Rhetorik"Wer authentisch ist, produziert keine Worthülsen"
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"An blödsinnigen Informationen herrscht kein Mangel"

ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Baum: Ständig wird von Synergieeffekten gesprochen. Ich weiß überhaupt nicht, was das heißen soll. Der Effekt besteht doch gerade in der Synergie, also sagen wir doch einfach Synergie. Konkurrenten sind plötzlich Mitbewerber. Mitarbeiter werden nicht mehr gefeuert, sondern freigesetzt. Projekte mutieren zu Projektvorhaben, obwohl das "Vorhaben" im "Projekt" enthalten ist. Für viele bedeutet Rhetorik, unentwegt auf Sendung zu sein und sich selbst zu inszenieren. Es gibt zahllose Seminare, die den Leuten alles Mögliche beibringen – aber nicht, sich klar auszudrücken. In einem entsprechenden Werbetext heißt es: "Im Seminar werden die Teilnehmer ihr individuelles Ausdrucksverhalten optimieren." Hallo? Was bitte soll uns "individuelles Ausdrucksverhalten" sagen? Verhalten besteht doch im Ausdruck. Individuell ist es ohnehin. Und wollen wir unseren Ausdruck im Ernst optimieren? Das ist grässliches Geschwurbel ohne jegliche Substanz.

ZEIT ONLINE: Die meisten Rhetorikseminare vermitteln also Blödsinn?

Baum: Viele leider ja. Ich wette, Sie kennen auch solche Kollegen, die so ein Training mitgemacht haben. Die kehren zurück und verhalten sich völlig affektiert. Statt von Sprache handelte das Seminar von Verhalten. Wie stehe ich da, wo sind meine Hände? Hat für mich alles nichts mit Rhetorik zu tun, denn Rhetorik ist die Kunst der Rede. Ich nenne das Gestiktheater. Am Ende grinsen die Leute blöd, weil man ihnen sagt, sie sollten lächeln, laufen verkrampft aufrecht, damit sie angeblich selbstbewusst wirken. Und so wirken sie dann wie Psychopathen mit Kontrollzwang, die merkwürdige Gruppenspielchen spielen. Mit der viel gepriesenen Authentizität hat das nichts zu tun. Wenn jemand etwas zu sagen hat, dann ist es egal, ob er dabei die Hand in der Hosentasche hat. Dann achte ich nicht darauf, weil ich dem Sprechenden an den Lippen hänge und zuhöre! Ich behaupte auch: Wer authentisch ist, produziert keine Worthülsen.

ZEIT ONLINE: Trotzdem werden ja Menschen, die etwas zu sagen haben, oft nicht verstanden. Was machen die falsch?

Baum: Dieses Schicksal haben vor allem Experten, die vergessen, dass sie Spezialisten sind. Manche sind ja auch im Laufe der Zeit zu wahren Egozentrikern geworden, weil sie ihr Fachwissen bei anderen als Allgemeinwissen voraussetzen. Darum haben die klügsten Wissenschaftler oft nur ein sehr kleines Publikum. Die Kommunikation mit Fachidioten macht wenig Spaß. Auch hier ist die Empathie entscheidend: Die Experten müssen sich in die Lage ihres Publikums versetzen, seine Perspektive verstehen – dann sprechen sie automatisch weniger verschwurbelt.

ZEIT ONLINE: Fördert eine klare Sprache auch strukturiertes Denken?

Baum: Ich bin kein Entwicklungspsychologe, nehme aber an, dass es ein Wechselspiel ist. Wer strukturiert denken kann, wird sich auch präzise ausdrücken. Wer auf eine präzise Sprache achtet, denkt auch strukturierter.

ZEIT ONLINE: Woran erkennt man einen guten Rhetoriktrainer?

