Frage: Herr Bauer, sind Sie ein Egoist?

Joachim Bauer: Wieso?

Frage: Sie haben dem Interview doch sicher nur zugestimmt, weil Sie sich davon Vorteile versprechen.

Bauer:(lacht) Definitiv nicht. Wie allen anderen Menschen geht es mir um Akzeptanz und Zugehörigkeit. Deswegen beteilige ich mich gerne am öffentlichen Diskurs, und deshalb unterhalten wir uns jetzt.

Frage: Die Gier nach Akzeptanz ist in Wahrheit aber doch ein zutiefst egoistisches Interesse. Besteht hier nicht ein krasser Widerspruch?

Bauer: Nein. Zum Überleben brauchen wir nicht nur Nahrung, sondern auch soziale Anerkennung – einfach deshalb, weil unser Gehirn so konstruiert ist. Die Gier kommt erst dann ins Spiel , wenn Ressourcen knapp sind und die Menschen Angst haben, nicht genug zu bekommen.

Frage: Sind das nicht auch egoistische Motive – bloß altruistisch verkauft?

Bauer: Die Trennung zwischen Egoismus als Profit und Altruismus als Verlust kommt ursprünglich aus der Ökonomie. Man kann das Prinzip der Nutzenmaximierung aber nicht einfach so in die Biologie übertragen.

Frage: Warum nicht?

Bauer: Eins steht fest: Vermeintlich egoistische Wünsche einzelner Personen werden eher erfüllt, wenn sie als Egoisten kooperieren. Die entscheidende Frage ist nun, ob Zusammenarbeit also nur deshalb stattfindet, weil Menschen sich davon irgendeinen Nutzen oder konkrete Vorteile erhoffen.

Frage: Und wie lautet die Antwort?

Bauer: Nein. Schon Kleinkinder kooperieren, selbst wenn sie davon keinen Vorteil haben – und zwar auch dann, wenn der andere nicht die eigenen Gene trägt, also nicht mit ihnen verwandt ist. Die Evolution hat Kooperation entstehen lassen, bevor sie sich – nach ökonomischen Maßstäben – zu lohnen begann.

Frage: Wenn ich etwas für jemanden tue, fühle ich mich danach mit hoher Wahrscheinlichkeit wohler. Ist das nun Egoismus oder Altruismus?

Bauer: Menschen fühlen sich in der Regel besser, wenn sie anderen etwas Gutes getan haben...

Frage: ...demnach ist es ein rein egoistischer Akt, jemandem zu helfen.

Bauer: Nein, wir sind biologisch einfach so konstruiert. Experimente zeigen, dass bei psychisch durchschnittlich gesunden Leuten die Glückssysteme des Gehirns anspringen, wenn sie eine altruistische Entscheidung getroffen haben. Der Mensch ist ein soziales Tier. Moral und Religion sind nicht die Ursache, sondern die Folge dieses Umstandes.

Frage: Und was ist mit dem Selbsterhaltungstrieb?

Bauer: Unser Bemühen, als Person gesehen zu werden, ist das Wichtigste. Selbsterhaltung bedeutet bei uns Menschen, dass wir von anderen Resonanz erhalten, dass wir Akzeptanz und Wertschätzung erfahren. Zahlreiche Studien zeigen: Wem es daran mangelt, der wird nicht nur schneller und häufiger krank. Er lebt auch kürzer.

(Zuerst erschienen in der WirtschaftsWoche )