Seelsorger : Immer nur Zuhören

Sie hören zu, wenn andere Menschen etwas auf dem Herzen haben. Seelsorger brauchen Empathie. Ihr schwieriger Berufsalltag im Beruf der Woche

Peter Brockmann muss in diesen Wochen viele traurige Geschichten hören. Er ist Pastor bei der Bremisch Evangelischen Kirche und ist in diesen Tagen besonders für Alte da. Die Vorweihnachtszeit hat es in sich. Jetzt fühlen sich viele einsam. Und so tut Peter Brockmann derzeit vor allem eins: zuhören und Beistand geben.

Ob Einkaufsstress im Kaufhaus, Verkehrschaos in der Innenstadt, ob in Altenheimen oder im Krankenhaus: Die Menschen seien empfindsamer, dünnhäutiger, sagt Brockmann. "Wir haben vor Weihnachten nicht unbedingt mehr zu tun", sagt er. Aber: In dieser Zeit sind die Geschichten der Menschen intensiver. Viele blicken gerade jetzt zurück und ziehen Bilanz. "Für einige ist das belastend", sagt der Pastor. Alte erinnern sich an die Weihnachtsfeste in ihrer Kindheit, Kranke fühlen sich besonders hilflos und Gefangene erst recht von der Außenwelt abgeschnitten. Darum besuchen Brockmann und seine Kollegen vor allem diese Einrichtungen.

Sie drängen sich den Menschen nicht auf, aber stellen sich jedem Gespräch – auch wenn es manchmal für die Seelsorger selbst schwierig ist. Dann kommen auch sie an ihre Grenzen. "Wir müssen sehr aufmerksam sein und erkennen, wann die Arbeit über das hinausgeht, was wir leisten können", sagt Peter Brockmann. Dann holt er sich professionelle Hilfe dazu. Die Qualität der Seelsorge hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert. Die meisten Seelsorger verfügen über ein gutes Netzwerk aus Hilfseinrichtungen und Therapeuten. Denn einen therapeutischen Anspruch hat ihre Arbeit nicht. "Wir müssen uns abgrenzen und verweisen dann eben an die Spezialisten", erklärt der Pastor. 

© Tim Boyle/Getty Images

Für den Kirchenmann ist der Beruf eng mit dem Christentum verknüpft. In der Seelsorge gibt es verschiedene Felder, dazu gehören unter anderem die Gefängnisseelsorge, die Krankenhauseelsorge, die Polizei- und Notfallseelsorge oder die Telefonseelsorge. "Auch die Gemeindeseelsorge ist ein wichtiger Bereich, wenn auch kein spezielles Einsatzgebiet", sagt Brockmann.

Die Berufsbezeichnung Seelsorger ist nicht geschützt, prinzipiell könnte jeder als Seelsorger arbeiten. Wichtigste Berufsvoraussetzung ist Einfühlungsvermögen und Menschenliebe. Die meisten, die diesen Beruf ausüben, sind gläubige Christen. Viele haben eine pädagogische, therapeutische oder theologische Ausbildung. Seelsorge ist auch Teil des Theologiestudiums , zusätzlich gibt es für jeden Bereich spezielle Ausbildungen. Jemand, der in Krisengebieten arbeitet, braucht schließlich andere Qualifikationen als jemand, der für eine Kirchengemeinde tätig ist.

Die meisten Seelsorger haben eine hauptamtliche Stelle in Kircheneinrichtungen , bei Behörden oder Hilfsorganisationen. Aber es gibt auch Seelsorger, die ehrenamtlich unterwegs sind. Zuhören können und einfühlsam sein – was einfach klingt, kann mitunter sehr anstrengend sein. Nicht selten brauchen Seelsorger selbst Hilfe.

"Wir sind Menschen wie du ich. Wir bieten in Krisensituationen an, dass Menschen sich entlasten können – und manchmal belasten uns diese Situationen selbst. Dann brauchen wir Menschen, mit denen wir das verarbeiten können, um gesund und arbeitsfähig zu bleiben", sagt Brockmann.

Darum ist der kollegiale Austausch unter Seelsorgern sehr wichtig. Und die Erfahrung. Denn erst mit der Zeit, so Brockmann, könne man das Private vom Beruflichen trennen. Trotz der belastenden und schwierigen Arbeit empfindet Peter Brockmann seinen Dienst an der Menschlichkeit als Selbstverständlichkeit. "Es ist schön zu sehen, dass man durch Zuhören so viel bewirken kann."

