Gastarbeiter Dringend benötigt, nicht immer willkommen
Ausländische Fachkräfte werden wichtig. Wie erleben Ausländer den deutschen Arbeitsmarkt? Ein Chinese und eine türkische Gastarbeiterin erzählen.
Am liebsten hätte Herr Wang ja in Deutschland gearbeitet. Und es nun ist wirklich nicht so, dass die deutsche Industrie seine Fähigkeiten nicht wunderbar gebrauchen könnte: Wang Wei (Name geändert) ist 31 Jahre alt und Wirtschaftsingenieur. Studiert hat er in Hamburg, Deutsch spricht er fließend, Briefe schreibt er fehlerlos. Vier Jahre Arbeitserfahrung in einer kleineren Herstellerfirma liegen hinter ihm. Nebenher hat er promoviert.
Dann suchte er eine Vollzeitstelle. 30 Bewerbungen hat er losgeschickt, zehn Gespräche geführt. Genommen hat ihn niemand. "Überqualifiziert", sagten die einen. "Die Fachrichtung stimmt nicht so hundertprozentig", fanden die anderen. Eine Beratungsgesellschaft hätte ihn sofort eingestellt, konnte das aber nicht bei den Kunden durchsetzen: Ob er sich nicht einbürgern lassen könne, fragten sie ihn. Als Chinese werde er in der deutschen Industrie niemals Arbeit finden.
Wang Wei versteht diese Haltung nicht. Immerhin waren im August 39.000 Ingenieursstellen nicht zu besetzen, wie der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) ermittelt hat. So groß war zu diesem Zeitpunkt die Differenz zwischen offenen Stellen und arbeitslos gemeldeten Ingenieuren. Auch sonst werden Fachkräfte gesucht: Ärzte fehlen und IT-Spezialisten, aber auch Lehrer, Erzieher und Altenpfleger. Die demografische Entwicklung wird die Lücke noch vergrößern: Allein in den MINT-Berufen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik werden in zehn Jahren mehr als 200.000 Akademiker fehlen, prognostiziert das Institut für deutsche Wirtschaft in Köln.
Fast ist die Lage wie in den fünfziger und sechziger Jahren. In den Zeiten des Wirtschaftswunders konnten sich Arbeitnehmer ihre Stelle aussuchen – für einfache Tätigkeiten wurden über Anwerbeabkommen mit acht Ländern sogenannte Gastarbeiter ins Land geholt. Italien machte 1955 den Anfang, danach folgten Spanien, Griechenland und die Türkei. Wegen der Ölkrise erließ Bonn 1973 einen Anwerbestopp. Bis 1970 kamen eine Million Gastarbeiter in die Bundesrepublik. Dringend benötigt wurden sie, aber wirklich erwünscht waren sie in weiten Teilen der Bevölkerung nicht.
Eine von ihnen ist die heute 65 Jahre alte Mahmure Akdag – damals eine junge Frau aus der türkischen Provinz, die nie zur Schule gegangen war, aber leidenschaftlich gerne gelesen hat. "Liebesromane, heimlich!", sagt sie. Das Lesen war ihre Eintrittskarte in die Freiheit der westlichen Welt. Zu Hause gab es Probleme, Geld war auch nicht genug da. Als eine Nachbarin von den großen Möglichkeiten in Deutschland erzählte, bewarb sich die damals 23-Jährige. "In der Auswahlstelle in Istanbul wurden wir auf Herz, Nieren und bis hin zu den Zähnen geprüft. Und lesen können musste ich", erinnert sie sich.
