LobbyismusDie Frau hinter der Frauenquote

Monika Schulz-Strelow ist Berlins Top-Lobbyistin für die Frauenquote. Die Vorsitzende des Vereins Frauen in die Aufsichtsräte beherrscht das Spiel mit der Macht. von 

Monika Schulz-Strelow ist Feministin, aber mit Alice Schwarzer hat sie nichts gemein. "Mit politischen Parolen allein kommst du nicht weit", sagt sie. Die Präsidentin des Vereins Frauen in die Aufsichtsräte (FidAr) nimmt zwar eine feministische Perspektive ein, aber in erster Linie ist sie Unternehmerin und Managerin. Mit ihren Geschäftspartnern weiß sie geschickt umzugehen. Wenn sie mit Journalistinnen spricht, mischt sie ständig die Anredeformen, wechselt vom "Sie" zum "Du". Verbündet sie sich? Bei Männern jedenfalls passiert ihr das nicht. Da sagt sie meist "Meine Herren!" – und es klingt so süffisant wie distanzvoll und gleichzeitig charmant.

Schulz-Strelow hat viel erreicht. Ihr 2006 gegründeter Verein FidAr ist mit seinen 300 Mitgliedern zwar klein. Aber  in den vergangenen zwei Jahren hat er massiven Lobbydruck auf Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit ausgeübt. Der Verein strebt eine gesetzliche Quote von mindestens 25 Prozent für die Kontrollgremien von börsennotierten Unternehmen an, weil deren freiwillige Selbstverpflichtung bislang kaum etwas verändert hat. Seit Jahrzehnten stagniert der Frauenanteil in den Gremien auf niedrigem Niveau. Erst im Juni 2011 stellte der von FidAr erstellte Women-on-Board-Index erneut fest, dass nur 11,84 Prozent der Aufsichtsratsposten in den 160 börsennotierten deutschen Unternehmen mit Frauen besetzt sind. In den Vorständen sieht es noch finsterer aus: Hier beträgt der Frauenanteil mickrige 3,63 Prozent.

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Monika Schulz-Strelow
Monika Schulz-Strelow

Die Managerin Monika Schulz-Strelow ist Präsidentin des 2006 gegründeten Vereins Frauen in die Aufsichtsräte.

Eine Männerdämmerung , wie sie allzu oft herbeigeredet wird, sieht anders aus. Die öffentliche Wahrnehmung ist indes eine andere, denn das Thema der Frauenförderung ist in den Medien sehr präsent. Das ist maßgeblich der Verdienst von Monika Schulz-Strelow. Sie hat es geschafft, wichtige Akteure für ihr Anliegen zu gewinnen: Thomas Sattelberger, Personalvorstand der Telekom (dessen Posten ab 2012 Baden-Württembergs einstige Bildungsministerin Marion Schick übernehmen wird) und natürlich Arbeitsministerin Ursula von der Leyen.

Von wegen Männerdämmerung

Von der Leyen höchstselbst ruft mittlerweile die Lobbyistin an, wenn es in der Koalition mal wieder um die Frauenquote geht. Ein wenig stolz ist Schulz-Strelow schon darauf. Aber um die Nähe zur Politik geht es ihr gar nicht. Vielleicht ist sie deswegen mit der Geschäftsstelle des Vereins von Berlin-Mitte ins alte West-Berlin auf den Kurfürstendamm gezogen. In Mitte war das Büro zu klein, hier residiert frau standesgemäß in einer Gründerzeitvilla neben zwei Banken. Die Räume in der Villa sind groß, hell und mit ausgewählten Designermöbeln ausgestattet. Präsidentin Schulz-Strelow hat ein Auge fürs Design. So stellt man sich das Büro einer Aufsichtsrätin vor: lichtdurchflutete Weite und am Fenster ein langer Glasschreibtisch, auf dem nur das Nötigste steht.

