Der Chef springt aus dem Fenster und ausländische Investoren übernehmen das angeschlagene Traditionsunternehmen. Für die Vertriebschefin Gabriele Reichenberger und den Buchhalter Andreas Jahrow ist plötzlich nichts mehr wie es war. Dann wird auch noch die junge Kollegin Sabine Heinze die neue Geschäftsführerin. Ob sie ihre Jobs behalten werden?

Das ist der Plot von 10 Stunden , einem Wirtschaftsthriller, den sich der Coach Peter Flume ausgedacht hat. Derzeit ist das Stück im Internet zu sehen: als eine spezielle Form von Unternehmenstheater, das Flume seit 1997 zusammen mit Pädagogen und Schauspielern betreibt, als kreative Methode im Verhaltenstraining . Unternehmenstheater soll Mitarbeiter und Führungskräfte spielerisch mit ihrem Verhalten im Job konfrontieren und ihnen helfen, den Alltag besser zu meistern.

"Theater spricht den Menschen als Menschen an. Er sieht ein Stück, das seiner eigenen Arbeitssituation ähnlich, aber keine 1:1-Abbildung ist, aus der Distanz. Er kann beispielsweise über den Ärger mit seinen Kollegen lachen und so entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, das positiv motiviert", sagt Conny Laabs. Sie ist die Leiterin des Good Vibrations Theater in Köln . Good Vibrations spielt vor allem witzige, für Firmen eigens produzierte Stücke. Zumeist buchen die Unternehmen die Theatergruppe für Firmenfeste, etwa für das 50-jährige Firmenjubiläum: Dann steht die Firmengeschichte im Mittelpunkt, die besonderen Charaktere der Firmengründer oder so manche durchgestandene Krise.

Die Schauspieler arbeiten mit Analogien. Sie führen vorab intensive Gespräche mit den Mitarbeitern, beschäftigen sich mit der Firmengeschichte und wissen genau, welche Fachausdrücke in der Branche und der Firma gängig sind. Sie kennen die Probleme: Gilt der Chef beispielsweise als altmodisch? Wird gerade ein Sparkurs gefahren? Sehr gut, das kann überspitzt in das Stück einfließen.

Mindestvorbereitungszeit sind zwei Wochen, besser ist es aber, wenn die Schauspieler mehr Zeit von der Produktion bis zur Uraufführung haben. "Bei uns gibt es eigentlich immer nur Premiere", sagt Laabs. Nur selten komme es bei großen Unternehmen vor, dass sie ein Stück zwei Mal aufführten.

Wichtig ist das richtige Fingerspitzengefühl. "Ohne Vertrauen geht es nicht", sagt Laabs. Die Schauspieler dürfen es nicht ausnutzen. Das Stück soll zum Lachen anreden, nicht lächerlich machen. Durch die gemeinsam erlebte Theaterpremiere entwickelt sich im Idealfall ein Gemeinschaftsgefühl. Die Mitarbeiter können sich mit dem Gespielten identifizieren, gerade weil das Stück so nah an der Realität ist, und sie erkennen oft ihr eigenes Verhalten in den überspitzt dargestellten Handlungen wieder. Für manchen Vorgesetzten ist dies eine positive Möglichkeit, um festzustellen, wie ihn seine Mitarbeiter sehen. Und für manchen Angestellten ist es eine neue Erfahrung, den Chef über sich selbst lachen zu sehen. So oder so: Das gemeinsame Lachen ist gut für das Betriebsklima und stärkt den Zusammenhalt. 

"Ohne Lachen funktioniert Unternehmenstheater nicht", sagt auch Ali Wichmann. Er ist der Gründer des Scharlatan Theaters in Hamburg , einem der ältesten Unternehmenstheater in Deutschland. Beim Scharlatan Theater arbeiten 25 feste und 50 freie Mitarbeiter: Schauspieler, Theaterpädagogen, Regisseure. Die Truppe bietet unterschiedliche Formate an, auch hier setzt man überwiegend auf eigene Produktionen und auch hier arbeitet man gerne mit Analogien. Wichtig ist den Schauspielern ein ganzheitlicher Ansatz, böse darf es nie werden – aber das Stück muss berühren. Ärger gab es noch nie, gespielt werde immer auf Augenhöhe mit dem Publikum, sagt Wichmann.