  • Arbeitszeit: variiert
  • Ausbildung: spezielle Schulungen, Theologiestudium
  • Verdienst: variiert
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Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Noch'n Sozialarbeiter

Die Einwürfe des Herrn Pastor Brockmann sind typisch für das Elend der deutschen Kirchen, die in ihrer Mehrheit keine religiösen Überzeugungen mehr vertreten. Sie sind zu reinen Erziehungs- und Sozialunternehmen herabgesunken. Als solche werden sie von einem Staat, dessen politische Ausrichtung keinen Rückhalt im Volk mehr hat, funktionalisiert. Die geistige Leere im Politischen und die daraus resultierenden gesellschaftlichen Verwerfungen sollen offenbar durch diese Art von Seelsorge ruhiggestellt werden.

von der 'Heilskirche' zur 'Sozialkirche'

@Neven Due Mong

"das Elend der deutschen Kirchen, die in ihrer Mehrheit keine religiösen Überzeugungen mehr vertreten. Sie sind zu reinen Erziehungs- und Sozialunternehmen herabgesunken."

Diese Rolle haben die Kirchen selbst gewählt. Wie hat es Dr. Carsten Frerk (Autor Violettbuch) treffend ausgedrückt: "auf dem Weg von der 'Heilskirche' (Wahrheit des Glaubens) zur 'Sozialkirche' (Sie tun ja soviel Gutes).

http://hpd.de/node/10704?...

"Sie tun ja soviel Gutes" diesem Irrglauben verfallen auch viele Atheisten.

"Als solche werden sie von einem Staat, dessen politische Ausrichtung keinen Rückhalt im Volk mehr hat, funktionalisiert."

Umgekehrt wir ein Schuh daraus! Kirchen sichern mit ihrem Monopol auf dem Sozialmarkt ihre Stellung in der Gesellschaft.

Frank Naumann

Elend der deutschen Kirchen?

@Neven Due Mong: Ihr Vorwurf, dass die deutschen Kirchen in ihrer Mehrheit keine religiösen Überzeugungen mehr vertreten, ist ungerecht. Ehrenamtliche eund Freiwillige, Pfarrerinnen und Pfarrer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemühen sich darum, ihre religiösen Überzeugungen so in ihrer Arbeit umzusetzen, dass sie diese anderen nicht aufzwingen. Diese undogmatische Grundhaltung heisst aber nicht, dass sie keine religiösen Überzeugungen mehr vertreten. Allerdings sehe ich auch, dass unser Profil manchmal zu unleserlich geworden ist, wie es der Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes neulich formuliert hat. Das darf aber nicht heissen, wieder dogmatischer aufzutreten, sondern immer neu zu fragen, wie wir nahe bei Gott und nahe bei den Menschen sein können. Vielfalt und unterschiedliche Zugänge zum Glauben sind kein Defizit, sondern eine Qualität.
Evelyne Finger hat in ihrem Weihnachtsartikel in der ZEIT die Grundspannung treffend formuliert: "Das ist überhaupt der Grundwiderspruch aller Religion in der Demokratie: dass wir letzte Begründungen für Werte suchen, aber Dogmen ablehnen. Wenn das Christentum diesen Widerspruch anerkennt und offen debattiert, statt sich hinter altem Halleluja zu verstecken, dann hat die Kirche auch nach Weihnachten noch eine Chance."

Monopoly

Religion wird vor allem an ihren Taten erkennbar. Eine reine Verkündigung die sich auf jenseitiges zurückzieht will doch auch keiner haben.

Historisch muss man leider zugestehen, dass die Kirchen in der Sicherung von Wohlfahrt die Pionierstellung eingenommen haben. Diese Leistungen sind zunehmend vom Nationalstaat übernommen worden, um Legitimation zu erhalten. In Deutschlang existiert ein Korporatismus in dem der Staat zahlt und dritte die Leistung erbringen. Sie können es auch staatlich haben, dann einige sie Sozialist schimpfen oder auch gar nicht, dann sind eben ein Neoliberaler oder oder oder.
Oder sie werden selbst zum "Sozialunternehmer" statt auf ein vermeintliches Monopol zu schimpfen. Wo nehmen sie denn das mit dem Monopol her? Sie haben recht dass Kirchen sehr starke Sozialverbände sind. Aber die sind Teil der Wohlfahrtspflege, neben anderen konfessionslosen Organisationen. Wo sehen sie ihr Monopol?

