ErschöpfungsdepressionGut verdienen mit Burn-out

Burn-out gilt als "Volkskrankheit". Eine ganze Industrie verdient an der Prophylaxe. Ob Luxusklinik oder Einzelcoaching – die Arbeitsbedingungen ändert es nicht. von 

Normaler Alltagsstress oder böse ausgebrannt – der Internist Henk C. Hietkamp kann an Laborwerten ablesen, wie der Gemütszustand eines Patienten ist. An diesem sonnigen Herbstmorgen ist die Diagnose ernüchternd: "Adrenalin völlig im Keller", sagt Hietkamp mitleidig und klopft mit einem Stift auf seinen Computermonitor. Skalen zeigen das "Neurostress-Profil" eines Selbständigen an: Adrenalin- und Cortisol-Werte sind arg gestört, typisches Merkmal für Menschen kurz vor dem Burn-out .

Das Angenehme ist, dass die Patienten von Hietkamp nach der Diagnose nicht zurück ins Büro müssen. Stattdessen warten auf sie erholsame Massagen, Bäder und Spa-Behandlungen. "Mit High-End-Diagnostik und sanfter Therapie gegen das Ausgebranntsein" lautet das Rezept des Hotels Gräflicher Park im westfälischen Bad Driburg, wo Hietkamp als medizinischer Leiter arbeitet. Das Luxusresort mit eigener Heilquelle bietet neuerdings ein Burn-out-Präventionsprogramm für gestresste Manager und andere Besserverdiener an.

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Unternehmen sollen ausgelaugte Führungskräfte für zwei Wochen zur Erholung schicken, bevor sie endgültig ausbrennen – und dann womöglich monatelang ausfallen. Das Konzept sei in Deutschland "einmalig", wirbt die Hotelleitung. 

Burn-out

Weltweit nimmt bei Erwerbstätigen die Zahl der seelischen Krankheiten zu. Das sogenannte Burn-out ist ein Zustand emotionaler Erschöpfung und reduzierter Leistungsfähigkeit. Ausgebranntsein wird auch als Erschöpfungsdepression bezeichnet. Die Betroffenen sind desillusioniert, oft apathisch, depressiv oder aggressiv und haben eine erhöhte Suchtgefährdung. Burn-out wird meist durch Stress ausgelöst, der nicht mehr bewältigt werden kann.

So arbeitet in Deutschland jeder zehnte Vollzeitbeschäftigte mehr als 60 Stunden in der Woche; viele leiden zudem unter ihren Chefs, intriganten Kollegen oder dem eigenen Perfektionismus. Wer dann noch seine sozialen Bindungen verliert, etwa den Kontakt zu Freunden, ist hochgradig gefährdet, an einem Burn-out zu erkranken.

Glossar

Tinnitus
Rund drei Millionen Deutsche leiden unter dem chronischen Klingeln im Ohr. Tinnitus kann mit psychischen Begleiterscheinungen wie Schlafstörungen, Angstzuständen oder Depression einhergehen. Eine allgemein anerkannte Therapie gibt es nicht. In Versuchen an Ratten konnten Wissenschaftler der University of Texas die Tiere heilen, indem sie bestimmte Nerven des Gehirns per Elektrostimulation reizten.

Phantomschmerz
Zwischen 50 und 80 Prozent der Patienten mit Amputationen haben diese Empfindungen: Ein fehlendes Körperteil fühlt sich so an, als sei es noch da. In zahlreichen Studien konnte nach dem Verlust eines Körperteils eine Veränderung von jenen Gehirnfunktionen festgestellt werden, die für die Verarbeitung von Schmerzempfindungen verantwortlich sind. Es existieren einige vielversprechende Therapieansätze, die die Gehirnfunktionen normalisieren sollen.

Volkskrankheit
So werden nicht epidemische Krankheiten bezeichnet, die aufgrund ihrer Verbreitung und ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen sozial ins Gewicht fallen. Dazu zählen heute etwa die Folgeerkrankungen von Bewegungsmangel und Überernährung. Der Begriff wurde erstmals 1832 von dem Medizinhistoriker Justus Hecker verwandt. Er bezeichnete damit die im Mittelalter grassierende Tanzwut.

Protektoren
Das Wort stammt vom lateinischen »protector«, Angehöriger der Leibgarde. Bestimmte persönliche Umstände wie familiärer Rückhalt oder finanzielle Sicherheit können als Protektoren gegen psychische Erkrankungen wirken.

