StressAbschied vom Leistungsgedanken

Viele Berufstätige haben Probleme, im Urlaub abzuschalten: Sie leiden unter Liegestuhl-Depression. Schuld daran ist eine zu hohe Belastung am Arbeitsplatz. von 

Endlich Urlaub! Die Vorfreude ist groß, doch häufig gelingt das Abschalten nicht. Jeder zweite Arbeitnehmer ruft im Urlaub berufliche E-Mails ab , jeder dritte führt dienstliche Telefonate. So kreisen die Gedanken fast zwanghaft immer wieder um den Job. Weil die Gedanken in der Firma sind, kann die Abgeschiedenheit des Ferienziels zur Belastung werden. "Ich verfalle dann ins Grübeln und versuche permanent, das Beste aus der Situation zu machen. Die Urlaubszeit fliegt so an einem vorbei, ohne wirklich dabei zu sein. Man denkt an das bevorstehende Urlaubsende und hat Angst, nicht richtig abgeschaltet und sich nicht erholt zu haben", beschreibt ein User mit dem Namen Jochen in einem Psychologieforum , warum es ihm so schwer fällt, zu entspannen.

Liegestuhl-Depression wird dieses Gefühl genannt, obwohl es keine Depression im klassischen Sinn ist. "Es handelt sich eher um erste Anzeichen für ein mögliches Burn-out-Syndrom", erklärt Gerhard Zimmermann, Arzt und Psychologe aus Mainz. Er hat sich auf Stressmanagement spezialisiert und sieht in seiner Praxis eine wachsende Zahl von Patienten, die sich in ihrem Urlaub nicht mehr erholen können. Viele setzen sich durch die Erwartung, sich auf Knopfdruck entspannen zu müssen, zusätzlich unter Druck.

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Weil sie keine ausreichenden Erholungsphasen haben, befinden sie sich in einem Dauerstresszustand. Physiologisch bedeutet das : In ihrem Hirn werden verschiedene Hormone freigesetzt, die bewirken, dass im Körper Adrenalin, Noradrenalin und Corticoide ausgeschüttet werden. Herzfrequenz und Blutdruck steigen, die Magen-Darm-Tätigkeit wird eingeschränkt, auch das Immunsystem fährt etwas herunter.

Viele Arbeitnehmer machten den Fehler, sich auch im Urlaub zunächst keine Ruhe zu gönnen , sagt Mediziner Zimmermann. Stattdessen führen sie sofort an ihr Urlaubsziel. "Doch lange Reise, Zeitverschiebungen und Klimaveränderungen belasten den Körper zusätzlich." Wichtig sei auch das Alter. Schon ab 40 Jahren setze dem Körper Stress stärker zu, und man brauche länger, um sich zu regenerieren.

Die Folge: Am Urlaubsort wird man krank. "Magen-Darm-Infekte, Grippe, Erschöpfung – das sind typische Urlaubs- und Wochenenderkrankungen", sagt der Arzt. Ist nur ein kurzer Urlaub drin, wird ein Zustand der Erholung gar nicht erreicht. "Man braucht mindestens eine Woche, um runterzufahren. Für die meisten ist der Urlaub dann vorbei", sagt Zimmermann. Besonders betroffen von der Liegestuhl-Depression seien deshalb Selbständige, für die ein langer Urlaub von drei Wochen schwer zu realisieren sei.

Allerdings ist umstritten, ob nur ein langer Urlaub zu Erholung führt. Studien legen den Schluss nahe, dass zwei Wochen ausreichen und Kurzurlaube von wenigen Tagen für die Leistungsfähigkeit sogar besser sind. Um richtig abzuschalten, reichen Kurzurlaube dennoch nicht aus: Ein langer Urlaub im Jahr muss sein, zwei sind besser. Experten empfehlen daher, zwei Wochen im Sommer und zwei Wochen im Winter zu nehmen, und die restlichen Urlaubstage mit Wochenenden und Feiertagen zu kleineren Kurzferien zu verknüpfen.

Leserkommentare
    • Sender
    • 10. Juli 2011 0:21 Uhr

    Markus.
    Zu viel Theorie.

  1. 10. @Sender

    Das sehe ich nicht so. Es ist im Gegenteil ein sehr praxisorientierter Ansatz: Wie ticken Menschen, und wie muss ich die Arbeitswelt gestalten, damit Menschen mittelfristig nicht von der Stange fallen?

    Wir wissen aus Psychologie und Neurobiologie viel über diese Dinge, nur setzt das bislang niemand um. Warum? Weil es bislang für die Unternehmen günstiger war, ausgebrannte Mitarbeiter zu ersetzen statt in sie zu investieren. Das wird in Zukunft jedoch anders sein. Dafür sorgt der Fachkräftemangel, der demographische Waandel etc. Also eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung.