Präsidial empfängt sie Besucher in einer Sitzecke mit schwarzen, tiefen Ledermöbeln. Den Kaffee serviert die Assistentin in hauchdünnen Porzellantässchen. Schulz-Strelow legt Wert auf die angenehmen Kleinigkeiten. Die Veranstaltungen ihres Verbands sind perfekt durchorganisiert. Für das FidAr-Forum, dem jährlichen Kongress des Vereins, konnte Schulz-Strelow die Britische Botschaft und die Deutsche Bank Unter den Linden als Veranstaltungsort gewinnen. Für FidAr-Pressekonferenzen stellte auch schon die Französische Botschaft ihre Räume zur Verfügung.

Die Lobbyistin profitiert von ihrem gut gepflegten Netzwerk. Managementerfahrung hat sie als langjährige Geschäftsführerin der BAO Berlin International GmbH gesammelt. Weltweit vertrat Schulz-Strelow die Interessen der Berliner Wirtschaft und baute internationale Unternehmens- und Verbands-Netzwerke mit auf. Heute ist sie selbstständige Unternehmensberaterin und betreut Investoren aus dem In- und Ausland. "Man muss wissen, wie man seine Kontakte bedient, Netzwerke leben vom Geben und Nehmen", sagt sie.

Schulz-Strelow hat das Spiel mit der Macht von der Pike auf gelernt, erzählt sie. Sie hatte Mentoren, alles Männer, die sie – meist die einzige Frau auf Entscheiderebene – nicht nur förderten, sondern auch beförderten. "Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Männer- und Frauenkarrieren. Frauen fördern ihre Mentees zwar, aber sie befördern sie nicht, weil sie Angst vor ihrer Konkurrenz haben", sagt Schulz-Strelow.

Sie spricht Wahrheiten aus, die nicht erwünscht sind. Sie redet offen von fehlender Solidarität unter Frauen. Das macht Schulz-Strelow sympathisch. Und auch, dass sie gar nicht selbst Aufsichtsrätin werden will. Ihr stinke es einfach, dass Frauen es immer noch so schwer haben, sagt sie. Sie spielt mit Geschlechterklischees, lächelt verbale Angriffe erst weg und feuert dann souverän ihre Argumente ab. Kommen ihr die Quotenskeptiker mit dem Einwand, die Frauenquote diskriminiere die Männer, weil nun talentierte, junge Männer nicht zum Zuge kämen, entgegnet die Lobbyistin: "Aufsichtsratsposten werden weder an junge Männer, noch an junge Frauen vergeben. In diese Positionen rückt man in einem Alter ab Mitte 50 auf!". Und fügt hinzu: "Selbst wenn wir eine Quote von 25 Prozent bekämen, würden immer noch 75 Prozent der Posten mit Männern besetzt werden. Ich sehe nicht, wo das diskriminierend sein sollte." Auch für den Einwand, dass es nur wenige Frauen für diese Posten gibt und sich bei ihnen die Ämter häufen, hat Schulz-Strelow ein Gegenargument: "Na und? Schauen Sie sich mal die Ämterhäufungen bei männlichen CEOs an." Ihr Tonfall bleibt dabei stets ruhig und gelassen. Schulz-Strelow weiß, wie eine Frau mit männlichen Entscheidern zu reden hat, um verstanden zu werden.

"Du kannst Frauenförderung erst durchsetzen, wenn du zwei, drei wichtige Männer dazu gebracht hast, die Sache zu unterstützen", sagt sie. Und sie sagt auch: "Man darf das Thema Quote bloß nicht überstrapazieren." Wichtig ist der Lobbyistin, dass möglichst viele mit ihr reden. Sowohl die konservativen Parteien, als auch die linksliberalen, die Wirtschaftsverbände und die Journalisten. Nur die Kanzlerin hat noch nicht mit ihr persönlich gesprochen.

