Als Axel Dubinski im Spätsommer 1995 in einer Ökosiedlung im Oberallgäu strandete, hatte er als Betriebsratsvorstand der debis AG gekündigt, seine Nebentätigkeit als Priester beendet und befand sich gleichzeitig in einer Identitäts-, Ehe- und Sinnkrise. Im Vergleich zu dem, wo er zwei Jahre später stehen würde, war dies eine relativ unbeschwerte Zeit. Denn nun begannen die wirklichen Probleme. Seine Beraterfirma machte Pleite, er hatte eine Scheidung am Hals und am neuen Markt mehr Geld verzockt als seinem Konto guttat. "Das Schlimmste war, dass ich meine Kinder nicht mehr aus eigener Kraft ernähren konnte", sagt der 51-Jährige. Am tiefsten Punkt seiner eigenen Zerstörung, in der Phase, als er, zumindest spielerisch, den Gedanken in seinem Kopf wendete, "mit 200 an einen Baum zu fahren", beschloss er, sich selbst zu lieben. Er begann zu meditieren.

Umgeben von Wäldern und dem Morgengesang der Vögel sitzt Dubinski an diesem frühen Morgen mit rund 30 anderen Unternehmern, Managern und Beratern in einem ehemaligen Benediktinerkloster in Holzkirchen bei Würzburg schweigend auf einem Bänkchen vor einer weißen Wand. Sie alle sind gekommen, um innezuhalten in einem Berufsleben ohne Ruhepunkte. Weil sie Verwicklungen mit sich selbst lösen und den täglichen Ablenkungen innere Sammlung entgegensetzen, sich nicht treiben lassen wollen wie Blätter im Wind. Weil sie auch bei äußeren Stürmen einen Lebensanker brauchen, sitzen sie schweigend da und atmen in ihren Bauch. Konfrontiert mit der Unordnung der eigenen inneren Welt, mit Sorgen, Erlebnissen, Wünschen, versuchen sie, die Gedanken ziehen zu lassen wie Wolken. Und erfahren, dass das Loslassen der Weg ist und nicht das Tun.

Die klassische Form des Führens auf der Basis von Macht und Kontrolle gerät ins Wanken, weil sie sich oft als ineffektiv erweist. Doch allmählich verbreitet sich auch im Wirtschaftsleben die Einsicht, dass die Führung eines Unternehmens eine Intelligenz jenseits des Kopfes erfordert . Die sogenannte spirituelle Intelligenz – messbar als 40-Hz-Wellen, die das gesamte Gehirn durchlaufen – hat als seriöse Intelligenzform neben IQ und EQ inzwischen Eingang in die Hirnforschung und Quantenwissenschaft gefunden. Eine vor allem unter Managern verbreitete Methode zur Förderung dieser Intelligenz ist die japanische Zen-Meditation: das Abschalten des Egos beim Sitzen vor einer Wand.

Erschienen im Magazin "enorm“, Nummer 4, November 2010

Vor zwei Jahren kam Paul Kohtes, 64, ehemals Mitbegründer der Werbeagentur Pleon Kohtes Klewes, auf die Idee, zen@work ins Leben zu rufen: Eine Meditationsgruppe mit rund 40 Mitgliedern, die sich alle drei Monate an unterschiedlichen Plätzen in Deutschland treffen. "Eine Art Zen-Rotarier-Club", nennt Kohtes es, die Avantgarde einer Bewegung, deren erklärtes Ziel es ist, höhere Achtsamkeit zu erreichen. Kein Club zum Aussteigen, im Gegenteil, fest integriert im Geschäftsleben, soll er Führungskräften mit erweiterter Bewusstseinsebene sowohl Austausch als auch Rückversicherung bieten. Den deutschen Managern, sagt Kohtes, fehle die Selbstdistanz, der Mut zur Kreativität , haben sie doch in der Regel nur das Funktionieren gelernt.

Insbesondere in Großkonzernen werde Kreativität nicht hoch geschätzt, sagt Kohtes aus eigener Erfahrung. Wenn der Einzelne durch Zen erkennt, was ihm und anderen guttut, wenn er kreativer und achtsamer wird, entstehe wie von selbst eine Ethik, die keine äußeren Gesetze braucht. Mit immensem gesellschaftlichen Gewinn.

Kohtes, den eine Aura innerer Aufgeräumtheit umgibt, kann sein Ego soweit zurückfahren, dass man ihn, etwa beim schweigend eingenommenen Mittagessen, fast nicht bemerkt. Er verschwindet dann förmlich. Umgekehrt kann Kohtes, der Zen auf der Suche nach innerem Gleichgewicht bereits vor 30 Jahren für sich entdeckte, bei Bedarf eine so starke Präsenz entwickeln, dass er selbst mit leisen Worten höchste Aufmerksamkeit erzielt. Nicht aus einem Machtspiel heraus oder eines Effektes wegen, sondern weil das, was er zu sagen hat, mindestens nachdenklich stimmt.

Manager bewegen sich heute laut Kohtes in einem zum Platzen angespannten System. Burn-out , Wirtschafts- und Finanzkrise. "Wir bewegen uns am Rande der Katastrophe!" Zen sei ein Weg, aus diesem System Druck herauszunehmen. "Erst wer sich von dem Druck befreit hat, alles richtig machen zu wollen, trifft die besten Entscheidungen, wird souverän." Zwar ist Kohtes der Meinung, dass Zen insbesondere für Intellektuelle die am besten geeignete Erfahrung sei. Doch er betrachtet Zen eher als Metapher für eine achtsame Haltung, die man auch mit anderen Methoden erreichen könne. Aber: "Achtsamkeit ist nur im entspannten Zustand möglich." Führungskräfte hätten das Problem, dass sie eigentlich alles können sollen, also keine Schwächen zeigen dürfen. "Entspannt sein wird in vielen Fällen jedoch immer noch als Schwäche betrachtet."