  2. Also, mich stört es nicht, wenn hier ein Buchtitel angekündigt wird, der zum Thema des Artikels passt!

    Ich möchte allerdings aus eigener und (an Mitpatienten der psychosomatischen Klinik) beobachteter Erfahrung anmerken, dass es bei Burnout so etwas wie einen "point of no return" zu geben scheint, ab dem die Risikopatienten die Einsicht über ihren psychischen und physischen Zustand verlieren. Vorher informieren sie sich nicht über Burnout, weil es sie scheinbar nicht betrifft, und wenn es soweit ist, wollen sie es nicht mehr hören.
    Ein befreundeter Agentur-Chef "produziert" Burnout bei seinen Mitabeitern und ist selbst ein guter Kandidat dafür. Zunächst erschrocken und nachdenklich, war er bereits nach zwei Wochen wieder restlos beratungsresistent. Die Gedanken zum Thema versacken auf geradezu magische Weise ...

    Ich habe daher inzwischen große Zweifel am echten Nutzen jeglicher Literatur zum Thema Burnout, wünsche Ihrem Buch aber trotzdem, dass ich Unrecht behalte und es den gebührenden Erfolg haben wird.

  3. Aussagen vieler Führungskräfte in den vergangenen Jahren lassen mich vermuten, dass der Post-Urlaub-Stress zum Großteil auf die zu bewältigende Mailflut von z.T. über 500 Mails nach dem Urlaub zurückzuführen ist. Die meisten Menschen müssen sich durch die Vielzahl von Mails klicken, deren Absender sich mangels Erreichbarkeit des Adressaten seine Informationen längst woanders geholt hat. Die Mehrheit der Mails ist bereits überholt. Das kostet z.T. einen Tag Einarbeitng nach Rückkehr aus dem Urlaub.
    Ich empfehle eine einfache Firmenpolitik:
    "Ich bin in der Zeit von x bis y in Urlaub. Diese Mail wird nicht weitergeleitet. Alle Mails werden nach meiner Rückkehr ungelesen gelöscht. Bitte wenden Sie sich in besonderen Fällen an meinen Kollegen ..."
    Was ist der Vorteil? Aufgaben, die nur Sie erledigen können, werden vom Absender erneut an Sie herangetragen. Ist es wirklich so dringend und wichtig, so seien Sie sicher, dass er sich wieder bei Ihnen melden wird! Wo sie nicht unbedingt gebraucht werden, da hat sich der Absender die Informationen mit Sicherheit anderweitig besorgt. Wenn sie nur den Namen des Kollegen angeben, so befreien Sie ihn zumindest z.T. von externen Akquise-Anrufen. Interne Kollegen kennen die Nummer meist. Lästige Werber scheuen meist den Aufwand. So haben Sie die Möglichkeit Ihre Arbeit entspannt nach dem Urlaub wieder zu beginnen. Einige Traiingsteilnehmer haben es in Absprache mit Ihren Vorgesetzten tatsächlich getan und sind vom Ergebnis begeistert.

  4. ... die können einfach abschalten, egal was um sie herum passiert. Andere können es nicht. Und es gibt Leute, die erleben bereits Stress, wo Andere sich unterfordert fühlen.

    Die Natur ist nun mal ungerecht. Sie stattet ihre Geschöpfe mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Ressourcen aus. Wer merkt, dass er an seine Grenzen kommt, sollte klugerweise seine Karriereziele revidieren, wenn er gesund bleiben will.

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    Es gibt nicht solche oder solche Leute. Von dem Gedanken können sie sich getrost verabschieden.

    • St.K.
    • 13. Juli 2011 19:24 Uhr

    Es ist doch vorprogrammiert, dass der Urlaub zum Stress gerät wenn der Chef vorher meint: wieso brauchen sie welchen? Vertretung selbst organisiert werden muss und das was sich während der Urlaubszeit an Aufgaben zusätzlich zur normalen Arbeit hinterher erledigt werden muss. Es kann auch im Urlaub zusätzlich stressen, wenn Mitreisende ganz andere Vorstellungen haben, man dringend Beziehungskrisen oder den Hausbau managen muss (wann sonst?) und man aufgrund der Kinder nicht zum ausschlafen kommt. Wer lange und viel arbeitet, muss ja auch noch private "Schulden" in den Ferien abarbeiten.

    (Im übrigen: wer kann denn heutzutage zweimal im Jahr länger Urlaub nehmen? Scheint mir weltfremd.)

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    .
    ... schon zur Sprache gekommenen psychosomatischen Kliniken an, dann werden Sie erkennen was daran weltfremd ist und was schlichte Arbeitsrealität.

    Im Klartext: nicht wenige Opfer des "strukturellen" Burnout, den ich wegen fehlender Regelungen zur Verteilung von Arbeitszeiten sogar als "gesetzlich institutionalisierten" Burnout bezeichnen möchte, mögen beim Checkin in die Klinik und während der Erkenntnisphase oftmals in dieser einfach nicht mehr leben.