Drei Tage und zwei Nächte dauerte die Zugfahrt nach München, von da aus ging es weiter nach Berlin zur Arbeitsstelle im Kabelwerk von Siemens. Am 21. November 1969 hatte Mahmure Akdag ihren ersten Arbeitstag. Der letzte folgte schon bald. Durch Heimweh und die ungewohnte Winterkälte wurde Akdag krank. Dass man eine Krankenversicherung braucht und dann zum Arzt gehen kann, wusste sie nicht. Deutsch konnte sie sowieso nicht. "Wir hatten ja von nichts eine Ahnung", sagt sie heute. Wer half, war die türkische Gemeinschaft, die sich im Berliner Exil damals schon herausbildete. Wer eine Wohnung brauchte oder eine neue Arbeitsstelle, fragte am besten die anderen Einwanderer. Als Akdag heiratete und mit ihrem zweiten Kind schwanger wurde, fuhr sie eine türkische Kollegin für die Entbindung mit dem Auto nach Istanbul. "Was Mutterschutz ist, wusste ich damals nicht", sagt die Rentnerin heute kopfschüttelnd.
Zurückgekehrt nach Deutschland ist sie trotzdem. Denn hier gab es immer Arbeit. Sie arbeitete in einer Konservenfabrik und in einer Textilfabrik für 4,50 DM in der Stunde. "Da mussten wir Stoffbahnen falten. Das war sehr schwer", erinnert sie sich. Die deutschen Kolleginnen hätten eine Mark mehr bekommen, seien aber oft schon nach drei Tagen wieder verschwunden gewesen. 1973 fing sie beim Roten Kreuz an. Erst als Heimpflegerin bei einer alten Dame, die sich zu gerne mit ihr unterhalten hätte, später als Küchenhilfe. "Da habe ich mir gesagt: Jetzt lerne ich Deutsch." Abends nach Dienstschluss übte sie mit drei Heimbewohnern. "Nach einem Jahr konnte ich die Sprache." Und das war der Durchbruch: Erst danach fühlte sich Mahmure Akdag in der Fremde einigermaßen heimisch. "Endlich konnte ich zum Arzt gehen, mich mit den Kollegen und Nachbarn unterhalten, und in der Schule mit den Lehrern sprechen."
- Datum 26.10.2010 - 15:00 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Das, was Wang Wei und viele andere Migranten erleben, wird leider immer noch viel zu selten in den Medien thematisiert. Es ist eine subtile Art von Rassismus und Ausgrenzung, die in anderen Ländern in Europa, allen voran Großbritannien, heute undenkbar wäre.
In Großbritannien existiert bereits seit vielen Jahren eine Art Quotensystem, das den Personalchefs dabei hilft, eine sinnvolle Ausgewogenheit bei der Zusammenstellung der Mitarbeiter herzustellen. Da wird in erster Linie natürlich auf die Fähigkeiten und Erfahrungen der Bewerber geschaut, aber eben auch auf eine Durchmischung der Mitarbeiter hinsichtlich der Herkuntskultur. Die Idee dahinter: unterschiedliche Kulturen und Erfahrungen bereichern das Team. So sieht moderne Arbeitsmarktpolitik im 21. Jahrhundert aus - in Deutschland hinken wir, was das betrifft, den Briten um Kilometer hinterher! Die Sarrazin-Debatte, zumindest WIE sie derzeit geführt wird, ist da wenig hilfreich, sondern eher kontraproduktiv.
Den subtilen Rassismus gibt's auch woanders, z.B. hier in Frankreich relativ stark ausgepraegt. Es wurde empirisch nachgewiesen, dass allein die Adresse ("Auslaendergegend") und der Name ("Mohammed") die Chancen auf ein Vorstellungsgespraech verschlechtern. Ein Quotensystem bzw. Affirmative Action sollte aber keine Option darstellen, denn dadurch wird ja die Diskriminierung nicht wirklich beseitigt. Ausserdem: wer legt denn fest, welche "Durchmischung" die richtige sein soll? Mal abgesehen davon, dass "unterschiedliche Kulturen und Erfahrungen" ein Team nur zu einem bestimmten Grad "bereichern". Bei zu viel Verschiedenheit werden die Effekte eher negativ.
Und das betrifft nicht nur echte Migranten, sondern auch vermeintliche Migranten.