Baum: Er lässt diesen Verhaltensquatsch weg. Natürlich hat ein spannender Vortrag auch etwas mit Dramaturgie zu tun, mit Gestik, mit Haltung. Aber das ist die Kür nach der Pflicht. Zunächst geht es darum, präzise zu formulieren. Und da ist es entscheidend, dass Sie den Kopf einschalten. Denken Sie darüber nach, was Sie sagen und wie Sie es sagen. Und lesen Sie Deutsch für Profis von Wolf Schneider . Da steht alles drin, was man wissen muss, um verständlich sprechen zu können. Auf den Punkt zu kommen ist wirklich keine Hexerei.

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Leserkommentare
  1. ...

    http://www.thilo-baum.de/...

    hehe, was bin ich komisch...

    • Zack34
    • 02. Juni 2011 10:46 Uhr

    im Berufsalltag, auch ihre zunehmende Anreicherung mit meist falsch verwendeten angelsächsischen Bezeichnungen, usw. aus eigener Erfahrung bestätigen. Die Rhetorik-Kurse für die Mitarbeiter (mit Personalverantwortung) tragen ihres dazu bei.

    Allerdings habe ich den Eindruck, dass diese zum Teil dem eigenen Schutz dient, dem Schutz vor Verantwortung. In meinem eigenen beruflichen Alltag beobachte ich diese Tendenz, mit teilweise erschütternden Auswirkungen. Blender und regelrechte Lügenbarone sind es, die schnell Karriere machen.

    So verwundert es nicht, dass die meisten Angestellten der Bundesrepublik ihre Führungskräfte mehrheitlich als schwach oder direkt schlecht bezeichnen, wie eine Studie vor Monaten ergab.

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    Hallo Zack34,
    .
    "Rhetorik-Kurse für die Mitarbeiter" haben ganz unterschiedliche Qualität.
    .
    Ob Sie das Angebot "erhalten", oder "wir es Ihnen zuschicken", ist eigentlich völlig wurscht.
    Das Beispiel "Gastritis" finde ich nicht überzeugend, inzwischen weiß doch jeder, was das ist.
    Wer Mitarbeiter "freisetzt", der sagt besser nicht, dass er sie "feuert"!
    Noch nie habe ich gehört, dass jemand sein "individuelles Ausdrucksverhalten optimieren" soll. Für so ein Beispiel muss man sicher lange googeln.
    Wenn jemand etwas zu sagen hat, dann ist es kein bisschen egal, ob er dabei die Hand in der Hosentasche hat, sowas tut man einfach nicht vor einem Publikum.
    .
    Aber: "Auf den Punkt zu kommen ist wirklich keine Hexerei." Das stimmt schon, und wer in seiner Firma einen Vortrag halten will, soll sich das ruhig merken.

  2. Wenn wir alle "Klartext" reden würden, wie sollte sich der "Chef" denn dann vom "Arbeiter" unterscheiden? Sprache ist ein unverzichtbares Distiktionsmedium... das sich hervorragend dazu eignet, die besonders leistungsbereiten und motivierten Mitarbeiter zu erkennen. Wer keinen Widerstand leistet ist ein "guter mann", man erkennt direkt auch die Fähigkeit, andere Perspektiven anzunehmen.

    ... und überhaupt - was ist eigentlich "Klartext"? Sprache ist ein äußerst komplexes Medium - und streng genommen erscheint "Klartext" eher als Fiktion, denn als mögliche Option. Worte kann man drehen und wenden und ein jeder Sinn kennt unterschiedliche Ausdrucksweisen. Wissen Sie denn was "Geld" ist? "Finanzielle Mittel" trifft es da wohlmöglich schon genauer...

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    Tja, und statt "Distiktionsmedium" hätten sie auch einfach auf ein Unterscheidungsmerkmal hinweisen können. So simpel kann Sprache sein.

    • Zack34
    • 02. Juni 2011 12:28 Uhr

    "Man kann nicht nicht kommunizieren!"

    Aber bei, Zitat:

    "Wenn wir alle "Klartext" reden würden, wie sollte sich der "Chef" denn dann vom "Arbeiter" unterscheiden? Sprache ist ein unverzichtbares Distiktionsmedium... das sich hervorragend dazu eignet, die besonders leistungsbereiten und motivierten Mitarbeiter zu erkennen. Wer keinen Widerstand leistet ist ein "guter mann", man erkennt direkt auch die Fähigkeit, andere Perspektiven anzunehmen.

