ErbenermittlerDem Erben auf der Spur

Ihre Arbeit gleicht der von Detektiven, ihr Honorar ist ein Teil des Nachlasses: Erbenermittler suchen nach verschollenen Angehörigen. Ihr Joballtag im Beruf der Woche von 

Archiv in Berlin: Recherchieren in Archiven gehört zum Joballtag eines Erbenermittlers

Archiv in Berlin: Recherchieren in Archiven gehört zum Joballtag eines Erbenermittlers   |  © Sean Gallup/Getty Images

Ein reicher, unbekannter Verwandter aus Übersee verstirbt und hinterlässt ein Millionenerbe. Was nach Filmstoff klingt, kommt in der Realität allerdings gar nicht so selten vor. Das zumindest behauptet Matthias Ziegenhardt, Geschäftsführer der Gesellschaft für Erbenermittlung. Er verdient sein Geld mit dem Suchen und Finden von Angehörigen und sagt: "Täglich betrauen uns Nachlasspfleger, Gerichte, Notare oder Privatpersonen mit der Suche nach Erben. Ab und an ist da auch tatsächlich der reiche Onkel aus Amerika dabei."

Erbenermittler werden auch Genealogen oder Familienforscher genannt. Sie verbringen viel Zeit mit der Recherche – am Schreibtisch übers Internet, in Archiven, bei Kirchengemeinden und Standesämtern. Auch die Befragung von Personen aus dem unmittelbaren Umfeld des Verstorbenen, beispielsweise von Freunden und Nachbarn, gehört zur Recherche. Für die Arbeit ist gutes Organisationstalent und detektivischer Spürsinn vonnöten. Ziegenhardt vergleicht seine Arbeit mit der eines Kriminalermittlers. "Es geht darum, aus den gesammelten Informationen ein möglichst lückenloses Bild zusammenzufügen. Für jeden Fall erstellen wir einen Stammbaum. Alle gesammelten Informationen müssen immer durch Dokumente belegt werden."

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© Tim Boyle/Getty Images

Die Aufklärungsquote der Branche schätzt der Ermittlungsexperte auf ungefähr 70 Prozent. Trotz der hohen Wahrscheinlichkeit auf ein positives Ergebnis: Nicht immer ist die Arbeit von Erfolg gekrönt. Viele Spuren lassen sich nicht weiterverfolgen, weil keine Dokumente mehr vorhanden sind. Häufig führt die Suche nach Erben auch ins Ausland, manchmal verlieren sich dort die Spuren. "In vielen osteuropäischen Ländern ist die Suche anhand historischer Dokumente schwierig, weil viele im Krieg vernichtet wurden", sagt Ziegenhardt. Erschwert werde die Arbeit durch Zeitdruck. Denn Erben müssen innerhalb eines bestimmten Zeitraums gefunden werden, sonst fällt der Nachlass dem Staat zu.

"Manchmal müssen wir trotz mehrjähriger Arbeit eine Akte schließen, weil sie nicht abgeschlossen werden kann", sagt Ziegenhardt. Und dann gibt es noch jene Fälle, in denen nach Monate langer Arbeit ein Erbe ausfindig gemacht wird und plötzlich doch noch überraschend ein Testament gefunden wird, in dem ein Alleinerbe eingesetzt ist. "Das kann frustrierend sein, ist aber eher die Ausnahme", sagt Matthias Ziegenhardt.

In solchen Fällen bekommen Erbenermittler übrigens kein Honorar, egal wie viel Aufwand die Recherche gekostet hat. Im Übrigen darf der Ermittler erst, wenn einer oder mehrere Erben gefunden wurden, auch mit einem Honorar rechnen. Branchenüblich sind 20 bis 35 Prozent vom Erbanteil. Wer fest angestellt in einer Firma für Erbenermittlungen arbeitet, bekommt zum Grundgehalt eine Provision. Das konkrete Honorar wird jeweils mit dem Erben ausgemacht.

Die Tätigkeit ist kein staatlich geregelter Ausbildungsberuf, auch wenn sich erst kürzlich der erste Berufsverband für Erbenermittler gegründet hat. Noch ist die Berufsbezeichnung auch nicht geschützt. Prinzipiell könnte jeder in diesem Beruf arbeiten, erfolgreich sind aber nur die wenigsten. Denn dafür braucht es einige Erfahrung. Die meisten Familienforscher haben einen Hochschulabschluss, haben in Archiven, als Juristen oder Historiker gearbeitet. Besonders ihr Wissen ist bei der Arbeit von Nutzen. Welche Wanderungsbewegungen in Europa oder welche Kriegseinflüsse herrschten zu welcher Zeit und hatten somit Einflüsse auf familiäre Entwicklungen?

Es dauert eine Weile, bis Neueinsteiger erfolgreich sind. "Junge Kollegen müssen betriebsintern noch ungefähr zwei bis drei Jahre ausgebildet werden. Sie schauen dabei erfahrenen Kollegen über die Schulter. Bis ein Erbenermittler richtig gut ist und auch schwierige Fälle lösen kann, dauert es mehrere Jahre oder Jahrzehnte", behauptet Matthias Ziegenhardt.

Bundesweit gibt es nicht einmal ein Dutzend große Agenturen, die sich auf die Suche nach Erben spezialisiert haben; insgesamt sind hierzulande ein paar hundert Ermittler tätig. Sie arbeiten entweder als Angestellte in einer Agentur oder freiberuflich. Die Perspektiven für diesen ungewöhnlichen Beruf sind jedoch nicht so schlecht, denn die Nachfrage an der Dienstleistung steigt. "Familien sind heute weit versprengt", sagt der Ermittler. Und das hat Konsequenzen. Oftmals erfahren die Erben erst in dem Moment, in dem sie von den Ermittlern kontaktiert werden, von dem vermögenden Verwandten. Dann sind die Rechercheergebnisse der Erbenermittler auch wichtige Dokumente für die Familiengeschichte des unverhofften Nachlassnehmers. Für Matthias Ziegenhardt ist das ein Reiz, den sein Job ausmacht: den Menschen einen Blick auf ihre in Vergessenheit geratene Geschichte zu gewähren.

  • Gehalt: variiert, je nach Vorbildung und Verantwortung
  • Arbeitszeit: Festangestellte: 38 Stunden/Woche; Selbstständige: variiert
  • Ausbildung: betriebsintern meistens durch "Learning by doing", jedoch ist keine Ausbildung vorgeschrieben
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    • Serie Beruf der Woche
    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Agentur | Arbeit | Archiv | Erbe | Hochschulabschluss | Übersee
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