständig kreativ zu sein, ist mühsam. Bestimmte Techniken können helfen, wenn man sie erlernt hat. Wir zeigen, welche es gibt und was sie bringen. von 

Neulich hatte Benno van Aerssen mal wieder so einen Kunden. Er bat den Kreativ-Coach, an einem Team-Meeting teilzunehmen. Das Konzept für den Messestand im kommenden Jahr sollte erarbeitet werden. Wenn der Trainer anwesend ist, so dachte der Kunde, wären die Mitarbeiter möglicherweise einfallsreicher. Wirklich geholfen hat das nicht. "Kreativ zu sein, das klappt nicht auf Knopfdruck", sagt van Aerssen. Er weiß wovon er spricht, denn er ist selbst Unternehmer und bietet E-Learning-Lösungen an. Auch da ist Ideenreichtum gefragt. 

"Kreativität braucht Freiraum, eine entsprechende Innovationskultur und Übung", behauptet van Aerssen, der auch Autor eines Buches über Kreativität ist. Nur wer sich frei fühle, könne kreativ werden und habe Ideen. Bei Google zum Beispiel dürfen die Mitarbeiter angeblich 20 Prozent ihrer Arbeitszeit frei für eigene Tüfteleien verwenden, und auch beim Unternehmen 3M bekommen die Entwicklungsingenieure frei, um an eigenen Projekten zu arbeiten. Das Unternehmen gilt als innovativ und wurde 2010 als einer der beliebtesten Arbeitgeber in Deutschland ausgezeichnet. Die Firmen haben erkannt, dass der Perspektivenwechsel erfinderisch machen kann .

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Van Aerssen ist überzeugt, dass sich Kreativität erlernen lässt. Experten haben mehr als 200 verschiedene Techniken entwickeln – viele sind den meisten jedoch unbekannt. "Wenn überhaupt, kennen sie nur zwei: Brainstorming und Mindmapping", sagt van Aerssen.

Als Erfinder des Brainstormings gilt der amerikanische Autor Alex F. Osborn, der seit 1919 in der amerikanischen Werbebranche tätig war und erkannte, dass die Arbeitstreffen den Einfallsreichtum der Mitarbeiter eher begrenzten, statt beförderten. Er legte Regeln fest, die noch heute beim Brainstorming gelten: Zum Beispiel, dass Kritik verboten und jede Idee erst einmal gut ist. "Brainstorming ist das lose Assoziieren von Ideen. Die Methode lässt sich allein und in der Gruppe umsetzen und eignet sich für den Beginn eines kreativen Prozesses", sagt van Aerssen. Großer Nachteil: In Arbeitsteams, in denen Konflikte bestehen, bringen sich häufig nicht alle gleichermaßen ein.

Statt eines Brainstormings könnte hier eine Brainwriting-Methode helfen: Dabei setzen sich die Mitarbeiter in einen Kreis oder an einen Tisch und schreiben ihre Vorschläge auf. Anschließend wird der Zettel an den rechten Partner weitergegeben. Dieser kann die Idee entweder nur lesen, sie erweitern oder etwas ganz Neues vorschlagen. Wenn der Zettel wieder bei seinem Urheber angelangt ist, werden die Ideen ausgewertet. Auf diese Weise spielen alle Teammitglieder auf Augenhöhe mit.

Eine andere Variante, die ebenso alt wie das Brainstorming ist, wurde von dem Filmproduzenten Walt Disney erfunden. Disney entwickelte für sich und seine Mitarbeiter ein Rollenspiel, das heute noch in vielen Unternehmen angewandt wird. "Bei dieser Methode schlüpfen die Mitarbeiter in drei verschiedene Rollen: den Träumer, den Realisten und den Kritiker", erklärt Trainer van Aerssen. So wird eine Idee von allen Seiten beleuchtet.

Ähnlich funktioniert auch die 6-Hüte-Methode, bei der sechs Hüte oder Farben verteilt werden, die einem stereotypen Charakter zugeteilt sind: der Analytiker, der Emotionale, der Kritische, der Optimistische, der Kreative und der Ordnungsliebende. Je nach Aufgabe kann in einem Team jeder eine Rolle ausprobieren oder das gesamte Team betrachtet das Problem aus der Perspektive des jeweiligen Charakters. Auch bei diesem Rollenspiel geht es darum, eine Aufgabe aus möglichst vielen verschiedenen Perspektiven zu analysieren.

Generell lassen sich die Methoden in drei Kategorien unterteilen: Eingangsmethoden wie Brainstorming und Mindmapping, mit denen lose Ideen gesammelt werden, Rollenspiele wie die Walt-Disney-Methode, die dabei helfen, die Perspektive zu verändern und Checklisten.

Leserkommentare
  1. Einer der wesentlichsten Punkte im Artikel ist zwar angedeutet, aber kommt zu kurz:
    Kreativität ist keine Technik sondern eine Einstellungs- und Prozessfrage! Die Einstellung obliegt dem Mitarbeiter: Will ich mich mit neuen auseinandersetzen? Will ich meine Denkmuster in Frage stellen? Wie kann ich Probleme erfassen, mit denen ich "schwanger gehe" und auf einmal in ganz anderen Kontexten Lösungen für mein Problem erkennen?
    Das Prozessthema ist die Verantwortung der Führungskraft: Wie ermutige ich meine Mitarbeiter zum produktiven Querdenken? Wie baue ich genug Spannung und Irritation auf, damit neues entstehen kann? Wie signalisiere ich, dass neues wichtig ist? Wie gestalte ich Prozesse von der Idee zur Umsetzung? Wie fördere ich Kommunikation aber schaffe gleichzeitig auch Räume für Tüftler?
    Damit bekommt dieses Thema auch eine organisationale Ebene - jeder weiss, wie schwer es ist KVP Prozesse am Leben zu halten.

