Ingo Stadler ist Vater von drei Kindern. Für den Wirtschaftsmathematiker stand immer fest, dass er nicht nur ein Feierabend-Vater sein wollte. Und so reduzierte er schon nach der Geburt seiner ersten Tochter seine Arbeitszeit um 10 Prozent. Seitdem auch sein drittes Kind da ist, hat er noch einmal reduziert. Stader arbeitet als Senior Project Manager bei einer renommierten deutschen Beraterfirma. Teilzeit als Consultant? Es geht, auch in der aufstiegsorientierten Beraterbranche.

Deutliche Worte im Gespräch mit dem Vorgesetzten hat Stadler nicht benötigt. Sein Chef hatte damit gerechnet und auch beim Geschäftsführer fand Stadler offene Ohren für sein Anliegen. Seit knapp einem Jahr arbeitet Stadler nur noch an vier Tagen in der Woche: einer im Büro in München, drei weitere unterwegs quer durch Deutschland. Drei Tage seiner Woche gehören der Familie.

Teilzeit-Stellen wie diese gibt es in der Consultant-Branche nur wenige, und wenn, sind sie überwiegend mit Frauen besetzt. "Die Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Branche richten sich vorwiegend an Beraterinnen. Teilzeitarbeit ist in der Beraterbranche aufgrund des Tätigkeitsfeldes schwer umsetzbar", sagt Klaus Reiners vom Bund Deutscher Unternehmensberater.

Teilzeitarbeit in der Beraterbranche erfordert noch mehr Organisation. Auch mit reduzierter Arbeitszeit muss Ingo Stadler viel reisen. Lübeck, Berlin, Mainz. Die Arbeit vor Ort ist wichtig, um mit den Kunden Strukturen und Prozesse zu analysieren und Strategien zu entwickeln. Häufig laufen zwei bis drei Projekte parallel. "Es ist ein Mangel an Lebensqualität, seine Kinder nicht aufwachsen sehen zu können", sagt er. Darum achtet der Consultant streng darauf, dass Arbeit, Kinder und Partnerschaft in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Ganz ohne die Rückendeckung seiner Frau geht es aber nicht: Stadlers Partnerin ist eigentlich Lehrerin, setzt aber seit der Geburt der Kinder im Beruf aus, um die 6 und 4 Jahre alten Töchter und den knapp ein Jahre alten Sohn zu versorgen.

Eine klassische Arbeitsaufteilung will Ingo Stadler aber nicht. An seinen freien Tage Ingo Stadler ist es für ihn selbstverständlich, die Kinder in den Kindergarten oder zur Turnstunde zu bringen. Und nachts ist er es, der für das Baby aufsteht. Auch das Kochen übernimmt er – auch an Tagen, an denen er von Zuhause aus arbeitet. Dass er Telearbeit nutzen kann, stellt für den Berater und seine Familie eine Entlastung dar.

Eine Studie des FFB Forschungszentrums Familienfreundliche Personalpolitik der Universität Münster und der Steinbeis Hochschule Berlin hat die positiven Effekte einer familienfreundlichen Personalpolitik in einer Studie untersucht. Die Forscher befragten 1000 Unternehmen und stellten fest, dass die Mitarbeiter in familienfreundlichen Betrieben motivierte waren und weniger fehlten. Außerdem war es für diese Firmen einfacher, neues Personal zu finden.

Familienfreundliche Arbeitszeitmodelle können sich also für die Unternehmen lohnen. Erst vor wenigen Wochen starteten der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und das Bundesfamilienministerium eine Kampagne für Teilzeitstellen bis 35 Stunden pro Woche. So sollen auch Männer Kind und Karriere vereinbaren können. Tatsächlich geben viele junge Väter an, im Beruf reduzieren zu wollen – doch die angebotenen Teilzeitstellen in den Unternehmen sind auf 20 Stunden angelegt. Das können sich die meisten jungen Familien schlicht finanziell nicht leisten.

Aber auch die Furcht vor dem Karriereknick spielt eine entscheidende Rolle. Auch Ingo Stadler erwischt sich hin und wieder beim Gedanken daran, ob die reduzierte Arbeitszeit auf lange Sicht seiner Laufbahn schadet. "Offiziell gibt es berufliche Nachteile natürlich nicht, aber möglicherweise wird am Ende doch eher der Mitarbeiter befördert, der fünf und nicht nur vier Tage in der Woche arbeitet", sagt der 37-Jährige. "Ob ich wirklich schlechtere Karten hätte, weiß ich aber nicht. Eigentlich habe ich bei meinen Vorgesetzten nicht den Eindruck, dass dies ihre Entscheidung beeinflussen würde."