CrowdfundingViele Investoren für eine gute Idee

Gründerkapital ist für junge Unternehmer schwer zu bekommen. Beim Crowdfunding finanzieren viele Investoren mit. Doch noch ist diese Finanzierungsform recht unbekannt. von Alexander Heintze

Sylvie Chin braucht Geld, denn ihre Firma Clearkarma.org steht noch am Anfang. Sie entwickelt in Wien Anwendungen für das Handy, mit denen Verbraucher die angegebenen Inhaltsstoffe auf Lebensmittelverpackungen prüfen können. Wer also zum Beispiel allergisch auf Milch reagiert oder keine tierischen Stoffe zu sich nehmen will, soll mit einem schnellen Check Gewissheit haben, dass das gewählte Produkt frei von den unerwünschten Substanzen ist. Um die Firma weiterzuentwickeln, fehlt Chin frisches Kapital. Doch wie bei so vielen anderen Gründern, die meist nicht mehr als eine Geschäftsidee haben, ist es für sie schwierig, an Kapital heranzukommen.

Chin setzt bei der Finanzierung ihrer Idee nicht nur auf Kredite von Banken oder Privatpersonen: Sie will viele kleine Geldgeber davon überzeugen, dass ihr Geschäftsmodell erfolgreich sein wird. Die Chance dafür bekam sie von Seedlounge: Die deutsche Crowdfundig-Plattform veranstaltete im Januar in München ihre erste Live-Veranstaltung.

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Erschienen im Magazin "enorm“, Nummer 1, April 2011

Erschienen im Magazin "enorm“, Nummer 1, April 2011  |  © enorm

Es war ein bisschen Deutschland sucht den Superstar für Gründer. Über 100 Unternehmensgründer hatten sich im Vorfeld beworben; 40 hatten die erste Casting-Runde überstanden, nur sechs kamen in die Show. Dabei präsentierten sie sich und ihre Geschäftsideen keiner lästernden Dieter-Bohlen-Jury, sondern seriösen Herren und Damen aus dem Investment- und Venture-Capital-Bereich. Auch Sylvie Chin gehörte zu den Finalisten. Nervös rieb sie sich immer wieder die Hände, strich den Rock glatt, nahm ihr Laptop und steckte es noch mal an die Steckdose. Es durfte nichts schiefgehen, denn nur die Finalisten an diesem Abend bekamen anschließend von den anwesenden Investoren finanzielle Unterstützung.

Eigentlich ist Nahrungsmittelsicherheit nicht erst seit dem jüngsten Dioxin-Skandal bei allen Verbrauchern ein wichtiges Thema. Als die rund 200 anwesenden Teilnehmer jedoch nach den Präsentationen ihren Favoriten wählen konnten, fehlten Chin wenige Stimmen, um in die finale Finanzierungsrunde zu kommen. Die Jury ließ sie aufgrund des knappen Ergebnisses trotzdem zur Endausscheidung zu. Rund 40 Investoren erklärten sich dann per SMS bereit, Geld in die Geschäfte der drei Finalisten zu investieren. Fast 11.000 Euro kamen insgesamt zusammen – weit weniger allerdings, als sich Gründer und Veranstalter erhofft hatten.

"Das Problem waren die hohen Bewertungen der Jungunternehmen", nennt Initiator Christian Kutschka von Seedlounge als Grund. Aus diesen Bewertungen ergibt sich der Wert der einzelnen Anteile und damit die Mindestinvestitionshöhe für die Geldgeber. Anscheinend waren viele Gründer mit großem Optimismus ausgestattet, sie bewerteten ihr Unternehmen hoch.

Die potenziellen Investoren jedoch teilten diese Einschätzungen nicht. Die Vorstellungen seien schlicht überzogen gewesen, sagt ein erfahrener Investor und sogenannter Business Angel. Seedlounge-Gründer Kutschka sieht im Rückblick die erste Crowdfunding-Veranstaltung dennoch positiv. "Aus den Fehlern werden wir lernen", sagt er.

Das ist zu hoffen: Gäbe es einen Preis für die beste Finanzierungsform des Jahres, die Idee des Crowdfunding hätte gute Chancen, ihn zu gewinnen. Internet-Plattformen wie Seedlounge oder Seedmatch in Dresden haben das Zeug dazu, über die Präsentation von Jungunternehmen auf ihren Websites Deutschlands Gründer sowie Mikroinvestoren zusammenbringen und damit das Hauptproblem der meisten Start-ups zu lösen: Die Geschäftsideen sind zwar oft gut, doch die Initiatoren wissen nicht, wie sie zum Beispiel Banken davon überzeugen sollen. Nicht wenige sammeln das Geld zunächst mühsam bei den drei F ein: Friends, Family and Fools – Freunde, Familie und Verrückte. Sind diese Quellen aber erschöpft, wird es eng: Mangels Finanzierung "verhungern viele Start-ups unterwegs quasi oder wandern nach London oder in die USA ab", sagt Gründungsberater und Investor Christian Leeb, der zusammen mit Kutschka und weiteren Partnern bei Seedlounge aktiv ist.

