AnredePer Du mit dem Chef

Die Mitarbeiter zu duzen, schafft Nähe, das förmliche Sie sorgt für Distanz. Beide Anreden können als Instrument zur Führung genutzt werden, haben aber ihre Tücken. von 

Duzen oder Siezen? Mitarbeiter in einem Großraumbüro

Duzen oder Siezen? Mitarbeiter in einem Großraumbüro  |  © Oli Scarff/Getty Images

Duzen oder Siezen? Die Frage klingt banal, aber am Arbeitsplatz kann es sehr schwierig sein, die richtige Antwort zu finden. Nicht immer ist das vertrauliche Du angebracht, das förmliche Sie wiederum kann zu einer Distanz führen, die eine produktive Zusammenarbeit erschwert. Richtig kompliziert wird es, wenn noch Zwischenformen berücksichtigt werden, wie die Verwendung des Vornamens und dem Sie.

"Die Etikette ist eindeutig, aber die Alltagssprache ist es nicht", sagt Carolin Lüdemann. Sie ist Mitglied im Deutschen Kniggerat und bringt Führungskräften die richtige Etikette im Berufsleben bei. Generell biete der Ranghöhere das Du an, unter Gleichrangigen ginge die Initiative vom Älteren aus, sagt Lüdemann. Das bedeutet in der Berufspraxis: Der junge Vorgesetzte darf dem älteren Mitarbeiter die vertrauliche Anrede anbieten, aber nicht der ältere Mitarbeiter dem jungen Chef.

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Doch kann das Du auch abgelehnt werden? "Prinzipiell schon, allerdings kann eine Absage negativ aufgefasst werden. Insbesondere dann, wenn sie nicht gut begründet ist", sagt Lüdemann. "Darum rate ich dazu, gut abzuwägen, ob wirklich ein Schaden durch die vertrauliche Anrede entsteht." Gute Gründe für eine Ablehnung gibt es nur wenige, beispielsweise wenn Kunden das Du anbieten. "Sie sollten ihre Absage mit dem Verweis auf eine höhere Stelle begründen. Es ist durchaus nachvollziehbar, dem Kunden zu erklären, dass das vertrauliche Du vom Unternehmen während laufender Projekte nicht gern gesehen wird, aber man sich sehr gern nach Abschluss des Projekts duzen könne", rät die Trainerin. Sie sagt aber auch: Nach alter Schule ist das Du eine Auszeichnung.

In jüngerer Zeit beobachtet die Stilexpertin jedoch eine Amerikanisierung in Unternehmen. "Das Du setzt sich immer stärker durch. Viele Führungskräfte sprechen Kunden oder Teams mittlerweile in der zweiten Person Plural an, um Vertrauen herzustellen. Sätze wie 'Wie macht ihr das denn in eurer Abteilung?' fallen immer häufiger."

Nicht immer hat diese Zwischenform zwischen Sie und Du die erhoffte Wirkung. "Ein zu schnelles Duzen kann unangebracht und anbiedernd wirken", sagt Arbeitspsychologe Tim Hagemann. Deshalb sollte ein solcher Schritt genau überlegt sein. "Man kann die Anrede als Instrument der Führung nutzen", sagt er. Und zwar abhängig vom jeweiligen Führungsstil und der Intention.

"Weil das Du Nähe und Vertrauen schafft, stellt es eine Verbundenheit und ein Gefühl von Freundschaft her", sagt der Arbeitspsychologe. Das könne hilfreich sein, "wenn man ein Team aufbaut, das stark auf gegenseitigem Vertrauen beruht". Das Du wirke in einem solchen Fall motivierend. Es kann aber auch nach hinten los gehen – wenn nämlich die Persönlichkeit und das Verhalten der Führungskraft so gar nicht zu der assoziierten Vertraulichkeit der persönlichen Anrede passt.

Monika Peters hat genau das erlebt. Als ein neuer Teamleiter die Abteilung der Wirtschaftsprüferin übernahm, bot er sofort das Du an. Sein Vorgänger hatte die Mitarbeiter stets gesiezt. Peters beschreibt die Zusammenarbeit mit dem alten Chef als distanziert, aber herzlich. "Er traf Entscheidungen in Ruhe, hörte sich immer alle Seiten an. Er war ein Chef, der von seinen Mitarbeitern Loyalität einforderte und diese vorlebte, weil er sich immer vor uns stellte. Darum genoss er unser Vertrauen und wir fanden es angebracht, ihn zu siezen und uns untereinander zu duzen", erzählt die Wirtschaftsprüferin. Der Neue verkündete schon in seiner Antrittsrede, dass alle künftig per Du seien und seine Tür immer offen stünde.

Doch die Aufbruchstimmung währte nicht lange. Statt sich vor seine Mitarbeiter zu stellen, kontrollierte der Neue sein Team und gab Ärger nach unten weiter, berichtet Peters. Als sie eine Fehler machte, wies ihr Vorgesetzer gegenüber der Geschäftsleitung alle Schuld von sich und schob die Verantwortung ihr zu. Spätestens nach dieser Erfahrung sei ihr Vertrauen in den Vorgesetzten zerstört gewesen, sagt sie heute. "Mir kam das Geduze wie gespielte Freundlichkeit vor. Ich wollte diesen Mann nicht mehr duzen, ich wollte keine Nähe über die Anrede herstellen, wo nur Distanz und Misstrauen vorhanden waren." Den unsympathischen Chef zu siezen, wäre ihr lieber gewesen. Doch das Du zurücknehmen, erst Recht als Rangniederer, geht nicht. "Ein einmal angebotenes Du lässt sich nicht zurückziehen", sagt Kniggetrainerin Carolin Lüdemann.

