Es ist 2009, die Wirtschaftskrise hat ihren Höhepunkt erreicht. In Gelsenkirchen treffe ich auf eine Reihe von Frauen, die sich gerade aus der Arbeitslosigkeit selbstständig gemacht haben. Die Zahl der Existenzgründerinnen steigt ständig, besonders hier im Ruhrgebiet. Ich stelle die Vermutung an, dass Gelsenkirchen nicht nur die Stadt mit der größten Arbeitslosenquote in Westdeutschland ist, sondern auch die Hochburg der Trümmerfrauen des Arbeitsmarktes. "Von der Bergarbeiterfrau zur Unternehmerin" lese ich auf einem Titelblatt. Diese Frauen sind Teil des Wandels von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, der so viel beschworen wird. Mit neuen Geschäftsideen, neuem Elan, neuem Mut. Wie fühlt es sich an, eine Arbeitsmarktheldin zu sein? Ich möchte einen Dokumentarfilm über diese Frauen drehen und begleite schließlich drei von ihnen ein Jahr lang mit der Kamera: Marion, Angela und Ula.

Marion

Marion war arbeitslos und alleinerziehend. Als Alleinerziehende hat sie es auf dem Arbeitsmarkt schwer. Die Fremdsprachensekretärin bewarb sich – erfolglos. Irgendwann wurde sie wütend. "Ich weiß noch ganz genau wie ich eines Tages im Badezimmer in den Spiegel schaute und mir gesagt hab: Das kannst du doch auch selber! Wozu brauchst du die denn alle?", erzählt sie. Also begann sie, im Kindergarten ihres Sohnes Englischkurse anzubieten. "Das ließ sich gut verbinden, und die kannten mich schon", erinnert sich die Gründerin. Zwei Jahre ist das nun her.

Marion beim Englischunterricht mit einer Kindergruppe © Anne Wahle

Mittlerweile gibt sie Kurse in 17 weiteren Kitas. Es war harte Arbeit. Besonders die kalte Akquise fiel Marion anfangs schwer. Einfach so in Einrichtungen anzurufen, ihr Angebot vorzustellen und trotz Absagen nicht den Mut zu verlieren – Marion musste sich überwinden. Mittlerweile hat die Existenzgründerin sogar eine Mitarbeiterin, als Mini-Jobberin. Mittlerweile unterrichtet sie auch Erwachsene. Dieses Zusatzangebot begann ganz beiläufig, zuerst in den Räumlichkeiten des Kindergartens, abends, auf den kleinen Stühlen.

Seit kurzer Zeit gibt sie Englischkurse in ihren eigenen Büroräumen, die sie extra dafür angemietet hat. Ob sich die Investition gelohnt hat, muss sich allerdings noch zeigen. 10.000 Werbeflyer hat Marion für ihre Englischkurse verteilt. Die Resonanz war gering. Also denkt sich die Gründerin nun neue Zielgruppen aus. Senioren, Erzieherinnen, Berufstätige. "Ich habe dieses Büro für mindestens 5 Jahre gemietet, also muss da jetzt was passieren. Ich muss die Kosten ja wieder reinbekommen. Und ich glaube auch, dass das klappt. Ich kann ja auch nicht zu einem Akquisegespräch gehen und andere überzeugen, wenn ich nicht selbst daran glaube", sagt sie. Immerhin sei sie schon weit gekommen, da geht es auch weiter, irgendwie. Und dennoch erlebt sie diese Momente, in denen sie zweifelt. Abends, wenn sie im Bett liegt und die Finanzen noch mal durchrechnet. Wenn auch die Angst gekündigt zu werden nicht mehr da ist, dann bleibt doch die Existenzangst.