Frauenquote nur ein Mittel zum Zweck

Merkel hatte zuletzt im Frühjahr der Wirtschaft vorgeworfen, ihr selbst gestecktes Ziel nicht zu erreichen und "zielorientierte Gespräche" angekündigt. Die sind bislang aber ausgeblieben. Bleibt noch Brüssel: Auch die EU-Kommission plant rechtliche Vorgaben für eine Frauenquote in den Aufsichtsräten. EU-Justizkommissarin Viviane Reding kündigte Anfang des Jahres an, bis 2015 einen Frauenanteil von 30 Prozent in den Aufsichtsräten der börsennotierten Unternehmen in Europa zu erreichen.

"Ab März 2012 ist mit einer EU-Maßnahme zu rechnen", prognostiziert Schulz-Strelow selbstsicher. Natürlich reicht ihr Netzwerk auch nach Brüssel. In Deutschland wird es nicht mehr ganz so lange dauern, sagt sie dann. Hierzulande soll schon im Herbst ein Gesetzesentwurf für die Quote vorgestellt werden, an dem FidAr natürlich fleißig mitarbeitet.

Die Quote ist aber für die FidAr-Chefin gar nicht das Ziel. Sie ist nur ein Mittel zum Zweck – und zwar eines mit einem Pferdefuß. Die meisten Karrierefrauen wollen nämlich gar nicht die Quotenfrau sein. Darum scheuen auch diejenigen, die es jetzt im Zuge der Debatte geschafft haben aufzusteigen, das Licht der Öffentlichkeit. Sich selbst in den Medien zur Frauenquote zu bekennen, könnte die Karriere behindern.

"Karrieren folgen dem Ähnlichkeitsprinzip. Entscheider fördern diejenigen, die so viel jünger sind, dass sie ihnen nicht gefährlich werden können – aber die ihnen am ähnlichsten sind. Darum werden Frauen nicht berücksichtigt", sagt Schulz-Strelow.

Die Quote würde auf Dauer den Frauenanteil erhöhen. Ob mehr Frauen aber auch mehr Frauen fördern, das zweifelt selbst die Top-Lobbyistin an. "Frauen sind zwar teamfähig, aber sie sind nicht konkurrenzfähig." Und dieses Problem wird wohl auch keine Quote lösen.

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Leserkommentare
  1. heißt nicht Quote, sondern Qualifikation. Wir brauchen keine Frauenquote für Posten in Vorständen und Aufsichtsräten, sondern eine Zulassungsbeschränkung für solche Posten nach Qualifikation.

    MfG
    AoM

  2. 2. Quoten

    Demnächst kommt die Ausländer-, Homosexuellen-, Dicken- und Dummenquote.

    Quoten sind keine Lösung gegen Diskriminierung.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • pnk
    • 08. September 2011 13:09 Uhr

    ..weil Quoten per se diskriminierend sind!

  3. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/mo.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte wenden Sie sich bei Fragen oder Hinweisen zur Moderation an community@zeit.de. Danke. Die Redaktion/sc

    • Serok
    • 08. September 2011 13:04 Uhr
    4. Quoten

    bei der Müllabfuhr, Dachdeckern, Hoch-/Tiefbau aber auch im Erziehungsbereich wären sinnvoll?, dafür setzt sich keine Frau ein. Bsp. Kindergarten, Diskriminierung der Männer? Nein, es erlernen haupts. Frauen diesen Beruf, ergo wenig Männer.

  4. könnte man doch mal nem Waffen- oder Tabaklobbyisten die Lorbeeren aufsetzen. Dessen Tätigkeit ist ebenfalls illegitim - und für den Leser wärs mal ne Abwechslung!

    • pnk
    • 08. September 2011 13:09 Uhr

    ..weil Quoten per se diskriminierend sind!

    Antwort auf "Quoten"
  5. "Aufsichtsratsposten werden weder an junge Männer, noch an junge Frauen vergeben. In diese Positionen rückt man in einem Alter ab Mitte 50 auf!".

