Mein Chef möchte die Vertrauensarbeitszeit bei uns als Modell einführen. Was genau ist das? Und ist das gut?, fragt Dirk Unger

Sehr geehrter Herr Unger,

der Begriff der Vertrauensarbeitszeit beschreibt eine Form der Arbeitszeitflexibilisierung , denn hier verzichtet Ihr Arbeitgeber auf die starre Festlegung einer Kernarbeitszeit sowie auf die Erfassung Ihrer Arbeitszeit. An die Stelle der lückenlosen Kontrolle, wie sie bei Stechuhren oder Arbeitszeitkonten gegeben ist, tritt das Vertrauen Ihres Arbeitgebers, dass Sie Ihre Arbeitspflichten erfüllen. Der Mitarbeiter erfüllt also das vertraglich verabredete Arbeitszeitkontingent selbständig und eigenverantwortlich.

Jeden Mittwoch beantwortet der Berliner Arbeitsrechtler Ulf Weigelt Fragen zum Arbeitsrecht auf ZEIT ONLINE

Für Sie bedeutet die Vertrauensarbeitszeit, dass Sie allein entscheiden, wann und wie viel Sie täglich arbeiten , natürlich unter der Maßgabe, dass Sie die Ihnen aufgetragenen Arbeitsaufgaben erfüllen und Projekte auch fristgerecht abschließen.

Die Einführung der Vertrauensarbeitszeit kann also sowohl für Sie als auch für Ihren Arbeitgeber große Vorteile haben. Sie birgt aber auch Risiken.

Vorteile für Ihren Arbeitgeber: Die Arbeitszeit des Mitarbeiters ist ergebnisorientierter ausgerichtet und fördert so die Effizienz.

Gleichzeitig findet eine Harmonisierung von Arbeitsbedarf und -zeit statt. Dieser Ausgleich führt zu einer sehr flexiblen Anpassung an die Kundennachfrage, ohne dass Überstunden erfolgen und vergütet werden müssen. Ein Nachteil für Arbeitgeber ist jedoch das Missbrauchsrisiko bei Nichterbringung der vereinbarten Arbeitszeit. Dabei sind die Arbeitgeber dennoch für die Einhaltung des Arbeitszeitrechts weiterhin verantwortlich.

Für Arbeitnehmer wirkt sich die Vertrauensarbeitszeit meist motivationsfördernd aus: Arbeitszeit und Privatleben sind besser zu vereinbaren, auch findet kein Absitzen von Arbeitszeit statt. Natürlich gibt es auch Nachteile: Nämlich dann, wenn Überlastungssituationen entstehen, die nicht durch einen Zeitausgleich abgebaut werden können. Auch gibt es Mitarbeiter, die mit solch einer Freiheit nicht umgehen können und sich überfordert fühlen.

Allerdings gibt es auch Möglichkeiten, Überlastungssituationen zu vermeiden, treten sie ja vor allem dann auf, weil die durchschnittliche Arbeitsbelastung generell zu hoch ist und der Mehraufwand nicht mehr durch Freizeit ausgeglichen werden kann.

In solchen Fällen sollten Arbeitgeber und Mitarbeiter gemeinsam nach einer Lösung suchen. Solche können beispielsweise sein, die Arbeitsmenge zu reduzieren, zuschlagspflichtige Überstunden einzuführen, die Arbeitsabläufe zu vereinfachen oder neue Mitarbeiter einzustellen.

Sofern es in Ihrem Unternehmen einen Betriebsrat gibt, muss der Arbeitgeber dem Betriebsrat nach § 80 Absatz 1 Nr. 1 BetrVG Beginn und Ende der täglichen Arbeitszeit und den Umfang der tatsächlich geleisteten wöchentlichen Arbeitszeit der Arbeitnehmer mitteilen. Das ist ein für den Arbeitgeber vorgeschriebener Verwaltungsaufwand, der einer praktizierten Vertrauensarbeitszeit dann jedoch zuwiderläuft.

Ihr Ulf Weigelt