Karriereratgeber Anleitung zur Unterwürfigkeit

Kritisieren Sie Ihren Chef nicht! Mit solchen Ratschlägen möchte Martin-Niels Däfler Berufseinsteigern helfen. Er hat einen Erziehungsratgeber für Streber verfasst.

Ein junger Mann in Hemd und Krawatte blickt skeptisch nach oben

Ein junger Mann in Hemd und Krawatte blickt skeptisch nach oben

Karriere macht, wer in der Warteschlange an der Kantine nicht drängelt. Falls doch, ist eine Entschuldigung fällig. Diese und weitere Weisheiten hat der Kommunikationsberater Martin-Niels Däfler in seinem Karriere-Führerschein zusammengetragen. Der 41-jährige Kolumnist der Sparkassen-Zeitung sieht sich dabei als "Fahrlehrer für Karrierefahrschüler": Das Buch richtet sich an Berufseinsteiger und junge Arbeitnehmer.

Der Ratgeber erklärt, wie sich die Berufsanfänger im Job organisieren und korrekt verhalten.

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Nach Meinung des Autors beschreiben seine Tipps die Grundlagen für eine erfolgreiche Laufbahn. Einige Kapitel heißen schlicht inhaltlich "Umgangsformen" oder "Arbeitstechniken", bei der Bezeichnung anderer hält sich Däfler an seine unsubtile Fahrlehrer-Metapher, und nennt sie "Karriereverkehrsordnung" oder "Karriereverbandskasten". Wichtig ist ihm, dass der Leser sich "nicht verbiegen" soll, so wie es andere Ratgeber fordern. Ein kurioser Wunsch, zielen doch alle Empfehlungen Däflers darauf ab, im Job möglichst unauffällig, angepasst und ohne jegliches Rückgrat zu sein. Eine Anleitung zur Unterwürfigkeit.

Das Buch strotzt vor oberflächlichen, bisweilen peinlichen Binsenweisheiten. Däfler findet, richtig gekleidet zu sein, genauso ausschlaggebend, wie "die Reisekostenabrechnung nicht zu frisieren" oder "sich nicht für den privaten Gebrauch aus dem Büromaterial zu bedienen". Ohne jegliche Unterscheidung nach Arbeitsplatz und Branche begingen Männer eine "Stilsünde", falls sie ein Jackett mit drei Knöpfen entweder überhaupt nicht oder komplett schließen. Frauen verstoßen gegen die Kleiderordnung, wenn ihre Kleidung zu eng ist, die Röcke zu kurz sind oder die Handtasche und der Gürtel farblich nicht zum Rest passen. Leider versäumt es Däfler, uns über die Konsequenzen solcher Sünden aufzuklären. Deutlich wird aber, dass nach seiner Meinung nur derjenige im Job aufsteigen kann, der optisch normiert ist. Mark Zuckerberg oder Steve Jobs hätten demnach eigentlich keine Karriere machen dürfen. Angela Merkel auch nicht.

Damit der Hosenanzug nicht zu eng sitzt und man überdies freundlich aus der Wäsche guckt, ist auch die Ernährung wichtig. Denn längst sei bekannt, "dass raffinierter Zucker, Fast Food und Weißmehl der Gesundheit und der Stimmung (!) abträglich" seien. Muss man sagen. Nicht auszudenken, wie die Karriere Schaden nähme, wenn ein Mitarbeiter durch Überzuckerung aufgekratzt ist.

Cover des Buches "Der Karriereführerschein" von Martin-Niels Däfler

Cover des Buches "Der Karriereführerschein" von Martin-Niels Däfler

Auch die individuelle Gestaltung des Arbeitsplatzes kann für die Karriere verheerend sein: "Kitschige Poster, schief hängende Kunstdrucke oder vertrocknete Topfpflanzen sind kein Ausdruck von gutem Geschmack, sondern signalisieren Ihrem Chef und den Kollegen: Wer hier arbeitet, legt keinen Wert auf ein schönes Ambiente, ist vielleicht sogar schlampig", schreibt er. Und wenn ein schiefes Bild die Karriere verhindern kann, was können dann andere Anflüge von Individualität anrichten? Berufseinsteiger haben sich Däflers Ansicht nach auch mit Ideen zurückzuhalten.

Wie aber sollen Unternehmen jemals Innovationen hervorbringen, wenn alle Mitarbeiter diese Tipps beherzigen? Eine Antwort auf diese Frage hat Däfler nicht. Er warnt lieber vor persönlichen Gesprächen mit Kollegen. "Sprechen Sie nie über persönliche Probleme, schneiden Sie unverfängliche Themen an."

Zu viel Kontakt zu den Kollegen ist nach Ansicht des Autoren sowieso nicht gut. Sonst gibt's Gerüchte. Darum rät er, ständig nach Signalen dafür zu suchen. Bei den kleinsten Indizien heißt es, sofort handeln. "Wenn Sie also zum Beispiel meist zufällig genau dann Überstunden machen, wenn Kollegin Münstermann auch länger arbeitet, dann gehen Sie zukünftig bewusst früher nach Hause", schlägt Däfler vor.

