Bewerbung : Darf der Bewerber nach Krankheiten gefragt werden?

Eigentlich sind Fragen nach Krankheiten im Vorstellungsgespräch nicht zulässig. Doch es gibt Ausnahmen. Welche das sind, erklärt Ulf Weigelt in der Arbeitsrechtskolumne.

Ich bin Geschäftsführerin eines kleinen Unternehmens. Wie so oft haben auch wir gerade in dieser Zeit einen Personalwechsel vor uns. Bevor die Gespräche mit Bewerbern starten, möchte ich informiert sein. Wann und wie darf ich im Vorstellungsgespräch Bewerber nach Krankheiten befragen?, fragt Yvonne Werner .

Sehr geehrte Frau Werner,

hierbei ist zu unterscheiden, ob Sie gezielt nach einer Behinderung oder nach einer bloßen Erkrankung fragen.

Jeden Mittwoch beantwortet der Berliner Arbeitsrechtler Ulf Weigelt Fragen zum Arbeitsrecht auf ZEIT ONLINE

Sich nach Behinderungen zu erkundigen, ist nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz nicht zulässig, weil Behinderte nicht benachteiligt werden sollen.

Anders verhält es sich bei einer Erkrankung: Danach zu fragen, ist zulässig. 

Generell dürfen Sie einen Bewerber aufgrund einer Krankheit ablehnen, wenn er Ihnen durch seine Krankheit für den Job als nicht geeignet erscheint.

Doch Vorsicht: Krankheiten unterscheiden sich von Behinderungen mitunter nur durch die voraussichtliche Dauerhaftigkeit der Beeinträchtigung.

Einen Bewerber wegen einer Behinderung abzulehnen, ist hingegen nicht zulässig. Als Behinderung gilt jede Einschränkung, die auf physische, geistige oder psychische Beeinträchtigung zurückzuführen ist und länger als sechs Monate andauert.

Heikel wird es für Sie auch, wenn Sie gezielt nach konkreten Krankheiten fragen . Dann entsteht der Eindruck, Sie versuchen über die Hintertür Informationen zu erhalten. Wenn Sie nicht auf Grundlage des AGG verklagt werden möchten, sollten Sie im Vorstellungsgespräch wie auch in Personalfragebögen auf Fragen nach Krankheiten komplett verzichten.

Ulf Weigelt

Ulf Weigelt ist Anwalt für Arbeitsrecht in Berlin. Auf ZEIT ONLINE beantwortet er jeden Mittwoch in der Serie "Da staunt der Chef" Leserfragen zum Arbeitsrecht. Die Serie ist auch als E-Book erschienen. Weigelt hat mit Sabine Hockling auch den Ratgeber Arbeitsrecht geschrieben.

In bestimmten Fällen sind Bewerber allerdings verpflichtet, krankheitsbedingte Umstände ungefragt offen zu legen. So müsste ein alkoholabhängiger Taxifahrer seinen Arbeitgeber über seine Krankheit informieren, wenn er bereits zu Beginn des Arbeitsverhältnisses aufgrund einer Krankheit seine Arbeitsleistung nicht erbringen kann.

Auch ansteckende Krankheiten oder Erkrankungen, die zur dauerhaft fehlenden Eignung führen, müssen vom Bewerber ungefragt im Bewerbungsgespräch erwähnt werden, zum Beispiel Allergien bei einem Koch. In diesen Fällen sind dann natürlich Fragen nach bestehenden Krankheiten im Vorstellungsgespräch erlaubt.

Ihr Ulf Weigelt

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich kann mich noch gut an ein Gespräch mit einer

Arbeitsmedizinerin erinnern, die ganz klar für die Offenlegung von Krankheiten und Behinderungen war, um den Arbeitnehmer vor gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch die Folgen der Arbeit zu schützen. Das ist in beiderseitigem Interesse.
Die ganze Diskussion und das Arbeitsrecht erscheint ideologisch und emotional völlig überfrachtet. Das grundlegende Interesse des Arbeitgebers liegt in der hohen Produktivität des Arbeitnehmers. Er hat kein Interesse, ihn zu schikanieren oder ihn zu Grunde zu richten.

Macht!

"as grundlegende Interesse des Arbeitgebers liegt in der hohen Produktivität des Arbeitnehmers.Er hat kein Interesse, ihn zu schikanieren oder ihn zu Grunde zu richten."

