Normaler Alltagsstress oder böse ausgebrannt – der Internist Henk C. Hietkamp kann an Laborwerten ablesen, wie der Gemütszustand eines Patienten ist. An diesem sonnigen Herbstmorgen ist die Diagnose ernüchternd: "Adrenalin völlig im Keller", sagt Hietkamp mitleidig und klopft mit einem Stift auf seinen Computermonitor. Skalen zeigen das "Neurostress-Profil" eines Selbständigen an: Adrenalin- und Cortisol-Werte sind arg gestört, typisches Merkmal für Menschen kurz vor dem Burn-out .

Das Angenehme ist, dass die Patienten von Hietkamp nach der Diagnose nicht zurück ins Büro müssen. Stattdessen warten auf sie erholsame Massagen, Bäder und Spa-Behandlungen. "Mit High-End-Diagnostik und sanfter Therapie gegen das Ausgebranntsein" lautet das Rezept des Hotels Gräflicher Park im westfälischen Bad Driburg, wo Hietkamp als medizinischer Leiter arbeitet. Das Luxusresort mit eigener Heilquelle bietet neuerdings ein Burn-out-Präventionsprogramm für gestresste Manager und andere Besserverdiener an.

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Unternehmen sollen ausgelaugte Führungskräfte für zwei Wochen zur Erholung schicken, bevor sie endgültig ausbrennen – und dann womöglich monatelang ausfallen. Das Konzept sei in Deutschland "einmalig", wirbt die Hotelleitung. 

Anders als in einer psychosomatischen Klinik mischen sich die Burnout-Kandidaten im Gräflichen Park unter die normalen Hotel- und Spa-Gäste. Beliebtester Dress ist der weiße Bademantel, in dem man zum Moorbad oder zur Fußreflexzonenmassage schlendert. Man wolle den Gästen den "Stempel Klinik" ersparen, sagt Psychiater Michael Klein, der sich im "Kompetenzteam" des Hotels um die psychotherapeutische Betreuung kümmert. Er führt Einzelgespräche und macht Gruppencoachings – die zu behandelnden Workaholics werden im Gräflichen Park aber niemals als "Patienten" bezeichnet, sondern konsequent "Gäste" genannt.

"8.000 Euro sind echt ein Klacks"

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14 Tage Regenerationsurlaub kosten den ausgebrannten Gast zwischen 8.100 im Doppelzimmer und 10.000 Euro in der Suite. Klingt nach viel Geld – bei einem Burn-out würden Manager oft aber ein halbes Jahr krank geschrieben, gibt Facharzt Klein zu bedenken. Das werde für Arbeitgeber richtig teuer – "dagegen sind 8.000 Euro echt ein Klacks." Die Hotelleitung macht gerade viel Akquise bei den Personalabteilungen großer Unternehmen, um das Präventionsprogramm bekannt zu machen.

Der Kieler Wirtschaftspsychologe Eckhart Müller-Timmermann hält das Konzept für eine "gute Idee", weil es "kostensparend" für alle Seiten sei. "Fällt ein Manager in einem Unternehmen aus, werden die Kosten auf alle Fälle sechsstellig", sagt er. Müller-Timmermann reist quer durch die Republik und hält in Unternehmen Vorträge über Burn-out und wie sich die totale Erschöpfung verhindern lässt. Gerade referiert er in Dresden, er sei total "ausgebucht", sagt Timmermann, selbst leicht nervös. Ständig treffe er Leute, die sagen: "Ich kann nicht mehr."