Exit-Strategie nennt es Andrea Schottelius, wenn Menschen mitten im Berufsleben den Beruf wechseln. Schottelius arbeitet als Coach und Berater und hat schon viele Klienten während eines Berufswechsel begleitet. "Es ist heutzutage nicht mehr so, dass man seinen ursprünglichen Beruf bis zum Rentenalter ausübt. In den Lebensläufen ist viel mehr Bewegung drin." Allerdings warnt sie vor zu schnellen Schlüssen. Nicht immer sei ein Berufswechsel die richtige Lösung. "So ein Schritt bedarf gründlicher Vorbereitung. Man muss sich genau informieren, ob der neue Job wirklich passt."

Doch diese gründliche Vorbereitung scheint häufig zu fehlen. Viel zu schnell suchen vor allem Menschen, die ihren Job verloren haben oder von einer Kündigung bedroht sind, einen Ausweg in der Selbständigkeit. Doch nur ein kleiner Teil von ihnen ist als Selbständiger auch erfolgreich, sagt Marc Evers, Grundüngsexperte des Deutschen Industrie- und Handelkammertags. "Zwei Drittel der arbeitslosen Gründungsinteressierten kann die Vorzüge der eigenen Geschäftsidee nicht benennen." Rund ein Viertel der Neugründungen ist nach drei Jahren wieder vom Markt verschwunden, wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau berechnet hat.

Ilonka Seeling hofft, dass ihr Unternehmen nicht dazu gehören wird. Im vergangenen Jahr eröffnete sie ihr eigenes Wellness-Studio in einem Hamburger Technologie-Zentrum. Wer zu Seelings Ruhe-Insel will, muss erst die verwinkelten Flure des modernen Bürokomplexes durchqueren, vorbei an Menschen in Anzügen, die auf Bildschirme blicken.  Am Ende des Ganges taucht dann Seelings kleine Oase auf. 18 Quadratmeter in matten Rot- und Brauntönen, in der Mitte eine einladende Massageliege. Im Salon ertönen leise Entspannungsklänge. Auch wenn der Standort fremd anmutet, Seeling ist mit der Lage der Räume zufrieden. "Hier gibt es viele gestresste Geschäftsleute", erzählt sie. Entspannung bei der Arbeit, das hätte sie früher auch gerne gehabt. Früher arbeitete die 47-Jährige bei Mercedes, zunächst als Sekretärin, später als Team-Assistentin. "Es war ein ständiger Kampf um gute Posten, es war anstrengend", sagt sie. Als ihr das Unternehmen 2008 ein lukratives Abfindungsangebot machte, unterschrieb sie den Ausscheidungsvertrag gerne. Auch wenn es ein wenig schmerzte, nach 27 Jahren im Betrieb ausgemustert zu werden.

Früher schrieb sie Rechnungen und kopierte Akten, heute verwöhnt sie ihre Kunden mit Kräuterstempeln und Hot-Chocolate-Massagen. Doch zunächst musste Seeling investieren, allein die vollautomatische Massageliege mit eingebautem Soundsystem kostete sie 6.000 Euro. "Noch habe ich die Ausgaben nicht wieder drin", gesteht sie.

Ihrem alten Job trauert sie nicht nach. Und ganz aus der Welt ist der frühere Arbeitgeber nicht. Das Daimler-Werk liegt nur 500 Meter von Seelings Wellness-Oase entfernt. Manchmal komme ein ehemaliger Kollege zur Behandlung vorbei, erzählt sie. Wenn wieder einmal der Rücken zwickt, nach einer langen Schicht im Büro.