Offene Büros "Viele halten das Arbeiten auf dem Präsentierteller nicht aus"
Moderne Großraumbüros verstärken den Wunsch nach Rückzug, sagt der Arbeitspsychologe Bernhard Zimolong. Im Interview verrät er, wie die Büros von morgen aussehen werden.
ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist es für die Leistung der Mitarbeiter, dass die Abläufe im Büro stimmig sind?
Bernhard Zimolong: Die Organisation des Arbeitsplatzes ist sehr wichtig für das Gruppenklima und die Leistung des Einzelnen. Wenn die Abläufe stimmen, funktioniert auch die Teamarbeit besser. Doch es kommt nicht nur auf die Steuerung über Termine und Verantwortlichkeiten an, es braucht auch persönliche Beziehungen. Eine Gruppe schafft nur Spitzenleistungen, wenn die sich untereinander vertrauen. Darum sind auch Treffpunkte wie die Kaffeeküche wichtig.
ZEIT ONLINE: Nun probieren immer mehr Unternehmen moderne Arbeitsformen aus. In manchen Büros werden sogar fixe Arbeitsplätze abgeschafft, alles soll flexibler werden. Wie wirkt sich das auf die Arbeitsleistung aus?
Zimolong: Das hängt davon ab, ob das Unternehmen auch die emotionale Seite mitbedenkt und nicht nur auf Flächeneffizienz und Arbeitsabläufe schaut. Die erfolgreiche Zusammenarbeit innerhalb einer Gruppe beruht auf routinierten Abläufen und guten Beziehungen der Mitarbeiter untereinander, aber auch einer positiven Einstellung zu ihrer Arbeit und zu ihrem Unternehmen. Nehmen wir eine klassische Bürosituation einer Sachbearbeiterin im Finanzamt: Sie sitzt stets im gleichen Büro, auf dem Türschild steht ihr Name mit Funktionsbezeichnung. Das signalisiert nach außen klare Strukturen und Verantwortlichkeiten und schafft nach innen Vertrauen in die Zuständigkeiten und Abläufe.

Prof. Bernhard Zimolong leitet den Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Ruhr-Universität Bochum. Er beschäftigt sich mit Entwurf und Gestaltung von Arbeits- und Softwaresystemen sowie mit dem Management des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in Unternehmen und im Öffentlichen Dienst.
Je mehr Vertrauen eine Person in ihre Organisation hat, umso mehr wird sie sich verantwortlich fühlen und sich auch um Dinge kümmern, die nicht im Arbeitsvertrag stehen. Dieses Engagement ist für Unternehmen überlebenswichtig. Werden die festen Strukturen aufgelöst, müssen neue Wege gefunden werden, um Verantwortlichkeiten nach außen zu dokumentieren und Vertrauensbeziehungen nach innen aufzubauen. Wo sie fehlen, wird nur Dienst nach Vorschrift gemacht.
ZEIT ONLINE: Wie kann das verhindert werden?
Zimolong: In der Industrie stellt sich das Problem schon lange. Aktuell machen wir eine Untersuchung über das Management von weltweit vernetzten Zulieferketten. Ein typisches Beispiel ist der Bau einer Pumpe für eine Waschmaschine. Die Verantwortlichen aus den Zulieferfirmen kommunizieren fast nur noch über elektronische Medien. Sie arbeiten also nur virtuell zusammen. Wir stellen fest, dass die Abläufe effektiver sind, wenn sich die Personen auch regelmäßig persönlich treffen, Strukturen und Regeln vereinbaren und so eine Vertrauensbasis entwickeln. Wieder ist Vertrauen in den "virtuellen" Kollegen und in den Erfolg des Projekts der Schlüssel zum Erfolg.
