Zu lautes Hundegebell, lärmende Kinder oder Laub aus dem Garten des Nachbarn: Jahr für Jahr beschäftigen Millionen Fälle von Nachbarschaftsstreitigkeiten die deutschen Gerichte. Dabei wären viele Konflikte einfach beizulegen, wenn die Streithähne nur miteinander reden könnten. Doch genau das ist nach jahrelangen Auseinandersetzungen nicht mehr möglich. Dann kann ein Schlichter helfen.

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Thomas Robrecht ist so ein Schlichter. Er arbeitet als Mediator und ist zudem Vizevorsitzender des Bundesverbandes Mediation e.V. Es sei eine Herausforderung, die Streitparteien überhaupt wieder an einen Tisch zu bekommen, erzählt er. "Viele Menschen wollen einen Konflikt lösen, wissen aber nicht wie. In einem Streit werden Dinge oft nur noch schwarz und weiß gesehen. Die Beteiligten haben einen Tunnelblick und können nicht mehr rational entscheiden. Mediation ist dann so etwas wie der verlängerte gesunde Menschenverstand", sagt Robrecht.

Die Schlichter versuchen, bei den Streithähnen die Selbstlösungsfähigkeit von Konflikten wieder herzustellen. Ziel ist es, wieder eine Verständigung beider herzustellen. "Wer sich verstanden fühlt, entspannt. In diesem Zustand können Menschen einen eigenen Lösungsweg finden", sagt Robrecht.

Aber Schlichten will gelernt sein. Mediatoren müssen Konfliktlösungs- und Gesprächsführungsstrategien beherrschen. Sie müssen unabhängig bleiben, dürfen nicht Partei für eine Seite ergreifen und den Konflikt auch nicht inhaltlich bewerten. "Wir sind Vermittler, keine Schiedsrichter. Der Mediator bezieht nicht Position zum Inhalt, sondern versucht herauszufinden, was einen Menschen beschäftigt", erklärt der Verbandsvorsitzende.

Was ärgert wen? Wo liegt das Ausgangsproblem? Schritt für Schritt wird ermittelt, was sich beide Parteien wünschen. Die Konfliktparteien werden gleichermaßen ernst genommen. Dabei darf sich der Mediator nicht aus der Ruhe bringen lassen. Schlichter brauchen überdurchschnittliche soziale und psychologische Kenntnisse, sie müssen sicher auftreten können und empathisch sein.

Der Beruf des Schlichters ist vergleichsweise neu, die Berufsbezeichnung nicht geschützt und die Tätigkeit nicht staatlich anerkannt. Viele Mediatoren haben Psychologie oder Pädagogik studiert, andere sind Juristen. Erlernen kann man die Mediation durch ein Studium oder durch eine Ausbildung, angeboten von Fachverbänden und Ausbildungsinstitutionen, die etwa 200 Stunden in Anspruch nimmt. Für Rechtsanwälte, die zusätzlich in der Mediation tätig sein möchten, regeln die Rechtsanwaltskammern die Ausbildungsbestimmungen.

Mediatoren können in beinahe jeder Lebenslage helfen, ihre Einsatzfelder sind so vielfältig wie die Anlässe für Streitereien. Entsprechend gibt es viele Möglichkeiten zur Spezialisierung. Besonders häufig werden sie zur Schlichtung von Konflikten in Familien, bei Scheidungen und an Schulen eingesetzt. Aber auch in der Wirtschaft oder im Bereich Umwelt muss geschlichtet werden. Hin und wieder auch in der Politik, wie etwa im Streit um den Stuttgarter Hauptbahnhof .

Viele Mediatoren sind selbstständig, manche größere Unternehmen beschäftigen Schlichter auch als Festangestellte – beispielsweise in der Personalentwicklung. Sie vermitteln dann bei Konflikten in Arbeitsteams. "Die Hürde, einen Mediator bei innerbetrieblichen Problemen von außen zu holen, ist groß. Da bietet es sich an, einen Mediator aus dem eigenen Haus hinzuzuziehen", sagt Robrecht.

Die Jobchancen sind gut. Der Bundesverband Mediation schätzt, dass der Bedarf an Schlichtern auch zukünftig wachsen wird. "Die Welt wird immer komplexer, immer schnelllebiger. Da sind Konflikte vorprogrammiert."

  • Gehalt: zwischen 60 und 250 Euro pro Stunde, abhängig von der Spezialisierung
  • Ausbildung: nicht staatlich geregelt
  • Arbeitszeit: variiert