Egoismus : "Wir kooperieren für unseren Vorteil"

Menschen sind auf Zusammenarbeit angelegt, sagt der Psychiater Joachim Bauer. Im Interview erklärt er, warum Egoisten auf Dauer nicht erfolgreich sind.

Frage: Herr Bauer, sind Sie ein Egoist?

Joachim Bauer: Wieso?

Frage: Sie haben dem Interview doch sicher nur zugestimmt, weil Sie sich davon Vorteile versprechen.

Bauer:(lacht) Definitiv nicht. Wie allen anderen Menschen geht es mir um Akzeptanz und Zugehörigkeit. Deswegen beteilige ich mich gerne am öffentlichen Diskurs, und deshalb unterhalten wir uns jetzt.

Frage: Die Gier nach Akzeptanz ist in Wahrheit aber doch ein zutiefst egoistisches Interesse. Besteht hier nicht ein krasser Widerspruch?

Bauer: Nein. Zum Überleben brauchen wir nicht nur Nahrung, sondern auch soziale Anerkennung – einfach deshalb, weil unser Gehirn so konstruiert ist. Die Gier kommt erst dann ins Spiel , wenn Ressourcen knapp sind und die Menschen Angst haben, nicht genug zu bekommen.

Frage: Sind das nicht auch egoistische Motive – bloß altruistisch verkauft?

Bauer: Die Trennung zwischen Egoismus als Profit und Altruismus als Verlust kommt ursprünglich aus der Ökonomie. Man kann das Prinzip der Nutzenmaximierung aber nicht einfach so in die Biologie übertragen.

Frage: Warum nicht?

Joachim Bauer

Joachim Bauer ist Professor an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg und Arzt mit Ausbildung als Internist, Psychotherapeut und Psychiater. Sein Spezialgebiet ist Psychosomatische Medizin.

Bauer: Eins steht fest: Vermeintlich egoistische Wünsche einzelner Personen werden eher erfüllt, wenn sie als Egoisten kooperieren. Die entscheidende Frage ist nun, ob Zusammenarbeit also nur deshalb stattfindet, weil Menschen sich davon irgendeinen Nutzen oder konkrete Vorteile erhoffen.

Frage: Und wie lautet die Antwort?

Bauer: Nein. Schon Kleinkinder kooperieren, selbst wenn sie davon keinen Vorteil haben – und zwar auch dann, wenn der andere nicht die eigenen Gene trägt, also nicht mit ihnen verwandt ist. Die Evolution hat Kooperation entstehen lassen, bevor sie sich – nach ökonomischen Maßstäben – zu lohnen begann.

Frage: Wenn ich etwas für jemanden tue, fühle ich mich danach mit hoher Wahrscheinlichkeit wohler. Ist das nun Egoismus oder Altruismus?

Bauer: Menschen fühlen sich in der Regel besser, wenn sie anderen etwas Gutes getan haben...

Frage: ...demnach ist es ein rein egoistischer Akt, jemandem zu helfen.

Bauer: Nein, wir sind biologisch einfach so konstruiert. Experimente zeigen, dass bei psychisch durchschnittlich gesunden Leuten die Glückssysteme des Gehirns anspringen, wenn sie eine altruistische Entscheidung getroffen haben. Der Mensch ist ein soziales Tier. Moral und Religion sind nicht die Ursache, sondern die Folge dieses Umstandes.

Frage: Und was ist mit dem Selbsterhaltungstrieb?

Bauer: Unser Bemühen, als Person gesehen zu werden, ist das Wichtigste. Selbsterhaltung bedeutet bei uns Menschen, dass wir von anderen Resonanz erhalten, dass wir Akzeptanz und Wertschätzung erfahren. Zahlreiche Studien zeigen: Wem es daran mangelt, der wird nicht nur schneller und häufiger krank. Er lebt auch kürzer.

(Zuerst erschienen in der WirtschaftsWoche )

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Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ganz nebenbei....

"Frage: Sie haben dem Interview doch sicher nur zugestimmt, weil Sie sich davon Vorteile versprechen.

Bauer: (lacht)Definitiv nicht. Wie allen anderen Menschen geht es mir um Akzeptanz und Zugehörigkeit. Deswegen beteilige ich mich gerne am öffentlichen Diskurs, und deshalb unterhalten wir uns jetzt."

Hier sieht man ein Thema der "Egoismus vs Altruismus" Debatte. "Akzeptanz und Zugehörigkeit" sind positive Gefühle und deren Erhalt ein Kunsumgut. Man stellt sich "besser", wenn man davon mehr bekommt. Man handelt aus "egoistischem" Motiv.

