ZEIT ONLINE: Herr Hagemann, sind Menschen, die sich zu ihrem Beruf auch berufen fühlen, glücklicher?

Tim Hagemann: Ja und nein. Sinn und Geld tragen zur Zufriedenheit bei. Befragt nach ihrer ideellen Erfüllung fühlen sich Menschen, die in ihrer Tätigkeit einen Sinn sehen, glücklicher als Menschen, deren Job dem reinen Broterwerb dient. Anders herum kompensiert ein hohes Einkommen eine nicht erfüllende Tätigkeit. So sind beispielsweise Facharbeiter in der Autoproduktion durchaus zufrieden mit ihrem Job, weil sie ein hohes Einkommen erzielen.

ZEIT ONLINE: Dennoch würden wohl die wenigsten Arbeiter sagen, der Sinn ihres Lebens sei es, Autos zu bauen. Während man einem Arzt durchaus zugesteht, dass er seinen Lebenssinn im Retten von Menschenleben sieht. Wann setzt die Suche nach dem Lebenssinn entwicklungspsychologisch ein?

Hagemann: Schon kleine Kinder stellen diese Fragen. Massiv treten sie aber erst in der Pubertät auf. In dieser Entwicklungsphase lösen sich Kinder von den Lebensentwürfen der Eltern und suchen nach eigenen. Diese Phase fällt mit der ersten beruflichen Orientierung in der Schule zusammen. Manche Teenager entscheiden sich zwar in dieser Zeit bewusst dazu, dem Lebensentwurf der Eltern zu folgen. Insbesondere bei Unternehmerkindern kann man das beobachten . Viele Jugendliche suchen aber nach einem Beruf, der im Widerspruch zur Laufbahn der Eltern steht. Musiker, Künstler, Tänzer rangieren als Traumberufe bei Pubertierenden ganz oben. Diese Berufe werden in den Medien glanzvoll dargestellt, und sie stellen oft einen Gegenentwurf zum Leben ihrer Eltern dar. Mit dem Schulabschluss rückt aber eine andere Frage in den Vordergrund: Welche Tätigkeit wird als sinnvoll erachtet und wie passt sie zur eigenen Identität?

ZEIT ONLINE: Viele junge Menschen wissen nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen und welchen Beruf sie ergreifen sollen.

Hagemann: Junge Menschen können heute unter vielfältigen Lebensentwürfen wählen. Blicken wir mal auf die fünfziger Jahre zurück: Nach dem Weltkrieg hatten die Menschen ein großes Bedürfnis nach Sicherheit. Entsprechend waren bürgerliche Berufe hoch angesehen, die ein sicheres Auskommen und ein angepasstes Leben versprachen. Dann kamen die 68er, die nach Selbstverwirklichung strebten. In den siebziger Jahren entstanden neue kreative und soziale Berufsbilder. Ob Werbung und Medien, Sozialpädagogik – auf einmal ging es um ideelle Selbstverwirklichung. Parallel dazu sorgte die Emanzipation für neue Lebensentwürfe. Frauen mussten sich nicht mehr mit der Rolle als Hausfrau und Mutter begnügen. Mit den Wahlmöglichkeiten stieg jedoch die Erwartungshaltung, etwas aus dem eigenen Leben zu machen. Es ging nicht mehr nur darum, einen Beruf zu ergreifen, sondern etwas Sinnvolles zu tun und gleichzeitig materiell abgesichert zu sein. Diese Entscheidung wird in einer digitalen, hoch komplexen, flexibilisierten und globalisierten Welt immer schwieriger. Keine Wahl zu treffen, ist auch eine Verweigerung, ein Protest – und ein Zeichen der Überforderung.

ZEIT ONLINE: Nun ist der Sinn des Lebens ja nicht allein vom Job abhängig.

Hagemann: Der Beruf hat einen hohen Stellenwert. Er ist prägend für die eigene Identität und weist auch unsere gesellschaftliche Stellung zu. Wenn man jemanden neu kennenlernt, ist eine der ersten Fragen: Was machen Sie beruflich? Man kann sich dem kaum entziehen.

ZEIT ONLINE: Dennoch gibt es andere Werte, die ein Leben sinnvoll machen. Familie, Freunde, gesellschaftliches Engagement beispielsweise.

Hagemann: Auch hier herrscht ein Erwartungsdruck. Unsere Leistungsgesellschaft definiert ein glückliches Leben als eines, in dem ein erfüllender Job Wohlstand und Ansehen einbringt, zugleich braucht es noch einen Traumpartner, eine Traumwohnung, Traumkinder und einen Traumfreundeskreis. Menschen, die sich diesem gängigen Idealbild verweigern, müssen ein großes Selbstwertgefühl haben. Stellen wir uns eine junge Akademikerin vor, die statt einer Laufbahn als Ärztin, statt Ehe und Kindern, einfach lieber in einer WG wohnt und als Kellnerin jobbt. Sie wird diesen Lebensentwurf verteidigen müssen, und sie wird aller Wahrscheinlichkeit nach als beruflich gescheitert abgestempelt.