Den subtilen Rassismus gibt's auch woanders, z.B. hier in Frankreich relativ stark ausgepraegt. Es wurde empirisch nachgewiesen, dass allein die Adresse ("Auslaendergegend") und der Name ("Mohammed") die Chancen auf ein Vorstellungsgespraech verschlechtern. Ein Quotensystem bzw. Affirmative Action sollte aber keine Option darstellen, denn dadurch wird ja die Diskriminierung nicht wirklich beseitigt. Ausserdem: wer legt denn fest, welche "Durchmischung" die richtige sein soll? Mal abgesehen davon, dass "unterschiedliche Kulturen und Erfahrungen" ein Team nur zu einem bestimmten Grad "bereichern". Bei zu viel Verschiedenheit werden die Effekte eher negativ.
Und das betrifft nicht nur echte Migranten, sondern auch vermeintliche Migranten.
Den vom VDI reklamierten offenen Stellen stehen noch viel mehr Arbeitslose und qualitativ und quantitativ Unterbeschaeftigte gegenueber.
Die hier beschriebenen Erfahrungen macht *jeder* auf dem deutschen Arbeitsmarkt: gute Jobs sind *sehr* rar.
Aber trotzdem wird die Maer vom Fachkraeftemangel munter weiter verbreitet, dank unserer tollen Medien, die die Lobbyarbeit der Industrie unhinterfragt verbreiten ..
Dann suchte er eine Vollzeitstelle. 30 Bewerbungen hat er losgeschickt, zehn Gespräche geführt. Genommen hat ihn niemand. "Überqualifiziert", sagten die einen. "Die Fachrichtung stimmt nicht so hundertprozentig", fanden die anderen.
Warum wird hier nur über das Schicksal von Zuwanderern gesprochen. Was hier geschrieben steht, ging mir im vergangenen Jahr auch als einheimischem Deutschen (promovierter Diplom-Physiker, BWL-Kenntnisse, 7 Jahre Berufserfahrung) genauso - >100 Bewerbungen, 20 Vorstellungsgespräche.
Am Ende bin ich in der Schweiz gelandet und kann das dreiste Lügenmärchen vom Fachkräftemangel nur mit Wut (wenn ich an den Bewerbungsterror zurückdenke) und Häme (da in der Schweiz vieles besser ist als in Deutschland - nicht nur finanziell) kommentieren.
Aktuell finden nicht nur Zuwanderer keine Stelle. Mehr noch, hochqualifizierte Deutsche werden zu Auswanderern.
Dieser Artikel befasst sich nun mal mit der speziellen Situation von Migranten.
Ich denke, Sie werden bei Ihren Bewerbungsgesprächen nicht so etwas wie dies hier:
"Eine Beratungsgesellschaft hätte ihn sofort eingestellt, konnte das aber nicht bei den Kunden durchsetzen: Ob er sich nicht einbürgern lassen könne, fragten sie ihn. Als Chinese werde er in der deutschen Industrie niemals Arbeit finden."
erlebt haben.
Dieser Artikel befasst sich nun mal mit der speziellen Situation von Migranten.
Ich denke, Sie werden bei Ihren Bewerbungsgesprächen nicht so etwas wie dies hier:
"Eine Beratungsgesellschaft hätte ihn sofort eingestellt, konnte das aber nicht bei den Kunden durchsetzen: Ob er sich nicht einbürgern lassen könne, fragten sie ihn. Als Chinese werde er in der deutschen Industrie niemals Arbeit finden."
erlebt haben.
Wirtschafts-Ingenieur ist kein richtiger Ingenieur. Weder ein richtiger BWLer noch was man unter einem Ingenieur versteht. Ich rate Herrn Wei ein Zweitstudium zum Dipl.Ing./Master Informatiker oder Maschinenbau. Dann wird er auch keine Probleme mehr haben hier in Deutschland eine Stelle zu finden.
Entfernt. Bitte verzichten Sie Ihrerseits auf Provokationen und bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ew
Subtiler Rassismus? Wenn man in der Autowerkstatt als Kunde aufgrund seiner Herkunft des Diebstahl bezichtigt wird, dann ist da nichts Subtiles dran.