    In Frankreich bei Renault hat diese fremde Welt vor einigen Jahren bereits zu einer statistisch signifikanten, selbst von ausgebufften PR-Profis nicht mehr zu leugnenden Suizidserie geführt.

    Warum also ist "weltfremd", was die mittlerweile völlig bekloppte, weitgehend tyrrannische Arbeitswelt in Frage stellt?

    Ist nicht vielmehr die Leugnung menschlicher Grenzen weltfremd?

    Das ist wie mit der Ausbildungsabgabe: nachdem die Betriebe den nötigen Anteil an der Qualifizierung der Jugend offenbar nicht mehr selbst zu leisten bereit sind, muss das eben irgendwie anders geleistet werden, und wie bei Strassenbau, Abwasser und Stadtbeleuchtung werden die Kosten dann halt auf die Anlieger umgelegt.

    Weltfremd ist hier einzig die Arbeitgeberlobby, die diese Binse seit jahren nach Kräften leugnet und dennoch mit schöner regelmässigkeit in jedem Sommerloch wieder vom drohenden "Fachkräftemangel" quengelt.

    Die Welt besteht nur zum Teil aus dem was die anderen uns zumuten;
    der andere Teil ist das, wass wir uns zumuten lassen.

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    ... schon zur Sprache gekommenen psychosomatischen Kliniken an, dann werden Sie erkennen was daran weltfremd ist und was schlichte Arbeitsrealität.

    Im Klartext: nicht wenige Opfer des "strukturellen" Burnout, den ich wegen fehlender Regelungen zur Verteilung von Arbeitszeiten sogar als "gesetzlich institutionalisierten" Burnout bezeichnen möchte, mögen beim Checkin in die Klinik und während der Erkenntnisphase oftmals in dieser einfach nicht mehr leben.

    In Frankreich bei Renault hat diese fremde Welt vor einigen Jahren bereits zu einer statistisch signifikanten, selbst von ausgebufften PR-Profis nicht mehr zu leugnenden Suizidserie geführt.

    Warum also ist "weltfremd", was die mittlerweile völlig bekloppte, weitgehend tyrrannische Arbeitswelt in Frage stellt?

    Ist nicht vielmehr die Leugnung menschlicher Grenzen weltfremd?

    Das ist wie mit der Ausbildungsabgabe: nachdem die Betriebe den nötigen Anteil an der Qualifizierung der Jugend offenbar nicht mehr selbst zu leisten bereit sind, muss das eben irgendwie anders geleistet werden, und wie bei Strassenbau, Abwasser und Stadtbeleuchtung werden die Kosten dann halt auf die Anlieger umgelegt.

    Weltfremd ist hier einzig die Arbeitgeberlobby, die diese Binse seit jahren nach Kräften leugnet und dennoch mit schöner regelmässigkeit in jedem Sommerloch wieder vom drohenden "Fachkräftemangel" quengelt.

    Die Welt besteht nur zum Teil aus dem was die anderen uns zumuten;
    der andere Teil ist das, wass wir uns zumuten lassen.

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    ...ind er FInanzberatungsbranche und hier ist STress schlicht der Alltag. 60 echte Arbeitsstunden sind für mich normal und "ja" ich bin dann auch gestresst und manchmal auch ganz schön ausgebrannt. Aber das ist eben auch normal, wenn man in seinem Leben was erreichen will. Abgesehen davon verlangt mein Arbeitgeber das schlicht weg von mir. Wenn einer das nicht bringt, dann kann er auch gleich gehen. Ich denke viel mehr, dass es viele Menschen gibt, die einfach nicht emhr die Leistungsbereitschaft zeigen, die eben notwendig ist um die Löhne zu rechtfertigen, die hier in Deutschland gezahlt werden. Dazu kommen noch sehr hohe Lohnnebenkosten für den Arbeitgeber.
    Man muss das Ganze doch nochmal von einer noch höheren Perspektive aus betrachten:
    Wenn ich mich von anderen eindeutig abgrenzen kann, sodass ich entweder auf Grund meiner Leistung, meiner besonderen Fähigkeiten oder meines besonderen Wissens schwer ersetzbar bin oder eben in einem Fachbereich arbeite, in dem es mehr Nachfrage von dem Arbeitsmarkt (offene Stellen) gibt als Angebot (Bewerber), dann habe ich auch nichts zu befürchten (keine Kündigung, keine anderen Probleme).
    Und dass ich meine Rückstände aus dem Urlaub in Teilen aufarbeiten muss ist doch normal. Dann muss man eben mal die nächsten 4 Wochen 60 Std. pro Woche arbeiten und nicht nach 40 Std. den Bleistift fallen lassen.
    Also für mich ist das normal. Verstehe die Aufregung nicht wirklich.

  6. Es gibt nicht solche oder solche Leute. Von dem Gedanken können sie sich getrost verabschieden.

    Antwort auf "Es gibt Leute"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Alltagsstress | Körper | Mediziner | Smartphone | Stress | Urlaub
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