Übertragen auf die Organisation eines Büros heißt das: Die Menschen müssen sich immer wieder treffen können, sei es in der Teeküche oder bei Besprechungen. Die Begegnungen in einer mobilen Arbeitswelt können sehr flüchtig sein. Da lauert die Gefahr, dass sich die Mitarbeiter in die Anonymität zurückziehen. Deshalb ist es wichtig, dass es für ein Team Projektpläne und Regeln des Umgangs gibt, man beispielsweise vereinbart, auf Mails innerhalb von zwei Tagen zu antworten. Bei einem gemeinsamen Bericht kann es hilfreich sein, dass die Beiträge der Teammitglieder mit Namensnennung erfasst werden. Dadurch werden Verantwortlichkeiten dokumentiert.
- Datum 13.01.2011 - 06:28 Uhr
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Alptraum 1: "Arbeit und Privatheit werden sich kaum noch trennen lassen." Übersetzung: Man ist immer im Dienst, bis man mit 40 ausgebrannt ist und gefeuert wird.
Alptraum 2: "Wir brauchen auch neue Arbeitskonzepte, um Arbeitsengagement durch Vertrauen und Übernahme von Verantwortlichkeit zu fördern." Übersetzung: Die Mitarbeiter werden unter der Drohung, den Arbeitsplatz zu verlieren, dazu angetrieben, mehr zu machen, als sie vertraglich müßten.
Sind sie ausgebrannt, werden sie ihrer "Verantwortung" nicht mehr gerecht und "müssen" entlassen ("freigestellt") werden.
Ziel aller Maßnahmen ist es, den Profit auf Kosten der Arbeitnehmer zu erhöhen. Diese sind austauschbar, dürfen auf keine Rechte bestehen (schwerer Vertrauensbruch!), und: Privatleben ist Diebstahl an der Firma.
Na ja, so schlimm muss es nicht kommen. Ich erledige als kleiner Selbstständiger unterschiedliche Abrechnungen für andere am heimischen Computer. Privates und Arbeit wechseln sich dabei ab. Und wenn ich meinen Hund zwischendurch spazieren führe, denke ich schon über die Lösung eines Problems nach, dass ich gerade am Coputer habe. Mittagsschlaf halte ich auch während der Arbeitszeit.
Auch als Angestellter einer Firma ist solch ein Arbeiten zu Hause am Computer denkbar.
Na ja, so schlimm muss es nicht kommen. Ich erledige als kleiner Selbstständiger unterschiedliche Abrechnungen für andere am heimischen Computer. Privates und Arbeit wechseln sich dabei ab. Und wenn ich meinen Hund zwischendurch spazieren führe, denke ich schon über die Lösung eines Problems nach, dass ich gerade am Coputer habe. Mittagsschlaf halte ich auch während der Arbeitszeit.
Auch als Angestellter einer Firma ist solch ein Arbeiten zu Hause am Computer denkbar.
als Symbol für den Status einer Führungskraft oder Zugang zu einer bestimmten Datenbank. Da ist mir ein fester Büroplatz, den ich für meine Arbeit einrichten kann, doch lieber.
Was mich bei solchen Darstellungen der modernen Arbeitswelt und ihrer Folgen, einschließlich einer Projektion in die Zukunft, stets wundert, ist die Aufzählung der kritischen Aspekte, zum Teil wieder einschließlich Mutmaßungen, dass es zukünftig noch schlimmer werden könnte, ohne dass man dabei das Ganze in Frage stellt. Es ist eben so, es wird eben passieren. Wie beim Wetter: Es wird Regen geben und dadurch alles nass. Allenfalls in Hinsicht auf Wirtschaftlichkeit, eher noch für eine Effizienz, finden sich Verbesserungsvorschläge: Wenn alles nass wird, sollte man für wasserabweisende Schutzumschläge bei Aktenordnern sorgen.
