Gesundheit Im Alter noch fit im Büro

Rückzugsräume, bequeme Möbel, Rückentraining: Die steigende Zahl älterer Mitarbeiter erfordert Umdenken und Umstellen am Arbeitsplatz.

Der Bandscheibenvorfall kam aus heiterem Himmel. Acht Wochen war Eva Hagenauer, Teamleiterin bei der Bayerischen Landesbausparkasse (LBS) in München, außer Gefecht. Nach einer Operation im Frühjahr 2010 konnte die 50-jährige Juristin weder schmerzfrei sitzen noch stehen. Trotzdem quälte sie sich gleich nach der Reha wieder ins Büro und kämpfte sich binnen weniger Monate in den Berufsalltag zurück. "Heute kann ich wieder ohne Probleme radeln, Ski fahren, joggen und ins Fitnessstudio gehen", sagt die Münchnerin. "Und im Job bin ich auch wieder topfit."

Den schnellen Wiedereinstieg verdankt Hagenauer nicht nur ihrer Kämpfernatur, sondern auch einem sogenannten Demografieprojekt, das die LBS Bayern vor zwei Jahren startete. Ziel ist der Erhalt der Arbeitskraft – vor allem der wachsenden Zahl älterer Beschäftigter. Schon heute liegt das Durchschnittsalter der 710 Mitarbeiter bei 45 Jahren, jeder siebte ist über 55. "2020 dürfte sich das Durchschnittsalter auf 50 Jahre zubewegen", sagt Werner Zauser, Leiter Personalmanagement der LBS Bayern und selbst 54 Jahre alt. "Wenn wir die Leistungsfähigkeit unserer Angestellten bis zum Rentenalter erhalten wollen, müssen wir eine gesundheitsfördernde und damit auch altersgerechte Arbeitskultur schaffen."

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Gesundheitstipps für ältere Mitarbeiter

Bewegungsmangel: Bei täglich mehr als vier Stunden sitzender Bildschirmarbeit nehmen Rückenbeschwerden und Fehlzeiten zu. Besser wäre es, den Arbeitstag zur Hälfte stehend und in Bewegung zu verbringen.

Schwerhörigkeit: Bei 50- bis 65-Jährigen liegt der Anteil der Hörgeschädigten über 20 Prozent. Ermüdung und Missverständnisse sind die Folgen. Arbeitgeber können mit Aufklärungskampagnen, finanziellen Zuschüssen zum Hörgerät und freiwilligen Hörtests beim Betriebsarzt gegensteuern. Hilfreich sind auch Telefone und Videokonferenzsysteme für Schwerhörige, bei denen sich die Lautstärke individuell einstellen lässt und Störgeräusche unterdrückt werden können.

Sehschwächen: 42 Prozent aller Schreibtischarbeiter klagen über Augenprobleme. Helfen kann eine zusätzliche Bürobeleuchtung. Ein 60-Jähriger braucht zum Beispiel 900 Lux, um genauso gut sehen zu können wie ein 20-Jähriger bei 300 Lux. Ältere Mitarbeiter sollten darum möglichst am Fenster sitzen. Auch Tablet-Computer wie iPads können helfen, weil sie das Lesen von Texten in unterschiedlichen Positionen, etwa im Stehen, ermöglichen.

Raumklima: Ältere Kollegen reagieren empfindlicher auf Zugluft, Kälte und trockene Büroluft. Die ideale Raumtemperatur sollte eher bei 24 Grad statt bei 20 Grad liegen, die Luftfeuchtigkeit eher bei 70 als bei 30 Prozent.

Weitere Informationen

Die Bundesanstalt fürArbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) hat eine Broschüre herausgegeben, die über Gesundheitsschutz für ältere Belegschaften informiert.