    Ich würde gerne die Statistiker fragen, wieviele Frauen "ab Mitte 50" überhaupt die Qualifikation erreicht haben und erreichen wollten, die es für mancherlei Posten braucht. Die Gesellschaft vor 30 Jahren war nunmal noch nicht so weit wie sie heute ist.
    Mehr Frauen in solchen Positionen? Gern! Jedoch sollte man sich doch auch dem demographischen Zwang stellen, meine ich.
    Es passiert in fünf Jahren mit der freiwilligen Selbstverpflichtung nicht viel? Jetzt raten Sie mal, warum das so ist, liebe Frau Schulz-Strelow!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Hallo Aventurin,

    die freiwillige Selbstverpflichtung, mehr Aufsichtsratsposten mit Frauen zu besetzen, besteht nicht erst seit fünf Jahren, sondern seit mehreren Jahrzehnten. Trotzdem zeigt sie keinerlei Wirkung.

    mit freundlichen Grüßen,

    Tina Groll

  6. @Laberbacke/@Angel_of_Mercy Die Frauenquote ist natürlich ein sinnvolles Instrument gegen berufliche Benachteiligung von Frauen, die trotz GLEICHER Qualifikation Jobs aufgrund eines traditionell männlich geprägten Lobbyismus bislang in der Regel eben nicht bekommen haben.
    Es ist ja nicht so, dass aufgrund der Frauenquote qualifizierte junge Männer gegenüber weniger qualifizierten Quotenfrauen zurückstehen müssten. Hier wird die Quote leider gerne missverstanden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • DerDude
    • 08. September 2011 13:23 Uhr

    Sie haben da eher die Quote missverstanden.

    Eine Quote schaut per definitionem nicht auf die Leistung, sondern nur auf auf das Geschlecht.

    Wenn aufgrund einer Frauenquote, bei gleicher Qualifikation Frauen gegenüber Männer bevorzugt werden, ist das eine Diskriminierung der Männer. Ist doch nicht so schwer zum Begreifen, oder?

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen, auf Argumenten basierenden Beiträgen an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/sc

    • pnk
    • 08. September 2011 17:31 Uhr

    hier wird die Quote nicht missverstanden, Sie begreifen sie nicht. Wer eine Quote einführt (egal ob für Frauen, Schwarze, Schwule oder sonstwer), die höher ist als der Anteil dieser Gruppe bei den Bewerbungen, wird über kurz oder lang die andere Gruppe aufgrund der "quotierten" Eigenschaft benachteiligen. Das ist keine Interpretation oder Glaskugelei, sondern banalste Statistik! (Ein Mathematiker würde es trivial nennen)
    Warum der Frauenanteil bei den Bewerbern so tief ist, dürfte wohl einerseits an der Studienwahl (ein Ingenieur wird nun mal eher Vorstand als eine Heilpädagogin) als auch am Rollenbild der Gesellschaft liegen. Für beides aber kann der männliche Bewerber nichts - weshalb eine Quote, egal mit welchem Ziel sie eingeführt wird, eine illegitime Diskriminierung darstellt.

    Diskriminierung ist eben nicht als statistische Erscheinung (nur 3% weibliche Vorstandsmitglieder) schlimm, sondern im Einzelfall ("Sie kriegen den Job nicht, denn Sie sind ein Mann/eine Frau").

    Das Argument, gesetzliche Regelungen wie die Frauenquote trügen vor allem dazu bei, Alibi-Frauen in die Vorstände zu holen, ist ein Scheinargument. Es gibt genügend hervorragend qualifizierte Frauen. Eine Quote würde die Unternehmen dazu zwingen, sie anzusprechen und ihnen die Chance zu geben, sich durchzusetzen. Dies ist bisher schlichtweg nicht erfolgt. Die Auswahl nach dem Ähnlichkeitsprinzip hat bisher eine 90 prozentige Männerquote in den Aufsichtsräten sichergestellt. Das muss sich ändern. Glauben Sie denn, alle Männer wurden ausschließlich wegen ihrer Qualifikation in Aufsichtsräte berufen?
    Und was die spezielle Gruppe der Ingeneurinnen betrifft: Wer hier Frauen will (und man braucht sie, weil ein klarer Bedarf besteht!), muss bessere Karrierechancen für Frauen in Technikberufen schaffen. So einfach (oder auch so schwierig) ist das.

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