Mittagspause Wenn der Kollege den Kochlöffel schwingt

Mittags wird gemeinsam selbst Gekochtes gegessen: Beim Christoph-Links-Verlag kocht jeden Tag ein anderer Kollege für das ganze Team. Besuch in der etwas anderen Kantine

Täglich um 13 Uhr das gleiche Ritual: "Essen ist fertig! Kommt ihr?" Hier ruft kein fürsorglicher Vater seine Familie zusammen, sondern ein Mitarbeiter des Christoph-Links-Verlag in Berlin bittet die Kollegen zu Tisch. Sie bekochen einander reihum, jeden Tag ist ein anderer Mitarbeiter dran. Zehn feste Angestellte hat das Unternehmen, hinzukommen Hospitanten und mitunter Gäste. Gegessen wird gemeinsam im Konferenzraum. Der große Tisch wird zur Mittagstafel.

Die Mittagspause mit selbst gekochtem Essen hat beim Links-Verlag Tradition. Seit Gründung des Verlags vor über 20 Jahren ist noch kein gemeinsames Mittagessen ausgefallen. Teilnehmen muss niemand, aber alle tun es. Das gemeinsame Essen gehört einfach dazu.

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Entstanden ist das Ritual eher aus der Not. Kurz nach der Wende gründete Christoph Links gemeinsam mit zwei Kollegen sein Unternehmen als eine der ersten privaten Neugründungen des Ostens. Links und seine Mitstreiter wollten die weißen Flecken der jüngsten deutschen Geschichte aufarbeiten und die realen Verhältnisse in der DDR analysieren. Wie so vieles zu dieser Zeit in Ostberlin war alles ein Provisorium. Eine Kantine fehlte, Arbeit gab es dafür mehr als genug. "Also haben wir uns selbst etwas gekocht. Mit drei Leuten war dies das Einfachste", erzählt Edda Fesch, die im Verlag für die Pressearbeit zuständig ist.

Aus der Not wurde eine Tradition. Auch als der Verlag wuchs, sein Programm änderte und neue Mitarbeiter dazukamen. Seit dem Jahr 2000 hat das Unternehmen seinen Sitz in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg. Obwohl es in der Umgebung unzählige kleine Bistros und günstige Restaurants gibt, wird weiter gekocht. "Füreinander zu kochen und gemeinsam zu essen gehört einfach zu uns", sagt Edda Fensch.

Wer mit dem Kochen dran ist, legt das Team in einem Monatsplan fest. Jeden Mitarbeiter trifft es einmal alle zwei Wochen. Der Koch des Tages muss für alle einkaufen und die Zutaten auch selbst bezahlen. Zwischen 25 bis 40 Euro kostet ein Essen im Durchschnitt, je nachdem was es gibt. Unfair finden die Mitarbeiter das nicht. "Dafür isst man ja auch zwei Wochen lang umsonst", sagt die Pressefrau.

Vegetarier oder Allergiker gibt es unter den Festangestellten keinen. "Wir haben aber durchaus mal Praktikanten, die Vegetarier sind oder bestimmte Dinge nicht essen können. Das berücksichtigen wir natürlich", erzählt Edda Fensch. Ansonsten gilt die Regel: Der Koch bestimmt, was auf den Tisch kommt, und was auf den Tisch kommt, das wird gegessen. Spätestens um 12 Uhr muss er loslegen. Der Supermarkt ist zum Glück gleich gegenüber. Mit den vollen Einkaufstüten geht es dann in die kleine Küche.

Sie gehört zu einem Teil des Büros, das der Verlag erst seit kurzem angemietet hat. Hier ist auch der Konferenzraum mit dem großen Tisch und ein Regal, in dem das Geschirr verstaut wird. Küche und Mittagstisch sind durch eine Glastür und einen Gang vom Rest des Verlags getrennt, wo die Mitarbeiterbüros untergebracht sind. Auch dort gibt es eine Küche, in der sie früher gekocht haben. Dann zog der Essensgeruch schon mal durch die Büros.

Heute sorgt Martin Kaule, zuständig für die digitalen Projekte des Verlags, für das leibliche Wohl des Teams. Er hievt den riesigen Pastatopf aus dem oberen Küchenregal und stellt ihn auf den Herd. Im Gewürzregal steht, was der Hobbykoch so braucht: Pfeffer, Salz, Paprika, Basilikum. Öle, Essig, angebrochene Pestos. Schneebesen, Knoblauchpresse – man sieht: Hier wird wirklich gekocht. Dabei sind die Kochbedingungen eher suboptimal. Gerade einmal zwei Platten hat die Teeküche. Zu wenig, um für zehn Personen Essen zuzubereiten. Also haben die Verlagsmitarbeiter noch zwei mobile Herdplatten dazugestellt.

Leser-Kommentare
  1. Jedoch

    "... die weißen Flecken der jüngsten deutschen Geschichte aufarbeiten und die realen Verhältnisse in der DDR analysieren ..."

    Da wird aber ein gaaaanz falscher Eindruck erweckt! Eine reale Reflektion ist das nicht. "Damals" musste niemand in der Küche knechten, von "der Fahne" mal abgesehen. Außerdem gab es (fast) überall mindestens zwei Gerichte, in kleinen Buden. In einem "ordentlichen" Betrieb wie "meinem" gab es eher drei bis 5 Auswahlessen. Sonst wäre ja auch der Schmiedehammer in die Küche reingeflogen!

  2. für die Beteiligten.
    Da kommt schon in gruppendynamscher Beziehung keine Kantine der Welt mit (@ Dasunh... auch keine ach so tolle "damals-in-der-TäTäeR"-Kantine)

  3. Nicht schon wieder die alten Kamellen... Das haben wir in unserer alten Firma schon vor 10 Jahren gemacht.

    Jetzt wird mal wieder alter Wein in neuen Schläuchen verkauft und das eigene Tun als "hip" und "in" gefeiert.

    Frau Groll wieder an vorderster Front.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Ich hatte auch mal einen Job, bei dem Mittags rundrum gekocht wurde. Ich fand's irgendwann ziemlich anstrengend, weil ich oft keine Lust hatte, jede Mittagspause mit den bzw. allen KollegInnen zu verbringen. Man redete dann ja doch wieder nur von der Arbeit. Ich wollte lieber wirklich "Pause" machen und mal raus auf die Strasse.
    Ich wäre aber die Erste gewesen, die diese lange Tradition unterbrochen hätte, der Gruppendruck war ganz schön hoch.

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