Die LBS Bayern leistet mit ihrem Projekt Pionierarbeit. Noch längst nicht alle Unternehmen haben sich auf die Herausforderungen einer rapide alternden Gesellschaft so gut eingestellt wie die Häuslefinanzierer aus dem Freistaat. Mit steigendem Durchschnittsalter werden die Belegschaften gesundheitlich anfälliger, die Leistungsfähigkeit lässt nach. Damit wird die demografische Entwicklung zur Herausforderung nicht nur für Gesundheitssystem oder Rentenkasse, sondern auch für Büroplaner und Personalchefs.

Altersgerechte Büros

Wie dringlich der Wandel zum altersgerechten Büro in deutschen Unternehmen generell ist, belegen Zahlen. "Im Jahr 2020 wird das Durchschnittsalter in Deutschland bei über 45 Jahren liegen", sagt Rainer Strack, Senior Partner der Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Der Anteil der 50- bis 64-Jährigen an allen Erwerbstätigen wächst bis 2020 um 68 Prozent, ein Viertel der Arbeitskräfte wird in den nächsten 15 Jahren in den Ruhestand gehen. Schon heute können die Unternehmen ihren Bedarf an Ingenieuren, IT-Experten, Kaufleuten und hoch spezialisierten Fachkräften immer schwerer decken und sind darum stärker auf ältere Mitarbeiter angewiesen. Doch ohne Investitionen wird die Arbeitskraft der sogenannten Silver Worker nicht zu erhalten sein.

Was dies in der Praxis bedeutet, zeigt LBS-Bayern-Mitarbeiterin Hagenauer. Damit sie schnell an den Arbeitsplatz zurückkehren konnte, wurde ein elektrisch höhenverstellbarer Schreibtisch angeschafft. Ein Knopfdruck genügt, um im Stehen am PC arbeiten zu können. Außerdem engagierte die LBS Bayern einen Gesundheitscoach. Der kam zweieinhalb Monate zweimal die Woche, um mit Hagenauer und 60 Kollegen jeweils zehn Minuten während der Arbeitszeit Rücken und Nacken zu trainieren. Die Rekonvaleszentin und 70 weitere Führungskräfte wurden vom Coach außerdem dafür sensibilisiert, wie sie mit ihren Kräften haushalten und auf Stimmungen ihrer Mitarbeiter besser eingehen können. "Mit dem Alter nimmt die psychische Arbeitsbelastung zu", sagt LBS-Personalmanager Zauser. "Gerade ältere Mitarbeiter, deren Arbeitsabläufe stark standardisiert sind und die kaum Entscheidungsspielräume haben, können sich häufig nicht vorstellen, bis zum Alter von 65 oder gar 67 Jahren zu arbeiten." 

Leser-Kommentare
  1. Es ist 1000x einfacher in einem Bürojob bis zum Sankt-Nimmerleinstag zu arbeiten als auf dem Bau, im Stahlwerk, am Fließband,... .

    [...]Schließlich und endlich muss von immer weniger Mitarbeitern in immer kürzerer Zeit immer mehr bewältigt werden und das bei real sinkendem Einkommen. Man nennt das marktwirtschaftliches Wirtschaftswachstum.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik und bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

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    Wie hohle ist es, durch eine derartige "Einstellung" den demographischen Trend ans "Büro" anzupassen, anstatt neue Ausbildungsplätze zu fördern...

    Aber stimmt schon, ein Stuhl is ja rein rechnerisch billiger, als ein Azubi.

    Wie hohle ist es, durch eine derartige "Einstellung" den demographischen Trend ans "Büro" anzupassen, anstatt neue Ausbildungsplätze zu fördern...

    Aber stimmt schon, ein Stuhl is ja rein rechnerisch billiger, als ein Azubi.

  2. Wie hohle ist es, durch eine derartige "Einstellung" den demographischen Trend ans "Büro" anzupassen, anstatt neue Ausbildungsplätze zu fördern...

    Aber stimmt schon, ein Stuhl is ja rein rechnerisch billiger, als ein Azubi.

