Acht Uhr morgens, zwei Grad und Nieselregen: Obwohl ihm eine Schicht von fünf Stunden bevorsteht, tut das nasskalte Wetter der Laune von Michael Brinkmann keinen Abbruch. Mit einem fröhlichen "Guten Morgen" begrüßt er seinen Kunden und nimmt die Sendung entgegen. Nach nur zwei Minuten sitzt Brinkmann auch schon wieder im Sattel und radelt durch den Regen.

Brinkmann arbeitet als Fahrradkurier in Bremen und hat seinen eigenen Kurierservice gegründet. Schnell beim Kunden sein und schnell wieder weg – und zwar unauffällig, das sei seine Devise. "Wenn der Kunde sich fragt, ob gerade jemand da war, dann hat man seine Sache gut gemacht", sagt er. Sein Job ist eigentlich simpel, zumindest in der Theorie.

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"Ein Kurier muss clever fahren", sagt Brinkmann. Darunter versteht er, so zu fahren, dass beispielsweise die Grünphasen der Ampeln optimal genutzt werden oder auch kurz auf der Straße gefahren wird, wenn diese frei ist. "Es hilft nichts, wenn die Kuriere mit 50 Stundenkilometer durch die Stadt rasen, nur um dann an jeder Ampel warten zu müssen. Effizienter ist es, mit dem Verkehr zu fließen", sagt der Kurierfahrer. Auch die Planung der Touren sei wichtig. Je länger es dauert, desto weniger Aufträge können die Fahrer abwickeln.

Kein Wunder, dass viele nur so durch die Straßen rauschen. Für die einen sind die Fahrradkuriere deshalb die heimlichen Helden des Großstadtdschungels, die sich im von motorisierten Fahrzeugen beherrschten Straßenverkehr zu behaupten wissen, für andere sind sie lebensmüde Spinner. Brinkmann beantwortet die Vorurteile gelassen. "Man fährt schnell, weil man unter Zeitdruck steht." Allzu harsche Kritik findet er unberechtigt. Viele Autofahrer seien deutlich rücksichtsloser. Darum ist der Job auch gefährlich. "Der Radkurier muss für andere Verkehrsteilnehmer mitdenken. So lässt sich das Unfallrisiko auf ein Minimum reduzieren", sagt der Kurierunternehmer. Trotzdem sichert er seine Mitarbeiter mit einer Unfallversicherung ab.

Eine Ausbildung gibt es nicht. Als Radkurier kann prinzipiell jeder arbeiten, der gesund und fit ist, die Verkehrsregeln kennt und zuverlässig arbeitet. Die Einarbeitung dauert einen Tag, neue Kuriere werden zunächst von einem Erfahrenen begleitet. "Wir erklären, wie das Funkgerät funktioniert und wie sich der Kurier beim Kunden verhalten muss. Dann wird der Neuling ins kalte Wasser geworfen", sagt der Kurierunternehmer. Learning by Doing .

"Der Job ist körperlich anstrengend. Während einer Schicht von etwa sechs Stunden kommen meist 80 bis 90 Kilometer zusammen", sagt Michael Brinkmann. Viele Fahrer geben nach kurzer Zeit wieder auf. "Bei uns bekommt jeder eine Chance. Viele sagen aber schon nach einen Tag: Das ist mir zu anstrengend", erzählt Kurierunternehmer.

In manchen Unternehmen bekommen die Fahrer ein Rad gestellt, in anderen dagegen nur Funkgerät und Kleidung. Ohnehin bevorzugen die meisten Kuriere das eigene Rad – Rennräder, Fixies, Mountainbikes. Vor allem leicht und wendig muss es sein. Wenn die Fahrer mit dem eigenen Wheel unterwegs sind, sollte sich dies in ihrem Lohn widerspiegeln. Auch sollte der Arbeitgeber die Kosten für das Verschleißmaterial übernehmen.

Fahrradkuriere arbeiten sowohl freiberuflich, als auch in Festanstellung. Einige Firmen bieten neben einem festen Stundensatz auch eine Umsatzbeteiligung pro erledigten Auftrag an. Der Stundenlohn beginnt für Neulinge bei 7,50 Euro und kann auf über 20 Euro steigen. Die Arbeitszeit übersteigt selten 30 Stunden in der Woche. Mehr ist körperlich kaum zu bewältigen.

Für die meisten Fahrer ist der Job deshalb auch nur eine Nebentätigkeit. Die Aussichten sind entsprechend überschaubar. Weil zudem immer mehr Sendungen elektronisch verschickt werden, ist das Geschäft bereits zurückgegangen. Dieser Trend wird weiter zunehmen, vermutet Radkurier Brinkmann.

Er selbst fährt bereits seit vielen Jahren. Dass der Job verschleiße, kann er an sich nicht beobachten. "Ich bin jetzt 45 Jahre alt und fühle mich wie 30. Krank war ich seit zehn Jahren nicht mehr", sagt Brinkmann und eilt trotz Dauerregen weiter zum nächsten Kunden.

  • Gehalt: Einstieg Stundensatz: 7,50 Euro Festgehalt, Umsatzbeteiligung verhandelbar, 20 Euro/Stunde möglich;
  • Arbeitszeit: 25 bis 30 Wochenstunden
  • Ausbildung: keine Ausbildung im klassischen Sinne