Anders als in einer psychosomatischen Klinik mischen sich die Burnout-Kandidaten im Gräflichen Park unter die normalen Hotel- und Spa-Gäste. Beliebtester Dress ist der weiße Bademantel, in dem man zum Moorbad oder zur Fußreflexzonenmassage schlendert. Man wolle den Gästen den "Stempel Klinik" ersparen, sagt Psychiater Michael Klein, der sich im "Kompetenzteam" des Hotels um die psychotherapeutische Betreuung kümmert. Er führt Einzelgespräche und macht Gruppencoachings – die zu behandelnden Workaholics werden im Gräflichen Park aber niemals als "Patienten" bezeichnet, sondern konsequent "Gäste" genannt.

"8.000 Euro sind echt ein Klacks"

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14 Tage Regenerationsurlaub kosten den ausgebrannten Gast zwischen 8.100 im Doppelzimmer und 10.000 Euro in der Suite. Klingt nach viel Geld – bei einem Burn-out würden Manager oft aber ein halbes Jahr krank geschrieben, gibt Facharzt Klein zu bedenken. Das werde für Arbeitgeber richtig teuer – "dagegen sind 8.000 Euro echt ein Klacks." Die Hotelleitung macht gerade viel Akquise bei den Personalabteilungen großer Unternehmen, um das Präventionsprogramm bekannt zu machen.

Der Kieler Wirtschaftspsychologe Eckhart Müller-Timmermann hält das Konzept für eine "gute Idee", weil es "kostensparend" für alle Seiten sei. "Fällt ein Manager in einem Unternehmen aus, werden die Kosten auf alle Fälle sechsstellig", sagt er. Müller-Timmermann reist quer durch die Republik und hält in Unternehmen Vorträge über Burn-out und wie sich die totale Erschöpfung verhindern lässt. Gerade referiert er in Dresden, er sei total "ausgebucht", sagt Timmermann, selbst leicht nervös. Ständig treffe er Leute, die sagen: "Ich kann nicht mehr."

Leserkommentare
    • Ortrun
    • 01. Dezember 2011 12:29 Uhr
    2. Schade

    Ich vermisse eine Stellungnahme des Autors. Nur der Untertiel weist auf die Ironie oder besser noch; den Sarkasmus der ganzen Sache hin. Schauen wir nochmal kurz die Tabelle "Berufe im Vergleich" an. Ganz oeben stehen Helfer in der Krankenpflege, Versandmitarbeiter, Sozialarbeiter...

    Wer seinen Managern eine solche "Kur auf Firmenkosten" gönnen möchte, soll das tun. Aber es ist schade, dass der Begriff "Burnout" damit trivialisiert wird.

    • Kurti66
    • 01. Dezember 2011 12:33 Uhr

    ... die mit sich und dem Arbeitsleben nicht klar kommen. Jeder redet davon und therapiert sich selbst. So viele böse Vorgesetzte kann es doch gar nicht geben. Ich empfehle mal "Schluss mit dem Burnout-Gejammer!" auf SPON - http://www.spiegel.de/kar... .

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    Doch, in diesem Land gibt es leider auf Grund der unsäglichen Machtstrukturen fast überwiegend bösartige Vorgesetzte. Der Gesetzgeber sollte diesen Leuten endlich das Handwerk. Wir benötigen endlich eine grundlegende Humaniserung
    der Arbeitswelt. Ein Freund hat sich das Leben genommen, weil er den Terror am Arbeitsplatz (der sich dann in den Arbeitsagenturen fortsetzt) nicht mehr ertragen habt. Wieviel seelisch vernichtete Menschen wollen wir denn um des Profits Willen in diesem Land noch?

    • abaquar
    • 01. Dezember 2011 16:37 Uhr

    Der Artikel (Spiegel-online), der von Ihnen @Kurti66 vorgeschlagen worden ist, wurde von einer Berufsberaterin geschrieben worden, die keine Ärztin oder Psychologin ist.

    Unabhängig von Meiner Bemerkung ist der Artikel ziemlich kleinkariert. Es hat sich nicht gelohnt zu lesen.

    Miserabeler Vorschlag.

    Ich möchte hier nochmal meine Burn-Out hier hineinschreiben, damit Leute wie Sie vllt verstehen können:

    Ich war als Monteur vor einem Jahr in Rumänien tätig.
    Wir haben dort zwar nur 10 Stunden am Tag gearbeitet ( 8 Wochen am Stück; ohne Sonntage); aber jeden Morgen wurde uns vom Vorarbeiter eingetrichtert "heute Gas geben !". Diese und ein paar weitere AN, die mit dem Tempo mithalten wollten,konnten sich auch nur mit Kokain "fit" halten.