In welche Welt Leben Sie denn? Gerdae das ist doch Realität in der Arbeitswelt von heute. Arbeitgeber und deren Führungskräfte sind eben nicht die ehrbaren Kaufmänner, die nur ökonomisch handeln. Es geht vor allem darum Macht über andere auszuüben und viele genießen es, andere zu zerstören.

Ökonomie

"Arbeitgeber und deren Führungskräfte sind eben nicht die ehrbaren Kaufmänner, die nur ökonomisch handeln."

Hier kommt es auf die Definition von ökonomischen Handeln an. Aus Sicht der AG kann es durchaus ökonomisch sein einen AN bis an seine Grenzen (und darüber hinaus) zu belasten. Die Schnellebigkeit, auch auf dem Arbeitsmarkt, hat dazu geführt, dass viele Arbeitsverhältnisse nur noch von beschränkter Dauer sind. Und wenn der AG nicht in seine AN investiert hat, ist das Schinden und Auspressen der Untergebenen sogar außerodrdentlich ökonomisch, denn es verspricht den höchsten Gewinn. Wenn die Arbeitskraft nicht mehr die erforderliche Leistung bringt, kann sie durch eine neue ersetzt werden. Die Zeitarbeit ist ein gutes Beispiel dafür.
Der Gesellschaft entsteht so viel Schaden, aber diese muss der AN ja nicht einkalkulieren.

Glücklicherweise ist diese Praxis in den meisten Betrieben keine Realität, von den Ausnahmen lesen wir früher oder später in der Zeitung. Doch wenn man die Zahlen der durch Stress und/oder Depression erkrankten Menschen in diesem Land anschaut, bei denen die Erkrankung auf Arbeitsbedingungen zurückzuführen ist, dann ist ein deutlicher Trend zu erkennen.

Zwei Artikel aus der Zeit dazu:
http://www.zeit.de/2007/3...
http://www.zeit.de/2007/1...

MfG Krisse

von wegen "Machtspielchen"

Arbeitgeber als Machtsüchtig oder Ausbeuter schlechthin darzustellen ist nicht nur beleidigend sondern auch diskriminierend.
Das sollte man mal etwas differenzierter betrachten – vor allem, wenn man mit diesen Menschen ja auch selber auskommen können sollte.
Es soll auch Arbeitgeber geben, die davon abhängig sind, das ihre Angestellten auch arbeiten. Beispiel ein kleines Unternehmen mit 3 Angestellten. Wenn da einer mal eben 2 Wochen krank ist, ist das ein HEFTIGER Schlag: Aufträge können nicht mehr pünktlich erledigt werden, man hat Kosten für quasi Nichts. Diese Seite sollte man auch bedenken. Er chronisch kranker kann so eine kleine Firma locker kaputtmachen. Würden Sie als Chef sich da nicht auch 2mal überlegen, wen Sie einstellen? Man möchte meinen.
Wenn die Firma kaputtgeht, stehen auch die anderen Arbeitnehmer da, und 4 Existenzen sind bedroht.
Kleiner Vereinfachung, aber leicht auch konkretisier bar, den überhaupt nicht so die Ausnahme.

Menschen sind keine Maschinen

Jeder der unternehmerisch tätig wird und dabei auf die Mithilfe Anderer angewiesen ist, muss sich darüber im Klaren sein, dass er Menschen beschäftigt. Menschen die letztlich sein Einkommen erwirtschaften und Menschen können krank werden. Wer damit nicht klar kommt, sollte sich als Ein-Mann-Unternehmer verdingen.

Leider habe ich in Unternehmen fast ausschließlich schlechte Erfahrungen gemacht. Möglicherweise ist in kleinerern Betrieben das Miteinander besser und sachlich korrekter. Schön wär's.

Fragen sind tabu, aber Bluttests sind OK, Schau an, schau an.

Erst kürzlich wurde bei einer Bekannten zur Anstellung bei einem sehr grossen deutschen Staatsunternehmen in Berlin für einen 2 Jahres Vertrag ein Bluttest gefordert. Da dies demnach nach wie vor legale Praxis ist, ist die Frage nach Krankheiten im Vorstellungsgespräch zwar durchaus für die Formalia des Bewerbungsprozesses erwähnenswert, faktisch aber ein Witz, zumindest für Unternehmen die einen Bluttest durchführen lassen.