Wie ein Mensch bei all dem überhaupt zum Arbeiten kommen soll, erklärt der Autor leider nicht. Und dann wird es richtig wirr: Däfler empfiehlt Berufsanfängern, die Arbeitskollegen zu bespitzeln. Er nennt das die "Sherlock-Holmes-Strategie". Dazu gehöre, so viel wie möglich über den neuen Arbeitgeber und die Kollegen herauszufinden, beispielsweise "wer wann kommen und gehen darf, wer mit wem eine Rechnung offen hat, und ob es üblich ist, die Bürotür offen stehen zu lassen." Mit den so gewonnenen Erkenntnissen gelinge es, keine voreiligen Schlussfolgerungen zu ziehen, denn "nicht immer ist der erste Verdächtige auch der Täter...". Auch so entstehen Gerüchte. Wenn alles nichts hilft: "Sprechen Sie mit Ihrem Chef!" Sicher lassen sich beim Petzen die über die Kollegen gesammelten Informationen vorteilhaft für die Karriere verwenden. Kritisieren sollte man den Chef allerdings niemals, warnt der Autor.

Mal ehrlich: Wer möchte einen Kollegen oder Mitarbeiter haben, wie ihn Däfler idealtypisch skizziert? Einen im niemals geschlossenen Drei-Knopf-Sakko, mit pedantisch geraden Bildern, einen, der niemals Überstunden mit Frau Münstermann macht, sondern ihr höchstens nahelegt, das Weißmehlbrötchen künftig doch sein zu lassen. Wenn nicht, geht er zum Chef.

 
Leser-Kommentare
  1. Vielleicht wird er damit in einem asiatischen Land weiterkommen.

    Nur hier in Europa und Amerika gilt schlichtweg das Recht des Stärkeren ergo desjenigen mit der geeigneten sozialen Kompetenz und weniger mit Fachwissen oder etwas in der Art. Fachwissen ist natürlich eine gewisse Grundvoraussetzung aber nicht derartig essentiell.

    Auch der Rest ist ziemlicher Blödsinn. Ein Chef íst vielleicht nicht grade vom dauernörgelnden Azubi beeindruckt aber doch eher von jemanden der den Mut zur Wahrheit hat und auch einmal ganz klar sagt was er denkt.

    Naja, aber er steht wenigstens für das deutsche Gesellschaftsdenken in welchem ja jeglicher Eigensinn mittlerweile verboten scheint.
    Traurig!

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    ....daß die "geeignete sozialen Kompetenz" eher eine Inkompetenz mit autistischen Zügen ist.

    ....daß die "geeignete sozialen Kompetenz" eher eine Inkompetenz mit autistischen Zügen ist.

  2. Allein schon der Titel verweisst auf wenig Gutes. Dabei sei darauf hingewiesen das in den Vorständen der Sparkassen das Lesen von Jahresberichten - sogennannte Bilanzen -wenig verbreitet ist. Wozu auch, die Last der Steuerausfälle trägt der Gemeine - oder sollte man von "niederträchtigem" Bürger sprechen.

    Komme ich nun auf die Karriereverkehrsordnung:
    - ad 1. Verhgalte dich so, dass du immer der Erste bist.
    - ad 2. Verhalte dich immer nach Regel 1.

  3. zu wenig Lebenserfahrung mit seinen 41 Jahren. Denn sonst hätte er in seinem Umfeld schon einmal beobachtet, welche Charaktere Karriere machen.
    Oder vielleicht ist sein Buch der letzte Versuch, etwas auf die Beine zu stellen, nachdem er seinen Kollegen und Chefs unleidlich geworden ist.
    Oder, Frau Groll, das Buch ist eine tolle Satiere und Sie haben es mißverstanden!

  4. Ich kenne eine Regel, die mein Vater öfter gesagt hat.
    "Tue recht und scheue niemand"

    Dann wäre noch zu klären, was überhaupt Karriere bedeutet. Es gibt Berufe, die sind einfach karrierefrei, so wie alle sozialen Berufe. Ob ein Lehrer oder eine Lehrerin, die Schulleiter-in wird, Karriere gemacht hat, kann man drüber reden.

    Diese Karrieresucht kommt doch eher aus dem Reich der Film-Theaterindustrie, wo es darauf ankommt berühmt und dann reich zu werden. Wobei viele sich auch selbst verkauft haben, Karriere über Bettgeschichten etc.

    Oder könnte man sagen, daß Fr. Merkel Karriere gemacht hat ?
    Berühmt und reich ist sie Kraft ihres Amtes - und sonst?
    Oder die anderen Politiker/innen, inzwischen ein Karriereberuf mit "den Charakter an der Garderobe abgeben" ?

  5. Aber trotzdem danke an den, der's geschrieben hat - er hat mich glatt dazu angeregt, mal wieder Mann's "Untertan" zu lesen und mir ein paar Simpsons-Folgen anzuschauen, in denen Smithers drin vorkommt.

    • Impuls
    • 14.01.2011 um 21:30 Uhr
  6. ....daß die "geeignete sozialen Kompetenz" eher eine Inkompetenz mit autistischen Zügen ist.

    Eine Leser-Empfehlung

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