Jeder hat seinen Preis. Der frühere US-Präsident Bill Clinton bekommt rund 200.000 Euro, wenn er einen Vortrag hält . Ex-Kanzler Gerhard Schröder liegt zwischen 70.000 und 100.000 Euro. Bei Angela Merkel dürften ähnliche Redehonorare eingehen, ist sie erst aus dem Amt geschieden. "Für die meisten Politiker beginnt das Geldverdienen nach ihrer aktiven Karriere", erklärt Gabriele Herz, Geschäftsführerin von Worldwide Speakers. Auch Unternehmenschefs gehen oft auf Rede-Tour, sobald sie nicht mehr operativ tätig sind. Vermittelt werden sie dann von Agenturen wie Herz’ Worldwide Speakers. Diese finanzieren sich über Provisionen aufs Rednerhonorar, die meist zwischen 15 und 25 Prozent liegen. Wirklich rentabel wird es für Agenturen also vor allem dann, wenn sie Hochkaräter vermitteln, denn Branchenexperten kriegen "nur" etwa 4.000 bis 10.000 Euro pro Vortrag.

Trotzdem gibt es in Deutschland Redner-Agenturen, die nicht im teuren Promi-Speaker-Business mitmischen. Die stattdessen mit einer Spezialisierung glänzen und unbekannten Rednern eine Chance geben wollen. "Bei uns wird man niemanden finden, der bei Sandra Maischberger auf dem Sofa sitzt", so der Inhaber der Hamburger Agentur für Helden. Andreas Kirsche hat es sich auf die Fahnen geschrieben, "Avantgardisten" zu vermitteln, "also Leute, die Vordenker in ihrem Bereich sind". So hat er etwa den "Ökovisionär" Michael Braungart im Programm, der einen neuen, ununterbrochenen Recycling-Prozess propagiert. Oder den kanadischen Journalisten Jean Carl Honoré; dieser will das Leben in westlichen Gesellschaften entschleunigt wissen. Als "Brand-Eins-Themen" bezeichnet Kirsche jene Aspekte, zu denen er Redner im Programm hat. Er ist immer auf der Suche nach neuen Talenten. Wer von ihm als Sprecher vermittelt werden möchte, braucht vor allem eines: ein "prägnantes, differenzierendes Thema, für das er steht und das er in die Welt tragen will". Und reden muss er können. Mit ein paar Coachings lasse sich das professionalisieren.

Aber helfen Vorträge dabei, beruflich voranzukommen? "Ja", sagt Werner Lauff, Trainer für Rhetorik und Moderation. "Eine Rede bei einer Veranstaltung erspart hundert Dienstreisen und peinliches Antichambrieren bei potenziellen Geschäftspartnern." Man stehe im Mittelpunkt, sei Star auf Zeit. "Und ist man gut, kehrt man mit einem Bündel Visitenkarten zurück." Genau diese Erfahrung hat Regina Mehler, Marketingleiterin der Softwarefirma Adobe, gemacht. Sie spricht von einer "Kettenreaktion": Aus einem einzigen Vortrag hätten sich für sie acht weitere ergeben. Jedes Mal knüpfe sie Kontakte und habe das Gefühl, etwas zu bewegen. In ihren Vorträgen erklärt sie, wie sich mit geringem Budget große Marketing-Erfolge einfahren lassen.

Für Regina Mehler besteht kein Zweifel: Öffentliche Auftritte helfen, sich als Experte zu einem Thema zu positionieren. Und das will sie nun auch anderen Frauen ermöglichen. Denn während all ihrer Vorträge fiel ihr auf, "dass ich immer die einzige Frau auf der Bühne war". Sie habe die Veranstalter darauf angesprochen, die Antwort lautete stets: "Wir würden ja gerne Frauen einladen, aber wir kennen keine." Und so reifte eine Idee, die Mehler gemeinsam mit der PR-Fachfrau Christiane Wolff anging und bei der man sich fragt, warum ihnen eigentlich niemand zuvorgekommen ist: eine Agentur, die nur weibliche Speakers vermittelt, die Women Speaker Foundation. Etwa 15 Frauen registrieren sich pro Woche auf der Online-Plattform, die es seit September gibt. Abends und an den Wochenenden treffen sich die Gründerinnen mit den potenziellen Rednerinnen, besprechen ihr Thema und entscheiden dann, ob sie diejenige aufnehmen.

Kaum gestartet, sei die Nachfrage nach ihren Sprecherinnen "enorm", berichtet Mehler. Klienten von Redneragenturen – ob sie nun Promis verkaufen oder weniger bekannte Speaker – sind in der Regel Verbände und Unternehmen, die Mitarbeiter oder Kunden zu einer Tagung einladen. "Meist ist die Marketingabteilung oder die Assistenz der Geschäftsführung mit der Organisation betraut. Und die ist dankbar, wenn ihr jemand die Suche nach geeigneten Rednern abnimmt", erklärt Gerd Kulhavy, Chef der "Referentenagentur" Speakers Excellence, das Geschäft. "Wir wissen nun mal, wer auf welchem Gebiet Experte ist. Und: Unsere Leute können reden." Zudem übernehmen Agenturen – als Schnittstelle zwischen Veranstalter und Redner – die Honorarverhandlungen.

Kulhavy erinnert sich noch gut an die Zeit, als er nur einer von wenigen Wettbewerbern war: Es sei keine zehn Jahre her, da tauchten vor allem Lautsprecher-Hersteller bei Google.de auf, wenn man "Speaker" eingab. "Inzwischen aber ist das Speakers Business aus den USA zu uns herübergeschwappt und sehr gewachsen." Kulhavy vermittelt unter anderem Redner zu den Themen "Persönlichkeit & Erfolg" oder "Gesundheit & Fitness".

Die meisten professionellen Redner lassen sich übrigens bei verschiedenen Agenturen buchen. Exklusivverträge sind unüblich, denn sie bringen die Agenturen nur unter Zugzwang, denjenigen auch oft zu vermitteln. Wer also plant, sich über Vorträge einen Namen zu machen, kann versuchen, in der Kartei gleich mehrerer Agenturen zu landen. Internet-Star Sascha Lobo lässt sich beispielsweise von vier Agenturen vermitteln. 2009 war der Blogger im Schnitt auf zwei Veranstaltungen pro Woche, in diesem Jahr hat er es mit bislang 50 Auftritten "etwas heruntergefahren".

Lobos Erfahrung: "Redneragenturen haben durchaus ihre Berechtigung, wenn sie gut arbeiten, weil sie dann auch eine Mindestqualität für den buchenden Kunden garantieren können und für beide Parteien eine Referenz der Zuverlässigkeit darstellen." Bei direkten Anfragen könne man als Referent auch reinfallen, vor allem was die Bezahlung angehe. Die meisten seiner Aufträge kämen aber nach wie vor ohne zwischengeschaltete Agentur zustande. Wie bei Regina Mehler, ergab sich nämlich auch bei ihm ein Vortrag aus dem nächsten. "Wenn man in vier Wochen auf vier Podien ist und jedes Mal in den dazugehörigen Fachmedien zitiert wird, dann hat das schon eine Wirkung", so Lobo.