Arbeitsrecht : Was gehört zur Arbeitszeit?

Es dauert 15 Minuten, bis der Rechner hochgefahren ist. Müssen die Mitarbeiter deswegen früher zur Arbeit kommen? Antwort gibt Ulf Weigelt in der Arbeitsrechtskolumne.

Ich habe einen Arbeitsvertrag (40-Stunden-Woche) in einem Callcenter, wo die Anwesenheit elektronisch erfasst wird. Nun verlangt unser Arbeitgeber, dass wir deutlich vor Schichtbeginn erscheinen, sodass wir den PC und die Programme starten, bevor unsere Schicht beginnt. Diese Rüstzeit dauert etwa 15 Minuten. Unser Chef sagt, wir sollen exakt zu Schichtbeginn anfangen können zu telefonieren. Ebenso zählt die Nacharbeit – also das Herunterfahren der Programme und des Computers – nicht zu unserer Arbeitszeit. Diese wird über eine weitere Zeiterfassung am Telefon gemessen. 

Meine Frage ist jetzt: Zählt diese Rüstzeit zu meinen Hauptpflichten und somit zur vergütungspflichtigen Arbeitszeit, oder nicht? In unserem Arbeitsvertrag wird diese Zeit nicht erwähnt. Wir haben auch keine Tarifzugehörigkeit, fragt Daniel Kaden

Sehr geehrter Herr Kaden,

Ulf Weigelt

Ulf Weigelt ist Anwalt für Arbeitsrecht in Berlin. Auf ZEIT ONLINE beantwortet er jeden Mittwoch in der Serie "Da staunt der Chef" Leserfragen zum Arbeitsrecht. Die Serie ist auch als E-Book erschienen. Weigelt hat mit Sabine Hockling auch den Ratgeber Arbeitsrecht geschrieben.

die Rüstzeit umfasst laut Definition jene Zeiten, die erforderlich sind, um ein Arbeitssystem vorzubereiten, einen Auftrag auszuführen oder um die Arbeitssysteme nach Erledigung des Auftrags in den ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen.

Das Hochfahren Ihres PC oder das Starten des benötigten Programms beispielsweise sind als Ihre Hauptleistungspflicht einstufen – mit der Folge, dass Ihnen diese Zeit auch entlohnt werden muss .

Schließlich wäre die Arbeit ohne einen funktionsfähigen Computer nicht durchführbar. 

Allerdings ist diese Thematik keineswegs unumstritten, wie das Urteil des Bundesarbeitsgerichts vom 11.Oktober 2000 (Aktenzeichen 5 AZR 122/99 ) zeigt.

In diesem Fall ging es allerdings um das Waschen und Reinigen. Geklagt hatte ein Müllfahrer, der diese Tätigkeiten als Arbeitszeit vergütet haben wollte.

Das verneinte das Gericht mit der Begründung, dass das Umkleiden und Waschen gerade nicht zur Hauptleistungspflicht eines Müllwerkes gehöre.

Ihr Ulf Weigelt

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Kommentare

31 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Er hat doch geantwortet,

dass in diesem Fall die Sachlage relativ eindeutig ist:

Nein, es ist Arbeitszeit und muss entlohnt werden.

Das zweite Beispiel verdeutlicht nur, dass es allerdings Tätigkeiten geben kann, welche mit der Arbeit zusammenhängen, aber nicht entlohnt werden müssen - z.B. das Duschen im Müllwerk.

Bzw. allgemein das Duschen nach der Arbeit. Das hängt nicht unmittelbar mit der Arbeit zusammen. Ohne Duschen könnte man durchaus auch im Müllwerk arbeiten.

Ohne Computer und Programme geht das im Callcenter eben nicht. Aber das ist eh eine totale Ausbeuterbranche.

Die 15 Minuten beziehen sich nicht allein auf das Hochfahren

Die "Rüstzeit" umfasst alle Vorgänge, bis der Callcenter-Agent einsatzbereit ist. Es dauert vielleicht nicht immer 15 Minuten, aber das ist oft die kleinste Zeiteinheit, in der überhaupt abgerechnet wird.

Der Ablauf könnte zum Beispiel so aussehen: Der Mitarbeiter kommt im Büro an, wählt einen Arbeitsplatz aus, fährt den Rechner hoch, ggf. falls keine zugewiesenen Arbeitsplätze existieren, holt er sich ein/sein Headset und schließt es an. Wenn der Rechner oben ist, muss er sich oft noch in mehreren Datenbanken anmelden, die Sichten öffnen, die er meistens braucht, Fenster zurechtschieben. Projektbezogen können verschiedene Zusatzprogramme nötig sein. Auch gibt es oft eine VOIP bzw. CTI-Lösung (computer-telephony integration), d.h. der Beschäftigte telefoniert nicht einfach über das Telefon wie er möchte, sondern steuert das über den Computer, d.h. als nächstes startet er ein weiteres Programm auf dem Rechner. Dieses verbindet ihn mit der zentralen Telefonanlage, die wählt dann seinen Arbeitsplatz an. Er nimmt ab, sein Telefon bleibt für den Rest des Tages mit der Anlage verbunden. Die aufgeschalteten Gespräche werden dann von einem Server gesteuert, der auch ganz woanders stehen kann (übrigens gerne bei Inbound auch mit automatischer Anrufannahme, so dass nicht gebummelt wird).
Bis all diese Vorgänge abgeschlossen sind, und der Callcenter-Agent das erste Gespräch führen kann, vergehen schonmal ein paar Minuten.

Sklaventreiberei

Als Nächstes kommt, dass die Arbeitszeit nur zählt, so lange das jeweilige Telefonat dauert. Die Dauer des Anwählens ist schließlich unproduktiv.

Ebenso der Gang zur Toilette. Ich habe schon von Chefs gehört, die ernsthaft eine Zeiterfassung vor der WC-Türe angedacht haben...