Leider nicht sehr aussagekräftig

Leider ist dieser Artikel nicht sehr aussagekräftig. Natürlich hören wir als Seelsorger (ich bin Pfarrerin) zu. Und wir hören viel, denn die Not ist allenthalben groß (nicht nur vor Weihnachten), und daher hören wir auch sehr viel zu.

Doch beim reinen Zuhören stehen zu bleiben, ist nicht unsere Aufgabe. Das wäre auch ziemlich trostlos ... Vielmehr sollen wir als christliche Seelsorger Menschen Hoffnung und Trost vermitteln im christlichen Glauben, ihnen helfen, sich Gott zuzuwenden, ihm ihre Fragen und Nöte anzuvertrauen, ihr Leben vor ihm anzuschauen und vielleicht auch zu verändern. Wir begleiten Menschen, doch in dem Verständnis, dass wir damit Werkzeuge Gottes sind, also nicht nur aus uns selbst heraus handeln, und dass wir genauso wie unsere Ratsuchenden mit unseren Fragen und Nöten vor ihm stehen und Wege suchen.

(Fortsetzung ...)

Leider nicht sehr aussagekräftig 2

(...)

Diese Begleitung braucht Kompetenz. Natürlich kann jeder seinem Mitmenschen zum Seelsorger werden (sollte es sogar, dann ginge es sicher vielen Menschen besser). Doch für eine längerfristige Begleitung sind persönlich gereifte "Fachfrauen/-männer" oft (nicht immer!) besser geeignet, da sie neben der persönlichen Eignung über das nötige Fachwissen verfügen. Nötig ist meines Erachtens: Einfühlungsvermögen und Liebe zum anderen (wie der Autor völlig richtig schrieb), Geduld, Wissen um Gesprächsführung und seelische und körperliche Reaktionen (z.B. in Notfällen) und Erkrankungen, die Bereitschaft, den anderen als mündigen Menschen anzuerkennen und seine eigenen Wege gehen zu lassen, vorallem theologische Kompetenz, also Sprachfähigkeit über Gott und den Glauben, Reife im eigenen Leben und Glauben.

Mir ist bewusst, dass viele Menschen Seelsorge anders erleben. Insbesondere bei der Telefonseelsorge ist oft vom christlichen Glauben, der ja eigentlich die Basis dieser wichtigen Arbeit ist, nicht viel zu spüren. Stattdessen werden Menschen rein nach weltlichen Modellen beraten. Bitte richtig verstehen: dieses Handwerkszeug will ich nicht schlechtreden, es wird vielen damit geholfen. Und doch lässt dieses schmalbrüstige Verständnis von Seelsorge die Ratsuchenden mit ihren existenziellen Fragen (woher komme ich? wohin gehe ich? wer bin ich? ...) vielfach allein. Übrigens nicht nur bei der Telefonseelsorge, sondern auch immer wieder in der Gemeindeseelsorge.

(Fortsetzung ...)

Interessanter Einblick

Liebe Karry_On,

vielen herzlichen Dank für Ihren ausgewogenen und interessanten Kommentar und den spannenden Einblick in Ihrem Berufsalltag als Pfarrerin. Mögen Sie uns verraten, warum Sie sich für diesen Beruf entschieden haben und wie Sie den Auftrag der Seelsorger für sich definieren würden, gerade in dieser Zeit? Und wie gehen Sie mit Situationen um, in denen Sie an Ihre Grenzen stoßen?

Danke für Antwort und herzliche Grüße aus der ZEIT-ONLINE-Redaktion
von Tina Groll, Redakteurin Karriere

Re: Interessanter Einblick

Sehr geehrte Frau Groll,

Ihre Fragen sind in der Kürze eines Kommentars nicht leicht zu beantworten ...

1. Der Berufsalltag umfasst sehr viel mehr als das von mir Geschilderte. Die Zeit für die Seelsorge ist knapp (aufgrund des steigenden Schlüssels von Gemeindegliedern pro Pfarrer), obwohl der Bedarf wächst. Eigentlich gehört die Seelsorge neben der Lehre zu den Hauptaufgaben der Pfarrer, aber sehr viel Zeit geht fürs Gemeinde-Management drauf. Muss natürlich auch sein, aber manchmal ist es schon frustrierend, wenn die Not an anderer Stelle groß ist. Dennoch macht mir mein Beruf große Freude!

