Im Büro des viel beschäftigten Chefs brennt weit nach Feierabend noch Licht. E-Mails werden endlich beantwortet, wichtige Arbeitsaufträge verteilt, in spätabendlichen Besprechungen die Richtung festgelegt. Keiner wagt es, früher zu gehen. Was soll der Chef denn denken? Was die anderen? Und wer es dennoch tut, muss sich von den Kollegen noch mit dem Spruch "Nimmst du einen halben Urlaubstag?" frotzeln lassen. Jetzt geht im Chefbüro das Licht aus. Endlich. Das ersehnte Zeichen für den kollektiven Aufbruch in den Feierabend.

Das ist ein besonders krasses Beispiel für die Präsenzkultur in den Büroetagen deutscher Konzerne. Das Büro ist erleuchtet, alle sehen, dass ich etwas leiste. Ich bin ständig erreichbar, also bin ich gut. Sitzfleischkultur statt Ergebniskultur ist ein Auslaufmodell, unsere Arbeitswelt steht vor einem radikalen Wandel. Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft erfordert einen neuen Umgang mit Zeit: gerade in Kreativ- beziehungsweise Denkbereichen. Zumal junge Talente selbst die tradierten Arbeitszeitmuster immer mehr infrage stellen.

Auch als Hochleister wollen sie selbstbestimmter sein, wenn es darum geht, Zeit für den Beruf oder Zeit für Familie und Freunde zu gestalten. Ein Unternehmen kann und darf nicht komplett über die Zeit seiner Mitarbeiter verfügen, ein Topmanager nicht zu beliebigen Zeiten über die Ressourcen seiner Geführten. Der bewusst gelebte Umgang mit allen Formen von Zeit ist Grundlage dieser Veränderung, egal ob es sich um Auszeit, Rückkehrzeit, Tagesarbeitszeit, freie Zeit, Zeitanteile für die einzelnen Lebenssphären, Lebensarbeitszeit oder Familienzeit handelt.

Der kulturelle Paradigmenwechsel beginnt in den Führungsetagen. Er darf keine Oberflächenkosmetik sein, sondern muss als Bewusstseinswandel in den Köpfen der Entscheider verankert werden. Ein eindeutiges Bekenntnis für die Möglichkeit zur Teilzeit für Führungskräfte hilft dabei ebenso wie das ehrliche Bekenntnis für E-Mail-freie Ruhezonen. Sich um seine Familie zu kümmern und dafür bewusst Zeit zu investieren kann und darf kein Makel mehr sein. Mitarbeitern muss die Sorge genommen werden, dass kleine tägliche und große mehrmonatige Auszeiten den Knick in der Karriere bedeuten. Diese Entscheidungen müssen ausdrücklich respektiert werden.

Dennoch: Das allein wird nicht reichen, um diesen kulturellen Transformationsprozess mit Nachdruck zu betreiben. Gerade in mitbestimmten Unternehmen muss die Arbeitnehmervertretung auf diesen Zug aufspringen. Erkennbar ist: Das Thema Zeitsouveränität wird ein Megathema für die Gestaltung künftiger Sozialpartnerbeziehungen. Welche Standards in der Zeitkultur des Unternehmens sind notwendig? Wie können flexible und lebensphasenorientierte Arbeitszeitmodelle gestaltet und finanziert werden? Das sind die Kernfragen dieser Diskussion. Der eigentlich weite personalpolitische Rahmen wird bislang nur zu einem kleinen Teil genutzt.

Das liegt nicht zuletzt an der aus einer anderen, früheren Zeit stammenden Fokussierung von Tarifauseinandersetzungen auf Arbeitsstunden und Entgeltprozente. Um den Anforderungen moderner Arbeit und kommender Talentgenerationen gerecht zu werden, muss der seit Jahrzehnten bestehende tarif- beziehungsweise mitbestimmungspolitische Gestaltungsrahmen daher erweitert und mehr Kreativität zugelassen werden. Das Beispiel der Tarifpolitik der IG Bergbau, Chemie, Energie zeigt, dass dies möglich ist.

Die Sozialpartner sollten gemeinsam eine zukunftsfähige Programmatik mit dem Ziel entwickeln, die Berufs- beziehungsweise Arbeitszeit der Menschen im Unternehmen konsequent zu begleiten, vom Einstieg bis zum Ausstieg. So wird der Wunsch, Auszeiten zu nehmen – zusätzlich zur mittlerweile auch von Männern gut genutzten Elternzeit –, für viele Arbeitnehmer ein immer wichtigerer Beitrag zu einem balancierten Leben. Innovative Lebensarbeitszeitkonten und demografisch gleitende oder gestufte Zeitmodelle bieten hier ausgezeichnete Möglichkeiten, angesparte Zeit nicht nur zur schlussendlichen Verkürzung des Berufslebens zu nutzen, sondern auf Wunsch schon zwischendurch – sei es, um ein Sabbatical zu machen oder sich Zeit für die Pflege von Familienangehörigen zu nehmen oder auch um Belastungen in der letzten Berufsphase schrittweise zu reduzieren.

Unternehmen und Sozialpartner sind in der Pflicht, den Bedürfnissen der Menschen nach mehr Zeitsouveränität gerecht zu werden. Ein Wettbewerb der Ideen ist dafür notwendig, nicht das Verharren in ritualisierten Denkblockaden.

Erschienen im Handelsblatt