Leserkommentare
  1. So ist "Ökotest" entstanden: es haben eine Menge Menschen kleine Kommanditisten-Anteile gezeichnet, und nach einer gewissen Zeit konnte Ökotest als KG loslegen. Das lief sogar schon vor Internet-Zeiten, nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda.

  2. Ich betreibe selber die Crowdfunding Plattform www.visionbakery.de und betreue in dieser Tätigkeit Projektinitiatoren. Auch Startups zählen zu unseren Projekten. Da wir als Plattform nicht den Weg gehen, dass sich Investoren an einem Projekt beteiligen können, würde ich gerne eine andere Sichtweise darstellen. Wir haben gelernt, dass Startups auch durch den Vorverkauf von Waren und Dienstleistungen Kapital einsammeln können. Hierbei werden dem Unterstützer Gegenleistungen angeboten, welche er sich auswählen kann. Der Projektinitiator legt vorab fest wie hoch der finanzielle Gegenwert der Leistung ist. Ein Beispiel ist eine Gründerin, welche sich im touristischen Bereich selbständig machen wollte. Sie legte ein Projekt an um zwei GPS Geräte zu kaufen. Als Gegenleistung bot sie ihren Unterstützern geführte Touren in Leipzig an. Dabei handelte es sich um das spätere Angebot ihrer Selbständigkeit. Das Projekt war erfolgreich. Doch die eingeworbenen Mittel waren nur ein Teil des Erfolges. Ihre Unterstützer lösten nach und nach ihre Gegenleistungen ein und brachten Freunde mit zu den Touren, welche den regulären Preis zahlten. Da die Unterstützung von potenziellen Kunden kam, konnte die Gründerin durch ihr Projekt Aufmerksamkeit in der Zielgruppe erzeugen und einen Kundenstamm in kürzester Zeit aufbauen. Ich denke, dass gerade durch das involvieren der Zielgruppe und gegebenenfalls späteren Kundschaft, ein wirklicher Mehrwert der Kapitalbeschaffung durch Crowdfunding entsteht.

  3. Unter Crowd-Funding wird die Kapitalaufnahme von mehreren oder fast zahllosen kleineren Geldbeträgen zu einem unternehmerischen oder sozialen, gemeinnützigen Zweck verstanden, um mit der Summe der Kleinbeträge eine große Gesamtsumme an Kapital für eine größere Anschaffung, Hilfsaktion oder Investition zu bekommen. Crowdfunding findet über erfolgsbeteiligtes Beteiligungskapital, aber auch als reine Spendensammlung statt. Somit ist das Crowdfunding eine Form des capital-raising. Im unternehmerischen Bereich findet das Crowdfunding über Private Placements am Beteiligungsmarkt mit geringen Einmaleinlagen in ein Unternehmen statt. Die Summe der kleinen Einmaleinlagen soll dann insgesamt den erforderlichen Finanzierungsbetrag für die geplante Investition erbringen. An der Börse findet das Crowdfunding z.B. bei den sogen. Publikumsgesellschaften statt, die dann teilweise hunderttausende Kapitalgeber bzw. Aktionäre haben. In Deutschland unterliegt das Crowdfunding der staatlichen Kontrolle. Entweder bedarf es der Genehmigung für eine Spendensammlung oder beim gewerblichen Crowdfunding der Genehmigung der Kapitalmarktaufsicht BaFin.

    Die Dr. Werner Financial Service Group betreibt seit über zehn Jahren eine Crowdfunding-Plattform unter http://www.emissionsmarkt... , wo sich kapitalsuchende Unternehmen zur Kapitalbeschaffung über das Prinzip des Crowdfunding Kleinbeträge von vielen Anlegern besorgen können, um das gewünschte Finanzierungsvolumen zusammen zu bringen.

  4. Hallo!
    Crowd funding verbindet aus unserer Sicht die verschiedenen Finanzierungsideen der Mikrofinanzierung, der Onlinekreditbörsen und Venture Capital-Marktplätze. Dabei ist die Pflanze Crowd funding in Deutschland noch recht jung. Welche Unternehmen hier tätig sind, haben wir in unserem Blog zusammengefasst unter http://www.fuer-gruender....
    Dabei wird deutlich, dass deutsche Crowd funding Plattformen noch viel teurer sind als ihre amerikanischen Vorbilder. Zudem liegt der Fokus noch immer stark auf kreativen und künstlerischen Projekten. Aber auch hier gibt es schon die nächste Stufe, die wir mit Crowd investing bezeichnen und von der auch die klassischen Startups stärker profitieren dürften.

    Viele Grüße

    René

  5. Es gibt neben dem neueren Crowdfunding dann ja dennoch auch im Falle sollte es nicht klappen noch die gute alte Unternehmensfinanzierung, vor allem an alle die nicht gerade erst starten wollen. Ich selbst hab mich auch über www.finpoint.at damit auseinandergesetzt und hier kann ein Gesuch eintragen und Banken können falls interesse darauf zugreifen und Kontakt herstellen. In unseren heutigen Zeiten gibt es viele Alternativen und wirklich hilfreiche tolls, man muss wirklich das finden und für sich nutzen um sich das Leben zu vereinfachen.

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