Doris Ritter hatte ein gutes Gefühl, als sie vor einem Jahr ihre Stelle als Sekretärin in einer Steuerkanzlei antrat. Sie war froh, nach einer Babypause endlich wieder zu arbeiten und freute sich auf eine neue Herausforderung. Wäre ihr damals schon klar gewesen, was auf sie zukommt, hätte sie den Job vermutlich nicht angenommen – denn ihr Chef macht ihr das Leben zur Hölle.

Meist ist er schlecht gelaunt und spricht kaum mit ihr. Falls doch, nuschelt er die Befehle im Stakkato-Ton in seinen Bart hinein. Ständig kritisiert er Ritter wegen Kleinigkeiten, sagt aber nicht, wie sie es besser machen könnte. Ändert sie ihr Verhalten, ist es ihm auch wieder nicht recht.

"Ich fühle mich oft wie ein kleines Kind", sagt Doris Ritter, die im wahren Leben anders heißt. Sie würde sich gerne gegen ihren unberechenbaren Chef wehren , doch sie weiß nicht, wie. Vor allem will sie nicht als Memme dastehen: "Eigentlich bin ich ziemlich selbstbewusst", sagt sie. Und man hört im Nachhall die unausgesprochene Frage: Wie lange noch?

Verhaltensauffällig in der Chefetage

Doris Ritter ist eine von Tausenden Angestellten, die regelmäßig unter den Launen ihres Chefs leiden. Einige täglich, manche wöchentlich oder monatlich. Alle eint das Schicksal, es mit einem mehr oder weniger Verrückten zu tun zu haben, wobei das durchaus wörtlich zu verstehen ist. Die Wahrheit ist: Viele Manager erfüllen die Kriterien eines Psychopathen.

Wissenschaftler sind inzwischen davon überzeugt, dass der Prozentsatz ebenjener Verhaltensauffälliger auf der Chefetage signifikant höher ist als in der normalen Bevölkerung. Der kanadische Psychiater Robert Hare, emeritierter Professor der Universität von British Columbia, ist eine Legende unter den Erforschern des Wahnsinns. Im vergangenen Jahr untersuchte er mit seinem Kollegen Paul Babiak 203 Führungskräfte aus sieben amerikanischen Konzernen.

Jeder durchlief Hares "Checkliste zur Psychopathie". Dazu befragen Experten eine Person stundenlang und vergeben Punkte in 20 Kategorien. Wer mehr als 25 erreicht, gilt als gefährdet. Bei 30 ist die Schwelle zur Psychopathie erreicht.

Zu den Kriterien gehören einerseits narzisstische Eigenschaften wie oberflächlicher Charme, krankhaftes Lügen , mangelnde Empathie oder fehlendes Verantwortungsbewusstsein; andererseits begutachten Psychologen Charakterzüge wie Impulsivität oder Disziplinlosigkeit.