    Die Reduktion auf Techniken, die auch gerne von Unternehmen gewünscht wird, ist unter diesen Gesichtspunkten ziemlich unkreativ.

    • wulewuu
    • 08. Oktober 2010 11:01 Uhr

    Geht es in diesem Artikel nicht ganz allein um "Businesskreativität", um eine Technik zur zielgerichteten Leistungssteigerung im Unternehmensbereich?

    Wahre Kreativität ist sehr viel mehr als eine oberflächliche Technik zur Verbesserung der Unternehmensbilanzen, auch sie kann gefördert werden, z.B. durch den "life art process" nach Anna Halprin.

    Dieser Artikel erscheint mir zu eng gefaßt, ganz einfach Marketing zu sein, kein gutes Beispiel für Kreativität.

    Eine Leserempfehlung
  2. Sicher gibt es ein paar grundlegende Methoden und Einstellungen, die letztendlich irgendwann mal das Hervorrufen, was man so "Kreativität" nennt. Eine Technik a la "man nehme ..." verhält sich zur Kreativität wie die Malerei Raffaels oder Leonardos zu den Ausmalbildern nach Zahlen.
    Andererseits zeigt es den Stellenwert der Kreativität, wenn man sich die ( zumindest im deutschen Sprachraum ) unterlegte Bedeutung von zB "kreative Buchführung" klarmacht. Und angesichts mancher Verhaltensweisen in der Politik, links wie rechts wie Mitte, stellt man doch fest, dass "kreativ" kein deutsches Wort ist ...

  3. Wie weit sind wir gekommen, dass nun eine Debatte angestoßen wird, wie Kreativität durch gewisse Methoden erlernbar sein kann, wenn man bedenkt, dass nach der Evolutionslehre des menschlichen Seins Kreativität eine der wichtigsten Grundlagen der menschlichen Entwicklung ist.

    Beobachtet man kleine Kinder, wenn sie spielen, entdeckt man in jedem Einzelnen ein großes Potential an Kreativität und zwar so unterschiedlich wie Charakter, Geschlecht und soziales Umfeld jedes Menschentypus ist.

    Dies setzt sich fort bis ins hohe Alter, von der frühkindlichen Phase bis zur Vollendung der Pubertät relativ zügig, danach je nach Ausbildung, Lebensumstände, sozialer Weiterbildung und Lebensplanung kontinuierlich langsamer, weil das Kreativpotential allmählich ausgereift ist und je nach Persönlichkeit und Umfeld ausgelebt wird.
    Dass man nun Kreativtechniken anpreist und die Menschen bestimmt nicht allein aus philanthropischer Zuneigung mit der Fülle der Kreativität konfrontiert und zu formen versucht, scheint die Bestätigung dafür zu sein, dass im Laufe unserer modernen menschlichen Entwicklungsgeschichte von der Erziehung im Elternhaus, über die schulische Weiterbildung bis zur Arbeitswelt irgendetwas schief gelaufen sein muss. Wäre das gestalterische, erfinderische und spielerische Element aus Phantasie, Wissen und Energie tatsächlich permanent gefördert worden, müsst man jetzt nicht methodisch Erweckungserlebnisse generieren.
    Darüber sollte einmal nachgedacht werden.

    W. Neisser

    Eine Leserempfehlung
  4. Interessant ist die Tatsache, dass die Kreativitätstechniken selbst schon uralt sind. Ich glaube, von den hier genannten ist die "Sechs Hüte Methode" die jüngste und die ist mindestens 25 Jahre alt. Wäre da nicht mal ein bisschen Kreativität nötig, um auch mal diese Techniken zu revolutionieren?

  5. Jedem der in der Kreativbranche arbeitet, wird vom ersten Tag an gesagt: Eine gute Idee besteht aus einem Prozent Kreativität und 99 % Schweiß und Arbeit. Und damit ist gemeint, das die Idee auf Ihre Umsetzungsfähigkeit überprüft wird. Das gilt für alle Kreativen. Egal ob Musiker, Schriftsteller, Designer, Tänzer, Sänger, Texter, Architekten usw. Die im Artikelbeschriebenen Ideen eignen sich besten falls dazu, eine Kindergeburtstagsparty nett zu gestalten. Im Business - gerade in Werbeagenturen - wird schon seit vielen Jahren ganz anders gearbeitet. Schade, dass darüber im Artikel nichts geschrieben wird. Gerade die Neuroforschung hat viele neue Techniken gebracht, über die es sich gelohnt hätte zu schreiben.

    Eine Leserempfehlung
  6. Kreativität hat man oder nicht. PUNKT. Da kann man sich noch 10000mal in die Runde setzen. Es wird nichts bei raus kommen, wenns die falschen Leute sind. Techniken, um kreativ zu werden. Nicht wirklich. Ich war selbst lange genug in einer Werbebutze. Das einzige, was sie lernen können, ist konkreter bei einem Thema anzusetzen. Das ist Übung und kommt mit der Zeit. Ich stimme meinem Vorredner mit einem Lachen zu. In dem Artikel beschriebene Methoden eignen nicht für einen Kindergeburtstag. Das wars aber auch. Das Schlimme ist: Manche Leute glauben den Mist und fangen an "kreativ" zu werden und uns mit ihrem Müll zu nerven.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Google | Service | Technik | Trainer | Walt Disney
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