Sylvie Chin braucht Geld, denn ihre Firma Clearkarma.org steht noch am Anfang. Sie entwickelt in Wien Anwendungen für das Handy, mit denen Verbraucher die angegebenen Inhaltsstoffe auf Lebensmittelverpackungen prüfen können. Wer also zum Beispiel allergisch auf Milch reagiert oder keine tierischen Stoffe zu sich nehmen will, soll mit einem schnellen Check Gewissheit haben, dass das gewählte Produkt frei von den unerwünschten Substanzen ist. Um die Firma weiterzuentwickeln, fehlt Chin frisches Kapital. Doch wie bei so vielen anderen Gründern, die meist nicht mehr als eine Geschäftsidee haben, ist es für sie schwierig, an Kapital heranzukommen.

Chin setzt bei der Finanzierung ihrer Idee nicht nur auf Kredite von Banken oder Privatpersonen: Sie will viele kleine Geldgeber davon überzeugen, dass ihr Geschäftsmodell erfolgreich sein wird. Die Chance dafür bekam sie von Seedlounge: Die deutsche Crowdfundig-Plattform veranstaltete im Januar in München ihre erste Live-Veranstaltung.

Erschienen im Magazin "enorm“, Nummer 1, April 2011 © enorm

Es war ein bisschen Deutschland sucht den Superstar für Gründer. Über 100 Unternehmensgründer hatten sich im Vorfeld beworben; 40 hatten die erste Casting-Runde überstanden, nur sechs kamen in die Show. Dabei präsentierten sie sich und ihre Geschäftsideen keiner lästernden Dieter-Bohlen-Jury, sondern seriösen Herren und Damen aus dem Investment- und Venture-Capital-Bereich. Auch Sylvie Chin gehörte zu den Finalisten. Nervös rieb sie sich immer wieder die Hände, strich den Rock glatt, nahm ihr Laptop und steckte es noch mal an die Steckdose. Es durfte nichts schiefgehen, denn nur die Finalisten an diesem Abend bekamen anschließend von den anwesenden Investoren finanzielle Unterstützung.

Eigentlich ist Nahrungsmittelsicherheit nicht erst seit dem jüngsten Dioxin-Skandal bei allen Verbrauchern ein wichtiges Thema. Als die rund 200 anwesenden Teilnehmer jedoch nach den Präsentationen ihren Favoriten wählen konnten, fehlten Chin wenige Stimmen, um in die finale Finanzierungsrunde zu kommen. Die Jury ließ sie aufgrund des knappen Ergebnisses trotzdem zur Endausscheidung zu. Rund 40 Investoren erklärten sich dann per SMS bereit, Geld in die Geschäfte der drei Finalisten zu investieren. Fast 11.000 Euro kamen insgesamt zusammen – weit weniger allerdings, als sich Gründer und Veranstalter erhofft hatten.

"Das Problem waren die hohen Bewertungen der Jungunternehmen", nennt Initiator Christian Kutschka von Seedlounge als Grund. Aus diesen Bewertungen ergibt sich der Wert der einzelnen Anteile und damit die Mindestinvestitionshöhe für die Geldgeber. Anscheinend waren viele Gründer mit großem Optimismus ausgestattet, sie bewerteten ihr Unternehmen hoch.

Die potenziellen Investoren jedoch teilten diese Einschätzungen nicht. Die Vorstellungen seien schlicht überzogen gewesen, sagt ein erfahrener Investor und sogenannter Business Angel. Seedlounge-Gründer Kutschka sieht im Rückblick die erste Crowdfunding-Veranstaltung dennoch positiv. "Aus den Fehlern werden wir lernen", sagt er.

Das ist zu hoffen: Gäbe es einen Preis für die beste Finanzierungsform des Jahres, die Idee des Crowdfunding hätte gute Chancen, ihn zu gewinnen. Internet-Plattformen wie Seedlounge oder Seedmatch in Dresden haben das Zeug dazu, über die Präsentation von Jungunternehmen auf ihren Websites Deutschlands Gründer sowie Mikroinvestoren zusammenbringen und damit das Hauptproblem der meisten Start-ups zu lösen: Die Geschäftsideen sind zwar oft gut, doch die Initiatoren wissen nicht, wie sie zum Beispiel Banken davon überzeugen sollen. Nicht wenige sammeln das Geld zunächst mühsam bei den drei F ein: Friends, Family and Fools – Freunde, Familie und Verrückte. Sind diese Quellen aber erschöpft, wird es eng: Mangels Finanzierung "verhungern viele Start-ups unterwegs quasi oder wandern nach London oder in die USA ab", sagt Gründungsberater und Investor Christian Leeb, der zusammen mit Kutschka und weiteren Partnern bei Seedlounge aktiv ist.