    ... und überhaupt - was ist eigentlich "Klartext"?"


    frage ich mich, ob das Unter... äh Distiktionsmedium Ihrer Definition nach nicht doch mehr mit einer anders motivierten Suche zu tun hätte. Und wo bitteschön liegt die kausale Verbindung zwischen der "Leistungsbereitschaft" und der Auswahl an ausgefeilten Worthülsen? Kann man mit freundlich und deutlich ausgedrückter eigener Meinung (wozu m.W. auch ein gewisses Verständnis für die andere Meinung dazu gehört) etwa keine "andere Perspektive annehmen"?

    DAS war Klartext.

  3. Ein kluger Franzose sagte einmal, Sprache diene dazu, seine wirklichen Gedanken zu verhüllen. Politiker praktizieren das bis zum Exzeß, damit hinterher keiner sagen kann, sie hätten dies und jenes tatsächlich gesagt oder vielleicht gar gemeint. Daher würden sie ja immer nur meinen...

    Außerdem umgibt der Gebrauch des heute so verbreiteten Denglisch (Fachkauderwelsch mit mehr englischen als deutschen Brocken) den redenden Programmierer oder Wirt-schaftler mit der Aureole eines Experten. Dazu ein akade-misches Beispiel: wenn ich von der "partiellen Negation einer relativen Totalität" spreche, gelte ich als philoso-phisch gebildet. Wie primitiv - und allgemeinverständlich - wäre es dagegen, einfach von einem LOCH zu sprechen!Der Ruf
    des katholischen Philosophen Karl Rahner beruhte zumeist auf seiner esoterisch abgehobenen Sprache, die bald keiner nachvollziehen konnte. Ein Professor gestand mir beim Wein, er müsse pro Semester einmal eine unverständliche Vorlesung halten. Das sei er seinem Ruf schuldig.

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    "Wenn ich von der "partiellen Negation einer relativen Totalität" spreche, gelte ich als philoso-phisch gebildet. Wie primitiv - und allgemeinverständlich - wäre es dagegen, einfach von einem LOCH zu sprechen!"

    Bester WilhelmRudolfK...ich erlaube mir diesen köstlichen Kommentar für meine Kommentarsammlung zu borgen. Danke! :-)

    was lernt man in der Ausbildung als erstes: Jede Profession kennzeichnet sich durch Fachbegriffe aus, die zunächst nur die zum Zweig gehörenden kennen.
    Also sagt ein Pädagoge Curriculum statt Lehrplan.

    Ausserdem habe ich oft die Erfahrung gemacht, das oft nur noch Fachbegriffe im Beruf verstanden werden für viele ist bsplsweise Corporate Identity oder Corporate Philosophy verständlicher als Markenrahmen, auch wenn dieser Begriff noch enger zu fassen ist...
    Somit macht man sich mit Markenrahmen zum Deppen und mit CI und CP zum Held...

