ZEIT ONLINE: Herr Scheer, Sie sind Psychologe und coachen Hochbegabte. Warum brauchen ausgerechnet Genies Hilfe bei der Karriere?

Detlef Scheer: Weil viele Hochbegabte im Beruf anecken . Hochbegabte verarbeiten Informationen viel schneller, lösen Probleme rascher, brauchen meist ein schnelleres Arbeitstempo.  Das führt zu Konflikten mit den Kollegen und Vorgesetzten. Oft scheitern sie auch an strengen Hierarchien oder leiden unter permanenter Unterforderung. Aber der Satz "Chef, ich langweile mich", kommt meistens nicht gut an.

Andere wiederum schaffen es erst gar nicht, ihren Platz im Berufsleben zu finden. Ich habe Klienten, die drei oder vier Berufe gelernt haben, andere haben in mehreren Fächern promoviert – und sie finden trotzdem keinen Job. Wieder andere brechen immer wieder Ausbildungen ab und wissen in puncto Beruf gar nichts mit ihrer Intelligenz anzufangen. Es gibt einige Hochbegabte, die langzeitarbeitslos sind. Und dann sind da noch jene, bei denen der hohe Intelligenzquotient erst spät aufgefallen ist . Sie haben über die vielen Jahre und die häufige Ablehnung ihrer Person durch wichtige Bezugspersonen ein negatives Selbstbild verinnerlicht, fühlen sich klein, regelrecht doof und hilflos. Das Wissen, hochbegabt zu sein, kann Menschen in eine Lebenskrise stürzen. Es ist ja nicht nur wunderbar, hochbegabt zu sein – es kann ja auch ein Stigma sein.

ZEIT ONLINE: Warum? Jeder Chef dürfte doch jubeln, einen Mitarbeiter mit einem IQ über 130 zu haben.

Scheer: Leider sind viele Vorgesetzte überfordert oder fürchten die Konkurrenz des Hochbegabten. Außerdem sind viele Hochbegabte anstrengend. Sie sind leicht gekränkt, schnell genervt und frustriert, wenn sie sich unterfordert fühlen. Das sind nicht immer die umgänglichsten Mitarbeiter.

ZEIT ONLINE: Das klingt als seien viele Hochbegabte sozial inkompetent.

Scheer: Psychologisch lässt sich erklären, weswegen sie so wirken können. Wer ein Leben lang Unverständnis erfährt und lernt, dass er sich den anderen anpassen muss, der muss sehr viel Frust wegstecken. Wer selten Verständnis erfährt, lernt selber nicht gut, Verständnis für andere zu zeigen. Das führt auf Dauer zu einer Vereinsamung. Viele Hochbegabte fühlen sich sehr einsam und haben eine große Sehnsucht nach sozialen Beziehungen. Viele führen sogar ein Doppelleben. Sie verheimlichen ihre Begabung und verstellen sich, gerade bei der Arbeit. Sie teilen ihre Ideen in Meetings nicht mit, um nicht anzuecken. Ich habe Klienten, deren ganze Konzentration richtet sich im Job darauf, bloß nicht als Hochbegabter erkannt zu werden. Das kostet viel Kraft.

ZEIT ONLINE: Sollten sich Hochbegabte nicht einfach outen?

Scheer: So ein Outing kann erst Recht zu Neid und Missgunst führen. Aber es kann auch zu einer erheblichen Verbesserung führen. Einer meiner Klienten beispielsweise langweilte sich furchtbar bei seinem Unternehmen. Da wurde intern eine andere Stelle ausgeschrieben, die ihn brennend interessierte, aber für die er formal gar nicht die richtige Ausbildung mitbrachte. Eines Tages hat er den Chef gefragt, ob er diesen Job haben könne. Er habe zwar nicht die passende Ausbildung, aber folgende Ideen und außerdem sei er hochbegabt. Der Chef war zwar erst irritiert, dann hat er gelacht und seinem Mitarbeiter den Job gegeben. Eine andere Klientin, eine junge Forscherin, hatte Jahre lang Konflikte mit ihrem Team. Die fühlten sich von ihrem Arbeitstempo überrumpelt. Als sie ihren Kollegen sagte, dass sie hochbegabt sei und nicht immer bemerke, wenn ihr Arbeitstempo den anderen zu fix war, lösten sich die Probleme. Die Kollegen kamen miteinander ins Gespräch. Es stellte sich sogar heraus, dass zwei weitere Kollegen in dem Team auch hochbegabt waren.