Sein Chef fragt inzwischen gar nicht mehr nach, wenn Tobias Guttstein mal wieder kurzfristig Sonderurlaub braucht. "Der weiß dann schon, wofür", sagt der 27-Jährige. Er arbeitet für eine Software-Firma, in Vollzeit. Was vielen schon reichen würde, Guttstein aber nicht. Zusätzlich engagiert er sich bis zu 15 Stunden pro Woche bei Greenpeace. Er ist Gruppenkoordinator der Umweltschutzorganisation in Göttingen. Hin und wieder nimmt er auch als Aktivist an spontanen Einsätzen teil. "Dafür reiche ich dann kurzfristig Sonderurlaub ein."

2011 ist das Jahr der ehrenamtlich Tätigen. 36 Prozent aller Deutschen ab 14 Jahren sind freiwillig gesellschaftlich aktiv. Für viele Berufstätige von ihnen ist es ein Balanceakt , Job und Ehrenamt unter einen Hut zu bekommen. In der Mittagspause rennt Tobias Guttstein schon mal rüber ins Greenpeace-Büro. Der Rest spielt sich aber abends und an den Wochenenden ab. "Ja, klar geht dafür die Freizeit drauf", sagt der Umweltschützer. Sein Job leidet unter seinem Engagement jedoch nicht. Zu Sondereinsätzen der Umweltorganisation fährt Guttstein nur, wenn es sich mit dem Job vereinbaren lässt. "Und tagsüber ist mein Handy aus, schließlich verdiene ich bei der Firma mein Geld."

Tobias Guttstein bei einer Greenpeace-Aktion © privat

Guttstein ist davon überzeugt, dass sein Arbeitgeber von seinem ehrenamtlichen Engagement bei Greenpeace profitiert. So nimmt der Computerexperte regelmäßig an Fortbildungen der Organisation teil. "Ob Moderationsübungen oder Projektmanagement – das sind ja alles Dinge, die auch im 'richtigen Job' eine Rolle spielen."

Es gibt ohnehin mehrere gute Gründe, warum Unternehmen das Engagement von Mitarbeitern nicht nur tolerieren, sondern – schon aus reinem Eigeninteresse – sogar unterstützen sollten. Theo Wehner kennt sie. Der Professor leitet das Zentrum für Organisations- und Arbeitswissenschaften an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Dort hat er mehrere Studien zur Freiwilligenarbeit durchgeführt. Zentrale Ergebnisse waren erstens: "Personen, die gesellschaftlich aktiv sind, engagieren sich auch im Unternehmen überdurchschnittlich." Zweitens: "Das Commitment gegenüber dem eigenen Arbeitgeber ist bei Ehrenamtlichen im Durchschnitt höher." Und drittens: "Personen, die im mittleren Ausmaß – das heißt, zwölf bis 18 Stunden im Monat – freiwillig tätig sind, berichten seltener von einem Work-Life-Balance-Konflikt. Sie können sich also meist besser organisieren", sagt Wehner. Die Vereinbarkeit verschiedener Lebensbereiche gelinge ihnen besser. "Freiwilligenarbeit ist eine Ressource."

Sind Ehrenamtliche also die besseren Mitarbeiter? "Betrachtet man die sogenannten Softskills, muss man die Frage bejahen", sagt Thorsten Schreiber. Er leitet den Fuhrpark eines Entsorgungsunternehmens. 40 Leute hat er unter sich. Seiner Meinung nach sind jene, die Ehrenämter innehaben, teamfähiger als andere. "Aber vielleicht bin ich da auch ein wenig befangen", gibt der 42-Jährige zu. Denn er selbst ist Mitglied der freiwilligen Feuerwehr im nordrhein-westfälischen Kreuztal, einer Gegend, in der es gar keine Berufsfeuerwehr gibt. Überhaupt werden nur rund zehn Prozent des Brandschutzes in Deutschland von Berufskräften bestritten. Ohne Freiwillige geht es also nicht.

Seine Kollegen wissen, was passiert, wenn der Pieper ertönt. Etwa 25 Mal im Jahr kommt das vor. Dann springt Schreiber auf, fährt zum Feuerwehrgerätehaus und macht sich bereit für den Einsatz. Weil alles sehr schnell gehen muss, bleiben die Kollegen auf der Arbeit sitzen, die der 42-Jährige gerade angefangen hat. "Das ist das Allerwichtigste: Dass die Kollegen mitspielen", sagt Schreiber. Bei ihm täten sie es zum Glück. Er habe aber durchaus Feuerwehrkameraden, deren Arbeitsumfeld sich nicht so tolerant zeige.

Hanns-Jörg Sippel, Chef der Stiftung Mitarbeit , hört das auch oft: "Der Grund liegt auf der Hand: Viele Unternehmen dünnen ihre Belegschaft immer weiter aus. Die meisten arbeiten sowieso schon bis zum Anschlag. Wenn die Kollegen die Arbeit eines Mitarbeiters, der ad hoc zum Feuerwehreinsatz muss, auch noch übernehmen soll, wird es schwierig", sagt Sippel, dessen Stiftung bürgerschaftliches Engagement fördert.