2. Meine Entscheidung für diesen Beruf: war es nur meine eigene Entscheidung? Es war ein langer Weg mit Höhen, Tiefen, Glauben und Zweifeln. Vorallem hat mich das stete Rufen Gottes hierher gebracht. Klingt schön, ist es auch, war und ist aber nicht immer leicht anzunehmen, gerade dann, wenn mich Zweifel beweg(t)en.

3. Was für mich Seelsorge ist? Persönliche Zuwendung zum Menschen, Wertschätzung, Respekt, zuhören, sprechen, schweigen, miteinander suchen, trösten, fragen, hören auf Gottes Wort, hinterfragen, lehren, beten, ermahnen ... Seelsorge hat viele Facetten und hängt von den Bedürfnissen des Ratsuchenden ab. Manchmal ist eine Umarmung tröstlicher als Worte. Manchmal kann gemeinsames Schweigen vor Gott mehr bewirken als das Ringen um ein gesprochenes Gebet. Manchmal hilft die Beichte, das Leben neu in Schwung zu bringen und alte Lasten zurückzulassen.

Viele Grüße,
karry_on

Re: Interessanter Einblick 2

Ich habe den Punkt 4. vergessen.

4. Wenn ich auf Situationen treffe, die mich an meine Grenzen bringen, so hilft mir vielfach das Gespräch. Einmal mit Gott, sei es still, gesprochen oder geschrieben. Das kann dann auch ein Gebet für den Ratsuchenden sein, mit dem ich an Grenzen gestoßen bin. Bei Gott kann ich meine Not mit ihm lassen, ohne die Schweigepflicht zu verletzen.
Das Gespräch mit anderen Menschen, Kollegen, Freunden, meinem geistlichen Begleiter hilft mir auch sehr, entlastet ein Stück. Wichtig ist, da sowohl Menschen zu haben, die sich in meine berufliche Situation hineinversetzen können, als auch welche, die völlig anders sind und dadurch Dinge erfrischend anders sehen können. Doch ich bin da tw. auch vorsichtig geworden, um die anderen nicht mit meiner Grenzerfahrung zu überfordern. Manchmal brauche ich auch Zeiten, in denen ich allein nachdenke, schreibe, lese, male oder musiziere.

Als sehr wichtig erlebe ich - neben den Erste-Hilfe-Maßnahmen für meine eigene Seele - das Bemühen um ein stabiles Leben mit klaren Strukturen. Neben persönlichen (privaten!) Beziehungen zu anderen Menschen und Hobbies gehören dazu auch regelmäßige Zeiten der Stille und ein halbwegs organisierter Tagesablauf, das Bemühen darum, nicht von A nach B zu hetzen, sondern wenigstens einen Atemzug lang innezuhalten, bevor es weitergeht. Das alles hat mit den belastenden Situationen noch nicht viel zutun, hilft aber sehr dabei, ruhig zu bleiben, wenn ansonsten alles aus den Fugen gerät.

Leider nicht sehr aussagekräftig 3

(... Fortsetzung)

Ein letztes noch. Der Autor des Artikels hebt sehr auf die Grenzen der Seelsorge ab und preist als weiterführende Lösung die Therapie an. Grundsätzlich ist es sehr wichtig, sich als Seelsorger der Grenzen von Seelsorge bewusst zu sein, um Schaden vom Ratsuchenden abzuwenden. Darum ist es sinnvoll, um seelische Erkrankungen zu wissen, um ggf. einem Ratsuchenden eine Therapie nahezulegen.
Aber: ich wehre mich entschieden gegen das weit verbreitete Verständnis, dass wir Seelsorger quasi im Vorzimmer der Therapeuten sitzen. Dem ist nicht so! Seelsorge ist etwas ganz eigenes. Sie kann eine Therapie begleiten und sinnvoll ergänzen. Umgekehrt kann aber auch eine Therapie die seelsorgliche Arbeit begleiten und ergänzen. Das ist immer eine Sache des Einzelfalls. Warum ich mich so gegen Therapie als Allheilmittel wehre? Weil ich viele Therapeuten aus meinem eigenen "Netzwerk" kenne, die sprachlos sind und bleiben bei existenziellen Fragen, die Ratsuchenden dann mit ihren Fragen allein lassen. Als Seelsorger können wir die Antworten auch nicht unbedingt geben, doch wir verweisen auf Gott und machen uns gemeinsam mit den Ratsuchenden auf die Suche.