Andrea M. hatte ihre beiden Kinder großgezogen, dann wollte sie an ihren alten Arbeitsplatz in der Redaktion einer Tageszeitung zurück. Der war nach über zehn Jahren selbstverständlich besetzt. "Wir hätten Sie dennoch gerne wieder", sagte der Personalleiter, "allerdings auf freiberuflicher Basis". M. nahm an. Das war vor drei Jahren. Von Tag zu Tag steigerte sich ihr Arbeitspensum und seit gut einem Jahr hatte sie quasi einen Vollzeitjob. Für andere Kunden blieb keine Zeit mehr.

Auch Michael H. schaffte den Wiedereinstieg in das Berufsleben über die Selbstständigkeit. Vor der Krise war er Staplerfahrer, danach arbeitslos. Sein früherer Chef hatte anschließend genügend Aufträge für ihn. Sogar einen Transporter stellte er seinem ehemaligen Mitarbeiter zu Verfügung. Michael H. zögerte nicht lange. Schon eine Woche später machte er seine erste Tour als selbstständiger Kraftfahrer. Wohin es ging, das bestimmte sein Auftraggeber – so wie früher auch, als R. noch festangestellt war. Eigentlich hatte sich nicht viel geändert.

Aber Scheinselbstständigkeit ist kein Kavaliersdelikt. Wenn die Kriterien für eine echte Selbstständigkeit nicht erfüllt werden, werden die gesetzlich vorgeschriebenen Sozialversicherungsbeiträge fällig. "Der Dumme ist der Auftraggeber, denn er schuldet den Gesamtsozialversicherungsbeitrag und muss ihn nachbezahlen", erklärt Sandra Flämig, Fachanwältin für Arbeitsrecht in Stuttgart. Sie hat in ihrer Kanzlei Fälle von aufgedeckter Scheinselbstständigkeit erlebt, "die Auftraggeber in die Insolvenz getrieben haben". In einem Fall musste der Arbeitgeber rund 24.000 Euro Sozialversicherungsbeiträge nachzahlen. "Unternehmer, die ihre Sozialversicherungsbeiträge nicht abführen, machen sich unter Umständen sogar strafbar, wenn das vorsätzlich geschieht", sagt die Arbeitsrechtlerin.

Ob eine Scheinselbstständigkeit vorliegt, prüft der Deutsche Rentenversicherung Bund durch ein sogenanntes Statusfeststellungsverfahren. Sowohl Auftragnehmer als auch Auftraggeber können bei der Clearingstelle der Rentenversicherung für klare Verhältnisse sorgen. Schwarzen Schafen kommt die Behörde durch den Betriebsprüfdienst der Rentenversicherungsträger auf die Schliche. Diese Prüfungen werden regelmäßig durchgeführt. Und auch in diesen Fällen schaut sich die Clearingstelle die Konstellation an. 2010 geschah das insgesamt rund 15.200 Mal. Das Ergebnis: In gut einem Drittel der Fälle wurde abhängige Beschäftigung festgestellt.

Hellhörig werden die Prüfer der Rentenversicherung, wenn mindestens fünf Sechstel des Umsatzes von einem Auftraggeber stammen und der scheinbar Selbständige weisungsgebunden ist, was Ort und Zeit der Tätigkeit betrifft. Kritisch ist es zudem, wenn der Freie Jobs macht, die er früher schon als festangestellter Mitarbeiter erledigt hat.

Wird die Scheinselbstständigkeit aufgedeckt, kann sich der vermeintliche Freie sogar einklagen, erklärt Albrecht Lindenberger, Referatsleiter der IHK Region Stuttgart. Kommt er damit vor dem Arbeitsgericht durch, wird aus dem Unternehmer ein Arbeitnehmer mit Kündigungsschutz, Urlaubsanspruch, Entgeltfortzahlungsanspruch im Krankheitsfall und Sozialversicherungspflicht vom Tag der scheinbaren Selbstständigkeit an. Lindenberger rät deshalb dringend zum freiwilligen Statusfeststellungsverfahren. Anwältin Flämig plädiert für den Fachanwalt. "Vielleicht lässt sich dann noch regeln, was geregelt werden kann."