So ist das auch mit allen "altruistischen" Handlungen. Man gewinnt daraus ein positives Gefühl. Um das zu mehren handelt man "altruistisch". So tut man letztlich immer das, was man am meisten, nach (auch unterbewussten Abwägungen) aller Aspekte am meisten will. Man handelt immer "egoistisch". Man kann gar nicht anders.

Damit die Anderen aber meinen man wäre anerkennenswert, erzählt man von den Gründen, die aus "egoistischer" Sicht dagegen sprächen. Dabei maximiert man lediglich seine eigenen Wohlgefühle.

Ihre Interpretation zeigt lediglich,

dass Egoismus und Altruismus keinen Gegensatz definieren.
Eine auf solcher Terminologie basierende Dislussion muss fruchtlos bleiben.

Interessanter ist da ein Gegensatz Anständig / Un-Anständig wie hier angedeutet:
http://de.wikipedia.org/w...

Anständig ist, wer die Goldene Regel anwendet
http://de.wikipedia.org/w...
Unanständig ist, wer das für sich selbst(!) nicht tut.

"So ist das auch mit allen

"So ist das auch mit allen "altruistischen" Handlungen. Man gewinnt daraus ein positives Gefühl. Um das zu mehren handelt man "altruistisch". So tut man letztlich immer das, was man am meisten, nach (auch unterbewussten Abwägungen) aller Aspekte am meisten will. Man handelt immer "egoistisch". Man kann gar nicht anders."

Diese definitorische Trennung von Altruismus und Egoismus ist nicht sinnvoll, da sie dazu führt, dass Altruismus nicht existiert (siehe man handelt immer egoistisch).
Sinnvoller ist es, von Nutzenmaximierung zu sprechen, wobei man seinen Nutzen auf Kosten Anderer (egoistisch) maximieren kann oder in Kooperation mit ihnen und damit nützlich für den Anderen (alruistisch).

Letztlich kreist dieser Streit jedoch um eine Frage der Begrifflichkeiten. Interessant wäre herauszufinden, weshalb Menschen in vielen Situationen eben nicht kooperieren.

Guter Kommentar

in der Österreichischen Schule der Ökonomie spricht man von Grenznutzen. Demnach handelt jeder Mensch so, dass er sich von seinem Handeln am meisten verspricht. Dies ist natürlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich, je nach Erziehung, sozialen Umfeld und Intelligenz. Es kommt also zu einer Güterabwägung, an derem Ende die einzelnen Handlungen stehen. Diese sehen bei einem platten Egoisten (Gordon Gekko) anders aus als bei einem Altruisten (Ghandi vielleicht); beide handeln jedoch zu ihrem (vermeintlich) Besten, wenn auch aus ver. Motivationen heraus.

Altruismus ist egoistisch

Seine Ansicht, Altruismus sei keine Art von Egoismus, bringt er nicht wirklich gut rüber.

"Frage: ...demnach ist es ein rein egoistischer Akt, jemandem zu helfen.

Bauer: Nein, wir sind biologisch einfach so konstruiert."

Das widerspricht der Behauptung des Fragestellers doch gar nicht!

Wie ist denn die Definition von Egoismus des Herrn Bauern?

Sehr interessant sind in dem Zusammenhang ...

... die Versuche der Wirtschaftswissenschaften, den Mensch als Homo oeconomicus zu behandeln, der festen vom Eigennutz bestimmten Regeln folgt. Die Hauptregel dabei ist, dass alles, was einen zusätzlichen Nutzen bringt, getan wird und alles irrationale vermieden wird.

Die experimentelle Ökonomie hat gezeigt, dass der Mensch nur in ganz wenigen, eng angelegten Versuchen tatsächlich als Homo oeconomicus handelt. Viel öfter lässt er sich in Versuchsanordnung z. B. von Gerechtigkeitsüberlegungen leiten.

Es hat sich aber auch gezeigt, dass BWL-Studenten mehr Ähnlichkeiten mit dem Homo oeconomicus aufweisen als Studenten anderer Fachrichtungen.

Das deutet auf einen abweichenden Hormonstoffwechsel im Gehirn hin. Mithin wäre zu klären, ob die BWL-Studenten durch das Studium den Pavlovschen Hunden gleich konditioniert werden oder sonstig für hormonelle Dysfunktionen prädestiniert sind. Immerhin gibt es - neu seit der Krise - einige Universitäten, die auch Wirtschaftsethik in die Stundenpläne aufnehmen.