Arbeitsbelastung Zu viel Wandel macht Mitarbeiter krank
Stillstand ist Rückschritt, lautet das Credo in vielen Firmen. Doch eine Studie zeigt nun: Zu viel Veränderung wirkt sich negativ auf die Belegschaft aus.
Zitieren lassen sie sich damit nicht. Aber im Vier-Augen-Gespräch brüsten sich manche Manager gern damit, regelmäßig ihr Unternehmen umzukrempeln. "Veränderungen sind positiv", sagt der Chef eines britischen Konzerns, der stolz darauf ist, das Unternehmen in vier Jahren viermal umgebaut zu haben. "Es ist gut, wenn sich die Mitarbeiter nicht an Organisationsstrukturen gewöhnen, sondern in Bewegung bleiben."
Seine Mitarbeiter dürften ihn dafür verfluchen. Und zu viel Wandel führt nicht nur zu Unmut, sondern macht krank. Zu diesem Ergebnis kommt der dänische Ökonom Michael Dahl von der Universität Aalborg in einer bemerkenswerten Studie ("Organizational Change and Employee Stress", in Management Science, 2011).
Anhand von Daten von knapp 93.000 Beschäftigten aus mehr als 1.500 dänischen Großunternehmen zeigt Dahl: Beschäftigte von Firmen, die umgebaut werden, leiden viel häufiger an Depressionen und Schlaflosigkeit.
"Grundlegender, breit angelegter organisatorischer Wandel kann deutlich negative Folgen für das Personal haben", heißt es in der Studie. Darunter leide auch das Unternehmen insgesamt. Schließlich seien depressive oder übernächtigte Beschäftigte weniger leistungsfähig und einsatzbereit.
Dahl nutzt für seine Arbeit drei verschiedene Datenquellen, die er miteinander verbindet. Ausgangspunkt ist eine Umfrage des dänischen Statistikamtes unter 1.500 Unternehmenschefs. Diese gaben unter anderem Auskunft darüber, ob und in welchem Ausmaß ihre Firma innerhalb von zwei Jahren umstrukturiert wurde und wie das aussah. Die Ergebnisse kombinierte der Forscher mit detaillierten Sozialversicherungsdaten über die Beschäftigten der befragten Firmen. Und dank der liberalen Datenschutzgesetze Dänemarks konnte Dahl diese Informationen auch noch mit einer Datenbank des dänischen Gesundheitssystems zusammenzufügen, in der die Krankengeschichten sämtlicher Beschäftigte detailliert erfasst sind.
All diese Daten sind anonymisiert, so dass sich die konkreten Personen nicht identifizieren lassen, aber der Forscher kann für jeden einzelnen Beschäftigten für die Zeit 1995 bis 2003 nachvollziehen, ob und wann ihm ein Arzt Antidepressiva oder Schlafmittel verschrieb.
Je radikaler, desto stärker der Effekt
Dahl stellt fest: Wenn es in Unternehmen zu internen Umorganisationen kommt, steigt die Zahl der Mitarbeiter, die Medikamente gegen Depressionen oder Schlafstörungen einnehmen, spürbar an. Je radikaler und tiefgreifender der Wandel, desto stärker ist dieser Effekt. "Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der organisatorischen Änderungen in einer Firma und der Verschreibung von Anti-Stress-Medikamenten", schreibt der Forscher. Als besonders krankmachend erweisen sich Änderungen, die die Kooperation oder Kommunikation zwischen den Beschäftigten fördern sollen.
Die Ergebnisse sind unabhängig vom Alter, Geschlecht und der familiären Situation der Beschäftigten. Es ist nicht so, dass per se ältere Mitarbeiter oder solche, die gerade mit einer Scheidung kämpfen, schlechter mit Veränderungen bei ihrem Arbeitgeber zurechtkommen.
Dahl kann auch noch einen weiteren Faktor als Ursache für das Phänomen ausschließen: Umstrukturierungen spielen sich in der Regel nicht in Unternehmen ab, die ums wirtschaftliche Überleben kämpfen müssen, sondern in solchen, die stark wachsen.
Die Studie ist kein generelles Argument gegen den Umbau von Konzernen, allerdings macht sie deutlich, dass dieser auch mit versteckten Kosten einhergeht. Diese sollte das Management sorgfältig gegen die Vorteile abwägen – und nicht Wandel zum Selbstzweck erklären.
- Datum 31.10.2011 - 15:09 Uhr
- Quelle Handelsblatt
- Kommentare 3
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ist der Ausdruck, den man für viele sogenannte "Umstrukturierungen" verwenden muss.
In Zeiten der allgegenwärtigen Manager und Controller tobt ja ein herrlicher Wettstreit, wer durch solche Aktionen mehr "Ruhm" auf sich häuft. Ob es etwas hilft, ist oft zweifelhaft.
Denn man tau, die kriegen die Betriebe schon kaputt...
Das einzig konstante im Handel ist der Wandel, war schon zu Zeiten der Buddenbrooks ein Gemeinplatz. Doch gibt es für alles ein Optimum, das nicht zwangsläufig gleich dem Maximum ist. Viel hilft viel, gilt nicht. In Unternehmen, wo jeden Tag eine neue Sau durch's Dorf getrieben wird, sind die Mitarbeiter über Gebühr genervt. Wer meint, jede Management-Mode als Pionier durchexerzieren zu müssen, treibt Raubbau mit seinen Ressourcen. Allerding kann man auch nicht ewig nach alter Väter Sitte weiter wirtschaften. Wer zu spät kommt, den bestraft... usw.
Irgendwo dazwischen liegt die goldene Mitte (= Optimum im Betriebswirtschaftsjargon).
Im Zweifelsfall fragen Sie Dogbert! http://www.youtube.com/wa...
Man sagt den Bediensteten beim Jobcenter meist nach, das sie ihren Job teilweise schlecht machen. Aus persönlicher Erfahrung kann ich dies bestätigen.
Als ganzheitlich denkender Mensch hatte ich aber auch immer die Vermutung, das der Wandel in den SGB Gesetzen den Mitarbeitern des Jobcenters schwer zu schaffen macht und sie
a) überlastet sind und
b) ihre miese Stimmung an Harz 4 Empfänger auslassen.
Es gab auch sehr viele Änderungen in den Gesetzen, jede neue Regierung hat neue Gesetze erlassen, Änderungen und Reformen. Entlassungen und natürliche interne Versetzungen und personelle Fluktuation gehören natürlich auch zum Wandel die das System kaputt machen.
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