Manche werden dabei sagen, dass es wirklich so ist. Die Arbeitswelt in einem hochindustrialisierten, wohlhabenden Land in einem globalen Konkurrenzkampf ist für unsere Gesellschaft nicht mehr frei modifizierbar. Sicherlich haben sie damit nicht ganz unrecht. Allerdings irritiert mich die vorauseilende Hörigkeit als durchgängige Praxis. Es werden eben gesundheitliche Folgen, inklusive Psyche, ausgeklammert, vom Arbeitgeber weg den einzelnen Arbeitnehmern aufgelastet. Bestenfalls soll die Gesellschaft die Folgen abfedern. Und nicht in dieses System Passende werden als Mängelware aussortiert.
Da frage ich eben, wer das beschlossen hat. Denn hier könnte man durchaus etwas tun, wenn man nicht von vornherein alle Menschen zu Sklaven der Arbeitswelt erklärt.
Hatten wir nicht kürzlich das Nonplusultra der Arbeitswelt in Form des transparenten, gläsernen Büros ohne zugeordnetem Schreibtisch?
Jetzt das Gegenteil, Rückzugsgebiete aber dafür wieder das hohe Lied von Mobilität und last not least die Verwischung von Arbeit und Privatem?
Vorschlag an die Redaktion:
Einladung von 10 sogenannten oder auch selbsternannten Experten zu einem Forum über die Arbeitswelt. Thema:
Teil 1: Analyse der Arbeitswelt, wie sie ist - Statusbeschreibung. Schon hier wird es mindesten 10 + 1 unterschiedliche Bewertung geben!
Teil 2: Zukunftsprognosen, aber bitte nicht einfach in den Raum gestellt, sondern nachvollziehbar abgeleitet aus der Ist-Situation. Bin gespannt, was da alles so zusammenkommt.
Kleiner Tip: Readaktion formuliert einen ganz realen Büroalltag in einem Konzern, mit Personen, Arbeitsbeschreibung, aktuellem Auftag, etc., alternativ in einem gößeren mittelständigen Unternehmen, so dass der Leser zunächst unbeeinflusst zu seiner eigenen Bewertung der Situartion(en) kommen kann.
Könnte glatt die Grundlage für eine daily soap werden.
Hätt' was.
Es ist sehr erstaunlich, dass ein Professor der Psychologie nicht stärker auf Risiken wie Burn out bei zu hoher Mobilität und ständiger Vernetzung oder Qualitätsverlust bei der Arbeit durch die hohe Geräuschkulisse, schlechte Beleuchtungen ect. hinweist. Die Situtaion zu Beschreiben ist eine Sache, aber in der Arbeitspsychologie sind Lösungen bekannt. Warum nicht endlich mal umsetzen? Wissenschaft darf nicht immer nur den Prozess beschreiben, Lösungen müssen her!
... sondern fuer mich v.a. ein "Ersatzzuhause". Schliesslich verbinge ich dort den groessten Teil der Wachzeit jedes Tages!
Einmal abgesehen davon, dass man es nach eigenem Geschmack ein wenig arrangieren und dekorieren kann, um sich beim Arbeiten weniger "entfremdet" zu fuehlen, will ich dort auch Ersatzkleidung (falls mal ein Missgeschickt beim Essen passiert oder es auf dem Weg zur Arbeit zu regnen anfing), Make up, oder Unterlagen privater Natur deponieren, auf die man manchmal schnell zugreifen muss. Fuer viele andere erfuellt vielleicht der Kofferraum ihres Autos diese Funktion. Als Radfahrerin bin ich jedoch daruaf angewiesen, nicht jeden abend meinen Schreibtisch leerraeumen und das alles staendig mit mir herumschleppen zu muessen - womoeglich noch zusaetzlich zu einem Laptop. Ich wuerde jederzeit einen Arbeitsplatz mit Buero einem um 10-15% besser bezahlten in einem Grossraumbuero vorziehen.
...ist gold wert!
bis auf das make up für mich :-) stimme ich ihnen voll zu.
besonders die formulierung: "den größten teil meiner wachzeit" ist sehr schön getroffen.
für mich ist mein eigenes büro KEIN statussymbol, sondern auch oase um über bestimmte arbeitsprozeße einmal in ruhe nachdenken zu können.
und gegebenfalls auch mal 5 minuten zu träumen...