    So ging ich dann dort zum Arzt.
    Ich sagte meinem Dolmetscher, dass ich ausgebrannt wäre, ein BURN OUT hätte. Er gab mir zwar gleich zu verstehen, dass die Ärzte diesen Begriff nicht kennen und die Ärztin mich darauf nicht krank schreiben wird; aber ich bestand auf diese Übersetzung.
    Wie zu erwarten war, konnte/ wollte mich die Ärztin darauf nicht krank schreiben.
    Stattdessen fragte Sie mich, ob ich evtl Magenschmerzen hätte oder irgendetwas anderes.
    Nein sagte ich und wollte nicht lügen.
    Dann gab Sie mir ausdrücklich zu verstehen, dass wenn ich mir nicht etwas anderes aus den Fingern saugen kann, ich auch keine Krankschreibung erhalten würde.

    Und so geschah es dann auch.
    Ich war dann 3 Tage dort auf "privatverschulden" quasi ohne Bezahlung, erhielt nur meine Auslöse, aber keine weitere Bezahlung meines AGs; weil Sie diese Krankheit einfach nicht kennen.

    Also frage ich Sie, wie man eine (Volks-)Krankheit anders definieren sollte, als ausgebrannt sein/ Burn Out haben ?
    Waren Sie eig schon einmal in dieser Phase, dass Sie ausgebrannt waren ?

  1. Panik ,Unsicherheit , Angstanfälle hat es immer gegeben
    nur war das da Deutsch ,aber klar (Burn-out) hört sich
    nobler und teuerer an.
    Wozu also Deutsch sprechen?

    • Kurti66
    • 01. Dezember 2011 12:46 Uhr

    .... was wollen Sie uns eigentlich sagen ? Gibt es irgendeinen Bezug zum Artikel ? Ihre Krankheit ist zwar bedauernswert, doch was erwarten Sie von Ihrem Umfeld ? Mitleid ? Bemutterung ? So wie Ihnen geht es vielen Menschen. Irgendetwas liegt immer quer und an eine Vollkaskoversorgung durch den Staat scheinen irgendwie alle zu glauben. Und das Erstaunen ist dann immer wieder groß, wenn diese Blasen platzen und es keine Behörde gibt, die einem die Hand führt und man sich um seine eigenen Dinge selbst kümmern muß. Wenn Sie Ihren Beruf nicht mehr ausüben können, suchen Sie sich einen anderen. Klingt böse ist aber die einzige Lösung, denn ansonsten müssen Ihre Kollegen Ihre Arbeit für Sie erledigen, Ihr Chef wird deshalb sauer auf Sie sein und schlußendlich sehen Sie sich als Mobbingopfer, obwohl Sie schlicht und ergreifend Ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Ziehen Sie einen Strich und fangen Sie neu an. Lebenslanges Um-/ Neulernen betrifft jeden !

    Antwort auf "Kein Burn-Out"
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    • Beliyan
    • 01. Dezember 2011 13:00 Uhr

    Ich arbeite wieder in meinem Beruf,bin auch sehr froh darüber,wollte aber nur klar stellen das ich nicht verstehen kann,warum z.B. Managern geholfen wird,aber dem normalo eben nicht.

    Was macht denn der Manager besser?

    Ich wollte ja einen anderen Beruf erlernen,aber die Rentenversicherung hat dies eben abgelehnt,nun gut ist ja durch Zufall eben so gelaufen das ich eine super Stelle gefunden habe.

  2. 7. Frage

    Wäre ein Warnhinweis auf Arbeitsverträgen in Form einer gesetzlich verpflichtenden Hinweispflicht: "Diese Arbeit kann "Burn-out" verursachen." ähnlich den Warnhinweisen auf Zigarettenschachteln dann nicht sinnvoll um das Problem mal bei der Wurzel zu packen?

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    Dann wird dieser Beruf so "deklariert"... und ?
    In meinem Beruf,Montage für WEAs, habe ich aber schon ca gefühlte 10 Seiten mit Warnhinweisen.
    Angefangen mit leichten Verletzungen bis hin zum Tod.
    Dazwischen wäre sicherlich noch platz...und ?

    Ich denke, Sie wollen darauf hinaus, dass dann jeder selbst schuld ist, der diesen Beruf wählt und ausbrennt ?

    Aus Gründen der Zensur seitens der Redaktion möchte ich mich nun zurückhalten und mir meinen Rest zu Leuten wie Ihnen denken.

  3. Doch, in diesem Land gibt es leider auf Grund der unsäglichen Machtstrukturen fast überwiegend bösartige Vorgesetzte. Der Gesetzgeber sollte diesen Leuten endlich das Handwerk. Wir benötigen endlich eine grundlegende Humaniserung
    der Arbeitswelt. Ein Freund hat sich das Leben genommen, weil er den Terror am Arbeitsplatz (der sich dann in den Arbeitsagenturen fortsetzt) nicht mehr ertragen habt. Wieviel seelisch vernichtete Menschen wollen wir denn um des Profits Willen in diesem Land noch?

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  • Schlagworte Alltagsstress | Work-Life-Balance | Burn-out | Dresden
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