Leserkommentare
    • Narses
    • 01. April 2011 9:03 Uhr

    Im Arbeitsleben möchte und mochte ich NIEMALS, ich wiederhole, niemals, von meinem Chef bzw. dessen Sub-Chefs geduzt werden.
    Meine "Sandkastenfreunde" suche ich mir selber aus.

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    Nicht teamfähig und beleidigt von der Existenz jeglicher Hierarchien? Der Soldat, der nie Gefreiter wird, weil es ihm nicht im Traum einfällt, einen Vorgesetzten vorschriftsmäßig zu grüßen? Der Gewerkschafter, der sich als integriertes Mitglied der "Verdammten dieser Erde" versteht? Hach, solche Mitarbeiter hat man tatsächlich manchmal. Am besten, man lässt sie bald wieder gehen, sie schaffen nur unproduktiven Zwist; sie pfeifen auf jegliche Harmonie. Ich hatte mal so einen, dem wollte ich wegen einer guten Leistung eine Prämie geben. Der hat das doch tatsächlich abgeleht, und zwar mit folgender Begründung: Dass ich ihn prämieren wollte, sei ein eindeutiges Zeichen, dafür, dass er betrogen worden sei. Die Prämienmittel und auch meine Bezahlung hätte ich ihm und "seinen Kollegen" dreist vorenthalten, obwohl sie sie voll verdient hätten. Das wäre Lohnunterschlagung und um mein Gewissen zu beruhigen, würde ich nun einen verschwindend geringen Teil der unterschlagenen Summe herausgeben wollen. Dafür stünde er nicht zur Verfügung.

  1. Ich finde es durchaus Ok, wenn einem der Chef in einer überschaubar grossen Firma nach einer gewissen Zeit das "Du" anbietet. Allerdings muss es verdient und angebracht sein. Ich habe in einer kleineren Firma gearbeitet, in der das "Du" vom erstem Tag an galt.

    Das fand ich unangemessen, ist es doch eine Frage von Vertrauen und "sich kennen". Es schaffte damals für mich eine seltsame Atmosphäre von unangebrachter und aufgesetzter Nähe.

  2. ... im allgemeinen mit dem deutschen "Ihr" gleichzustzen, wir es auch früher üblich war, das Gegenüber zu "Ihrzen".
    Wenn das "you" mit dem Vornamen verwendet wird ( "call me Bill" ), dann ist mit dem deutschen "Du" gleichzusetzen. Die Synchronisation in den Filmen macht das deutlich, nur eben vorher "Sie" statt "Ihr".

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    Ich habe Freunde in Kanada und England und habe genau dieses "Phänomen" mit ihnen besprochen. Wie auch LEO zeigt kann aus dem Zusammenhang manchmal eine Interpretation erfolgen (dich, du, euch, ihnen, ihr, man, sie ...)

    Grundsätzlich gilt, dass das "Du" gemeint ist wenn das Gegenüber explizit sagt "we should get a private relationship". Oder wie in meinem Kommentar wenn in einer deutschen Niederlassung einer Firma gesagt wird, dass das "Du" für die ganze Firma gilt. Ansonsten ist es als "Sie" zu intpretieren, sagen meine Freunde.

  3. Die Zwischenform Vorname und Sie finde ich persönlich überhaupt nicht kompliziert. Als junge Lehrerin unterrichte ich häufig ältere Kursteilnehmer. Diese Form der Anrede schafft eine gewisse Art von Vertrauen, gewährleistet aber auch eine entsprechende freundliche Distanz, die man zu einem Lehrer haben sollte.

    Ich denke auch, dass es nicht notwendig ist, sich an anderen Ländern zu orientieren. Vielmehr sollte sich jedes Land seine "Eigenheiten" bzw. seine Kultur bewahren.

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  4. Ich habe Freunde in Kanada und England und habe genau dieses "Phänomen" mit ihnen besprochen. Wie auch LEO zeigt kann aus dem Zusammenhang manchmal eine Interpretation erfolgen (dich, du, euch, ihnen, ihr, man, sie ...)

    Grundsätzlich gilt, dass das "Du" gemeint ist wenn das Gegenüber explizit sagt "we should get a private relationship". Oder wie in meinem Kommentar wenn in einer deutschen Niederlassung einer Firma gesagt wird, dass das "Du" für die ganze Firma gilt. Ansonsten ist es als "Sie" zu intpretieren, sagen meine Freunde.

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  5. Ein Du ist für mich gleichbedeutend mit einer Freundschaft auf der selben Ebene (nicht auf der Karriereleiter gesehen, sondern auf der "Freundschaftsleiter"). Daher ist das für Arbeitskollegen oder gar Vorgesetzte für mich äußerst unangenehm - sowohl selber zu duzen als auch geduzt zu werden. Es lässt meiner Erfahrung nach den Respekt vermissen, wenn das Du ohne gute Begründung verwendet wird.

    Dementsprechend habe ich auch die Devise "Wir duzen uns hier alle" in einem früheren Job nicht mitgemacht. Es ist meines Erachtens sehr viel netter, mit dem richtigen Tonfall gesiezt zu werden als allgemein geduzt zu werden. Denn mit dem richtigen Sie kann man sowohl Respekt und Anerkennung, als auch Vertrautheit ausdrücken. So empfanden das dann auch meine Kollegen. Im ersten Moment waren sie zwar überrascht, aber keineswegs beleidigt oder gekränkt, sondern wegen der Art wie es gesagt wurde sogar erfreut.

    Bei einem Du kommt nunmal meist nur die Vertrautheit rüber, die Betonung kann hier kaum etwas verbessern, aber dafür stark verschlechtern.

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