Wer nach Erfolg im Job und Erfüllung im Privatleben strebt, landet schnell im Hamsterrad und macht sich zum Sklaven äußerer Zwänge. Das jedenfalls behaupten die beiden Psychologen Volker Kitz und Manuel Tusch in ihrem neuen Buch Ich will so werden wie ich bin , das Wege zu einem selbstbestimmten und erfüllten Leben aufzeigen soll.

Um es gleich vorwegzunehmen: Eine überzeugende Lösung wissen auch die beiden Autoren nicht. Aber sie stellen provokante Thesen auf. Eine davon ist die sogenannte Hamsterrad-Verschwörung. Scharfsinnig und polemisch analysieren Kitz und Tusch, woran die moderne Arbeitsgesellschaft krankt und untermauern ihre Thesen mit den neuesten Studienergebnissen. Normale Arbeitnehmer, die einfach nur ihre Arbeit verrichten, so die Autoren, sind auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr gefragt. Stattdessen verlangen Unternehmen überambitionierte High-Potentials , die ständig über sich hinauswachsen und so die Spirale der Leistungszwänge immer noch weiter drehen. "Wer nur kontinuierlich 100 Prozent Leistung bringt, gilt als Low Performer", schreiben die Autoren.

Cover des Buches "Ich will so werden, wie ich bin" © PR: Campus Verlag

Als Beleg rechnen sie die absurden Auswirkungen von Zielvereinbarungen vor. In der Regel sieht eine solche Vereinbarung vor, fünf Prozent mehr Leistung zu bringen als im Vorjahr. Summasummarum bedeutet dies eine Verdopplung der Arbeitsleistung in 15 Jahren und eine Verfünffachung nach 35 Jahren. Bildlich ausgedrückt: "Wenn auf dem Schreibtisch eines Berufsanfängers jeden Tag ein 20 Zentimeter hoher Stapel zu erledigender Arbeit landet – dann ist dieser Stapel kurz vor der Rente einen Meter hoch. Jeden Tag." Die Beispiele sind eindrucksvoll. Fast spielerisch finden die Autoren immer neue Bilder, um den Wahnsinn des Leistungsdrucks noch treffender zu beschreiben. "Wenn wir als Normalbeschäftigte im Lauf eines Berufslebens mehr als fünfmal soviel leisten sollen wie heute, dann sind wir heute entweder dramatisch unterfordert, dürften zum Beispiel von einem Acht-Stunden-Arbeitstag nur gut eineinhalb Stunden für unsere Arbeit benötigen – oder es stimmt etwas mit dem System nicht."

Völlig richtig, möchte man zustimmen. Dass etwas nicht stimmt, zeigt auch die wachsende Zahl psychischer Erkrankungen . Schon heute ist rund ein Drittel aller Menschen, die in Frührente gehen, psychisch krank. 1993 waren es noch 13 Prozent.

Der Leistungsdruck aus der Arbeitswelt habe längst auch Einzug ins Privatleben gehalten. Partnerschaft, Freundschaften, Familie, Freizeitgestaltung – überall herrsche das "Immer-größer-immer-besser-Diktat", schreiben die Psychologen und nennen dies einen " absurden Stresszwang ", der sich letztlich auch darin widerspiegle, dass vor allem der anerkannt sei, der über Stress klage. "Die lange Arbeitszeit ist zum Statussymbol geworden. Nur wer nicht nur ständig seine inhaltlichen Leistungen steigert, sondern auch seinen zeitlichen Einsatz, gilt etwas. (...) Workaholics sind Vorbilder, die dem gesellschaftlichen Standard entsprechen", stellen die beiden fest.

Soweit, so gut. Leider übertreibt das Autoren-Duo seine Argumentation. Um die steilen Thesen halten zu können, führen die Psychologen bloße Behauptungen heran wie die, dass heute selbst Rentner dafür belächelt würden, wenn sie Zeit hätten. Hämisch wird sogar die Frauenbewegung bemüht, wenn es darum gilt, das hart erkämpfte Recht auf Erwerbsarbeit zu belächeln. "Plötzlich arbeiten zu dürfen – was für ein großes Glück!" Diese polemischen Zuspitzungen sind überflüssig. Ausreichend wäre die sachliche Darstellung gewesen, dass sich das Ansehen von Arbeit seit der Antike über das Mittelalter bis in die Moderne grundlegend gewandelt hat. Einst war Arbeit verpönt, heute ist sie sinnstiftend.

Kitz und Tusch sprechen von einem "Sinnstiftungszwang", der sich auch bis ins Privatleben hinein erstrecke. Die Autoren kritisieren aber auch die künstliche Trennung von Arbeit und Leben. Dieser Gedanke ist klug. Ebenso wie der, dass die Idee vom Ausgleich zwischen Arbeit und Leben zusätzlicher Zwang sei. "Die Balance wird zum Allheilmittel für jedes denkbare Problem. (...) Wir sollen über 100 Prozent im Job leisten, über 100 Prozent in der Freizeit – und über 100 Prozent noch mal dabei, alles auszubalancieren. Macht zusammen weit über 300 Prozent, die wir uns täglich abverlangen", rechnen die Psychologen vor, um dann zu der von ihnen vorgeschlagenen Lösung des Dilemmas überzuleiten.

Schuld an der Dauerüberforderung sei die Gruppenidentität, die sich aus Alter, Geschlecht, Bildung, Herkunft und Aussehen ergebe. Von einer Single-Frau Anfang 30 mit einem exzellenten Jura-Abschluss werde nun einmal erwartet, dass sie Karriere mache, einen ebenfalls beruflich erfolgreichen Mann heirate und dabei ihren Kinderwunsch nicht aus den Augen verliere. Ständig werde sie mit der gesellschaftlichen Erwartung konfrontiert – auch wenn sie selbst vielleicht lieber Altenpflegerin wäre. Ihre ureigensten Wünsche passten nicht zu den Ansichten der Gruppenidentität, von der die eigentlichen Zwänge ausgehen. Und wer gegen die gesellschaftlichen Ansichten und Erwartungen verstoße, werde eben abgestraft. Trotzdem ein glückliches Leben zu führen, erfordere sehr viel persönliche Stärke. Man müsse lernen, zu verzichten, "nein" zu sagen, Kompromisse zu finden, seine Wünsche und Sehnsüchte kennenzulernen und ihnen zu folgen.

Die Lösungen, die Kitz und Tusch liefern, sind banal. Die Autoren reichern ihre Ratschläge mit einigen Strategien aus dem Coaching an. Immerhin vergessen die beiden Psychologen nicht zu erwähnen, dass ihnen bekannt ist, wie groß die Nachfrage nach Hilfe beim Finden der Work-Life-Balance ist. Rund 2000 Ratgeber bietet der Büchermarkt zu diesem Thema, haben die Autoren recherchiert. Kitz und Tusch liefern ein weiteres Buch voller Ratschläge zu. Auf Seite 224 endet es mit dem banalen Satz "Liebe dich selbst".