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    Antwort auf "Arbeiten bis ins Grab"
  3. Ich weiß nicht, was er 1. Kommentarschreiber noch alles schrieb (da sein Beitrag gekürzt wurde), aber es ist schon so, daß man Büroarbeiten wesentlich besser im fortgeschrittenen Alter erledigen kann als körperliche Arbeiten. In den Medien zählen aber offensichtlich nur Büroberufe.

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  4. So können auch ältere Bauhandwerker bis 72 arbeiten

    3 Leser-Empfehlungen
  5. 5. [...]

    Entfernt. Über konstruktive Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

  6. finden auch heute genügend jüngere Arbeitnehmer, nur können sie ihre 55jährigen nicht mehr auf Staatskosten in den Ruhestand entsorgen!
    Einen Fachkräftemangel gibt es aktuell nicht und wird es auch in absehbarer Zukunft bestenfalls punktuell geben.
    Allerdings könnte es sein, dass ein Unternehmen doch glatt ausbilden müßte.

    2 Leser-Empfehlungen
  7. Seltsam, wenn jemand krank geworden ist kann man Geld investieren um ihn bei der Arbeit zu halten...
    Haette man vorher, viel weniger, Geld und Gehirn eingesetzt waere es gar nicht zur Krankheit gekommen.

    Wenn es Moeglichkeiten gibt eine Arbeit weniger gesundheitsgefaehrdend zu gestalten sollte man das doch bitte fuer ALLE machen. Nicht nur die die schon krank sind.

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    9 Männer in Rente und keiner hatte bislang eine Krankheit, die durch die Arbeit oder den Arbeitsplatz ausgelöst wurde. Alle gehen gesund in Rente.

    Krank sind bei uns derzeit einige, die mit dem Rücken Probleme haben und bei allen gab es die gleichen Ratschläge in der Klinik, die "Bewegung" lauteten. Die Kollegen, die sich dran halten, sind wieder in Form und die eine, die wie sie selbst sagt, zu faul ist, hat mittlerweile wieder sehr große Probleme und wird wohl wieder sehr krank.

    Ich würde für uns (Büromäuse) behaupten, dass nicht die Arbeit krank macht, sondern das unterlassen jeglicher Bewegung im Alltag bis hin zur Erkrankung. Da kann ein nettes Stehpult oder dynammische Sitzmöbel nichts dran drehen, aber wir alle sind auch dafür zuständig, was wir in den 16 Stunden, die wir nicht im Büro sind, mit uns tun oder was wir alles lassen.

    9 Männer in Rente und keiner hatte bislang eine Krankheit, die durch die Arbeit oder den Arbeitsplatz ausgelöst wurde. Alle gehen gesund in Rente.

    Krank sind bei uns derzeit einige, die mit dem Rücken Probleme haben und bei allen gab es die gleichen Ratschläge in der Klinik, die "Bewegung" lauteten. Die Kollegen, die sich dran halten, sind wieder in Form und die eine, die wie sie selbst sagt, zu faul ist, hat mittlerweile wieder sehr große Probleme und wird wohl wieder sehr krank.

    Ich würde für uns (Büromäuse) behaupten, dass nicht die Arbeit krank macht, sondern das unterlassen jeglicher Bewegung im Alltag bis hin zur Erkrankung. Da kann ein nettes Stehpult oder dynammische Sitzmöbel nichts dran drehen, aber wir alle sind auch dafür zuständig, was wir in den 16 Stunden, die wir nicht im Büro sind, mit uns tun oder was wir alles lassen.

    • jon777
    • 02.11.2011 um 8:51 Uhr

    Anstatt die Jungen von der Arbeit zu verdrängen und krampfhaft durch mehr Angebot die Löhne zu senken, sollte man älteren Menschen das Recht und die Möglichkeit zu gestehen in Würde ihren Ruhestand zu erleben.

    Die Wirtschaftsboss unternehmen Alles um noch mehr Gewinne aus den Produktivitätszuwächsen herauszupressen und die Position der Arbeitnehmenr zu schwächen.

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