    • ubique
    • 02. Juni 2011 11:26 Uhr

    was am besten auf den von Herrn Baum verwendeten Rhetorikbegriff passt. Aus Sicht des Seminars der allgemeinen Rhetorik der Uni Tübingen stimmt es zwar schon, dass Rhetorik die "Kunst der Rede" ist - aber doch etwas differenzierter betrachtet, als es der werte - selbsternannte - Herr Rhetoriktrainer tut: "Kunst" ist zu verstehen als "Kunstfertigkeit", als "Künstlichkeit": Rhetorik in ihrer europäischen Tradition versteht sich selbst in erster Linie als Seelenführung. Dabei geht es nicht etwa um das was, sondern um das wie und (viel mehr noch) wozu etwas gesagt wird. Und einfach ist hier nicht gleich besser. Es kommt auf den Kontext an. Der Wissenschaftler wäre ohne 'Fachchinesisch' für den Laien vielleicht besser verständlich, aber es ist nun mal nicht der Laie für den er sein Vortrag hält, es ist nicht der Laie, den er überzeuge muss (ihn weiter mit finanziellen Mitteln zu versorgen). In der Rhetorik geht es nicht darum, einen Vortrag spannend zu machen. Sie setzt zu erst die Perspektive von der anderen Richtung aus an, nämlich: Was soll mit dem Vortrag erreicht werden? Wenn sie an der (deutschen) Sprachkultur bemängeln, dass sie bloß "einseife" und "weichgespült" sei, dann verstehen Sie ihre eigene Kritik nicht! Was sie betreiben ist Kritik am System, Kritik daran, dass Inhalt nebensächlich ist und seine Abwesenheit hinter schönen Worten versteckt wird. Aber nichts zu sagen zu haben und daraufhin gewählt zu werden - das geht nur dank der Kunst der Rhetorik!

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    An der Kritik von Herrn Schrank gebe ich Ihnen völlig recht, der Rheorikbegriffs wird ad absurdum geführt.

    Allerdings ist die Rhetorik in ihrem ursprünglichen Sinn nicht mehr als bloßes Handwerk gewesen. Zu einer hochstilisierten Kunst wurde sie frühestens mit den Sophisten. Zu jeder Zeit jedoch, insbesondere im antiken Athen, war diese "techne" vor allem substantielle Voraussetzung einer gelungenen Gerichtsrede. Hier war nicht nur der Geburtsort der Rhetorik, sondern auch ihre Heimstätte bis in die heutige Zeit.

    Überzeugen und Überreden der aus dem Volk erwählten Laienrichter war Hauptaufgabe des Klägers/Beklagten. Denn eine echte Beweisführung gab es damals noch nicht. Aber auch der "Kachelmann-Prozess" bestätigt auf ein Neues die Aktualität und Daseinsberechtigung rhetorischer Handwerkskunst. Nicht wegen dem Prozessgrundsatz der Mündlichkeit des Verfahrens, sondern wegen des medialen Voyeurismus, der selbst die richterlichen Entscheidungsgründe beeinflusst.

    Gerade in der heutigen Zeit sind professionelle Redenschreiber, so wie es die Rhetoren Athens vor mehr als 2000 Jahren gewesen sind, wichtiger denn je zuvor. Dabei geht und ging es noch nie um bloße Konstruktion von Worthülsen, sondern um die Kompensation eines anthropologischen Mangels, nämlich Vergangenes in der Gegenwart abzubilden.

    Für das Beispiel des Herrn Schramm gilt also: Lieber auf den "geschichtlichen" Vorgang des Sendens abstellen als anmaßend den Erhalt des Angebots zu antizipieren!

    • th80ej
    • 02. Juni 2011 11:34 Uhr

    Womöglich befasse ich mich zu selten mit solchen Themen, aber was bitte bedeutet : MBA-verseucht ?

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    • th80ej
    • 02. Juni 2011 12:47 Uhr

    Auf Wiki hätte ich natürlich selbst kommen können. Aber jetzt weiss ich Bescheid. Amerikanische CEOs haben wir bei (europ. Flugzeugkonzern)nicht, aber unsere haben den Auftritt auch gut verinnerlicht.
    Schöne Grüße

  4. Guter Artikel spricht mir aus den Herzen.
    Fürwahr die verlogene Werbung hat Einzug gehalten in userer Ausdrucksweise.
    Aber was ist mit unserer Gesetzessprache, Arbeitszeugnis, da brauche ich doch ein Entschlüsselungsgerät um das zu verstehen.

  5. oder feindliche Sprache stören die Harmonie.
    Nur was würden die "Aufsteiger" ohne Beweihräucherung, Einrede oder Bullshit so machen. Auch Mobbing, Lästerung
    oder üble Nachrede sind Methoden in der heutigen Zeit, die man nicht einfach weglassen sollte.

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  • Schlagworte Botschaft | Führungskraft | Kommunikation | Rhetorik | Sprache | Training
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