Ich kann mir gut vordstellen, dass irgendwann alle gut ausgebildeten Auslaender in DE einfach alle durchschnittlichen Deutschen ignorieren und einfach nur noch ihr Ding drehen.
Entfernt. Bitte verzichten Sie Ihrerseits auf Provokationen und bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ew
Subtiler Rassismus? Wenn man in der Autowerkstatt als Kunde aufgrund seiner Herkunft des Diebstahl bezichtigt wird, dann ist da nichts Subtiles dran.
Ich kann mir gut vordstellen, dass irgendwann alle gut ausgebildeten Auslaender in DE einfach alle durchschnittlichen Deutschen ignorieren und einfach nur noch ihr Ding drehen.
Die Abschlüsse sind doch eh nicht mit deutschen Qualifikationen vergleichbar.
Irgendwie erinnert mich das an das Abitur von Bayern und Baden-Württemberg einerseits und dem Abitur von anderen Bundesländern. Die sind auch nicht miteinander vergleichbar.
Dieser Artikel befasst sich nun mal mit der speziellen Situation von Migranten.
Ich denke, Sie werden bei Ihren Bewerbungsgesprächen nicht so etwas wie dies hier:
"Eine Beratungsgesellschaft hätte ihn sofort eingestellt, konnte das aber nicht bei den Kunden durchsetzen: Ob er sich nicht einbürgern lassen könne, fragten sie ihn. Als Chinese werde er in der deutschen Industrie niemals Arbeit finden."
erlebt haben.
Es freut mich sehr, dass man endlich angefangen hat,die Integrationsfrage aus einer anderen Perspektive zu beleuchten,und zwar aus derjenigen all derer,die über die nötige Bildung und die sprachlichen Voraussetzungen verfügen,um sich erfolgreich zu integrieren,von den "Einheimischen" jedoch nicht völlig akzeptiert werden.Man muss nämlich endlich anfangen,darüber zu diskutieren:Erstens,ob wir (Europäer) wirklich so tolerant sind,wie wir uns vormachen,insbesondere,wenn wir unsere ganze Geschichte in Betracht ziehen;schließlich konnten unsere Vorfahren überall auf dem Planeten,wohin auch sie gingen,mit der autochthonen Bevölkerung selten friedlich zusammenleben,sondern sie mussten ihre Überlegenheit immer wieder behaupten,und ich frage mich,ob diese Mentalität nicht in unserer Ablehnung des Anderen (die nicht zwangsläufig auf Rassismus zurückzuführen ist) in unseren eigenen Ländern und in den Beziehungen mit fremden Zivilisationen(islamische Welt, China usw.)fortwirkt.Zweitens,ob die lokalen Identitäten,die in vielen europäischen Ländern sehr ausgeprägt sind und in vielerlei Hinsicht mit dem Nationalismus eine gewisse Verwandschaft haben,die Ausgrenzung Fremder zur Folge haben.Es gibt kaum ein europäisches Land,wo man diese Resistenz der "Einheimischen" gegenüber den "Fremden" nicht beobachten könnte,wobei in verschiedenen Ländern verschiedene Gruppen als problematisch angesehen werden,in Italien die Rumänen und Chinesen,in Deutschland die Türken,in Griechenland die Albaner usw.
Den subtilen Rassismus gibt's auch woanders, z.B. hier in Frankreich relativ stark ausgepraegt. Es wurde empirisch nachgewiesen, dass allein die Adresse ("Auslaendergegend") und der Name ("Mohammed") die Chancen auf ein Vorstellungsgespraech verschlechtern. Ein Quotensystem bzw. Affirmative Action sollte aber keine Option darstellen, denn dadurch wird ja die Diskriminierung nicht wirklich beseitigt. Ausserdem: wer legt denn fest, welche "Durchmischung" die richtige sein soll? Mal abgesehen davon, dass "unterschiedliche Kulturen und Erfahrungen" ein Team nur zu einem bestimmten Grad "bereichern". Bei zu viel Verschiedenheit werden die Effekte eher negativ.
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