...ist gold wert!
bis auf das make up für mich :-) stimme ich ihnen voll zu.
besonders die formulierung: "den größten teil meiner wachzeit" ist sehr schön getroffen.
für mich ist mein eigenes büro KEIN statussymbol, sondern auch oase um über bestimmte arbeitsprozeße einmal in ruhe nachdenken zu können.
und gegebenfalls auch mal 5 minuten zu träumen...
"Arbeit und Privatheit werden sich kaum noch trennen lassen."
Ja, bei diesem Satz musste ich lachen, denn neu ist das nun wirklich nicht. Die Arbeitnehmer, die heutzutage Familie, Gesundheit und Freizeit vernachlässigen müssen, um im Job bestehen zu können, sind sicherlich in der Mehrheit. Aber auch wenn der Job Spaß und Sinn macht, investiert man Herzblut und Überstunden en masse - gedankt wird es am Ende nicht, denn man ist letztendlich nur "Human Capital".
Darum wahrscheinlich auch die Abschaffung fixer Arbeitsplätze. So treibt man die Mitarbeiter in die Anonymität. So bleibt bei der Kündigung kein Arbeitsplatz für andere sichtbar leer und das Gesicht vergisst man schneller.
Man kann nur hoffen, dass die Zukunft auch Vorteile für Arbeitnehmer bereithält. Wie wäre es denn, wenn man in dieser so wunderbaren mobilen Welt einfach für mehrere Unternehmen gleichzeitig arbeiten könnte? Schließlich lassen sich zahlreiche Ideen, Know How und Problemlösungen auf mehrere Unternehmen parallel anwenden? Das Gehalt müsste sich natürlich multiplizieren...
Die Beschreibung, dass Arbeitnehmer in Großraumbüros keinen festen Arbeitsplatz mehr haben, lese ich zum ersten Mal. Das hört sich wirklich gruselig an.
Gruselig klingt das, weil dann diese Menschen an ihrem eigenen (täglich neuen) Arbeitplatz keine Spuren mehr hinterlassen dürfen. Denn abends soll ja wieder alles aufgeräumt und leer aussehen. Am Ende gibt es keinen einzigen Raum, der von einem Menschen individuell eingerichtet ist, schön zurecht dekoriert wurde oder ein Raum, mit dem man sich auf irgendeine Weise identifizieren kann. Man sitzt täglich in einer zwar wechselnden, aber doch gleichermaßen sterilen Umgebung.
Das finde ich gruselig, weil wir Menschen sind gar nicht steril. Tag für Tag ihre Arbeit verrichten und abends nicht die kleinste Spur ihres Daseins zu hinterlassen, das machen nur Roboter.
Wollen uns solche Arbeitgeber mit Großraumbüros zu Robotern erziehen? Wir sind nur noch Maschinen, auf die man keine Rücksicht nehmen muss, die keine Empfindungen mehr haben, bei denen man kein Mitleid empfinden muss, wenn man ihnen ihre Arbeitsstelle wegstreicht?
Sehen das andere auch so?
genauso :) Ist aber kein Wunder in einer Zeit in der uns viele schon suggerieren möchten Individualität sei eine Erfindung des Menschen und purer Luxus. Traurig, technisch entwickeln wir uns nach vorn, menschlich zurück. Menschlichkeit bringt kein Profit
fällt es dann auch nicht auf, wenn Mitarbeiter entlassen wurden oder ohne Verabschiedung in den Ruhestand versetzt wurden.
genauso :) Ist aber kein Wunder in einer Zeit in der uns viele schon suggerieren möchten Individualität sei eine Erfindung des Menschen und purer Luxus. Traurig, technisch entwickeln wir uns nach vorn, menschlich zurück. Menschlichkeit bringt kein Profit
fällt es dann auch nicht auf, wenn Mitarbeiter entlassen wurden oder ohne Verabschiedung in den Ruhestand versetzt wurden.
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