BewertungsportaleNoten für den Chef

Wie ist ein Unternehmen als Arbeitgeber – und wie geht es mit Bewerbern um? Bewertungsportale geben Aufschluss und zeigen Firmen, wenn Mitarbeiter unzufrieden sind. von 

Eigentlich ist Antje Schütt das, was Arbeitgeber suchen: Die 27-Jährige hat Marketing und Betriebswirtschaft studiert, hat internationale Erfahrungen, gründete mit Mitte 20 ihre erste Firma. Und trotzdem bekam sie auf ihre Bewerbungen keine Antwort. Das war vor zwei Jahren, als Schütt mit ihrem ersten Kind schwanger war. Lag es daran? Oder war es einfach gängige Praxis bei den Unternehmen, sich nicht zu melden?

Schütt suchte im Netz nach Erfahrungen von anderen Bewerbern. Und fand nichts. "Damals habe ich gedacht, dass das kein guter Umgang mit Bewerbern ist und es gut wäre, so etwas öffentlich zu machen. So kam ich auf die Idee, ein Portal zu gründen, auf dem Jobsuchende ihre Erfahrungen mit Bewerbungen bei Unternehmen bewerten können", erzählt die junge Frau. Sie machte sich kurzerhand selbstständig, entwickelte zwischen Wickel- und Schreibtisch die Unternehmensidee und launchte im Sommer kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes das Portal Bewerbersicht.com .

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"Jobsuchende sollen sich hier künftig darüber informieren können, wie Firmen von anderen Bewerbern eingeschätzt werden", sagt die Gründerin. Sie erfahren beispielsweise, wie lange es gedauert hat, bis man eine Empfangsbestätigung über die Bewerbungsunterlagen bekommen hat, wie lange man auf ein Vorstellungsgespräch warten musste oder welche Fragen im Gespräch gestellt wurden. So weit der Plan. Noch fehlen dem Portal allerdings die Nutzer – und die Bewertungen. Darum macht die Gründerin derzeit Werbung für ihr Projekt.

Bereits etabliert ist das Bewertungsportal von Martin und Mark Poreda aus Wien. Ihr Arbeitgeberbewertungsportal Kununu ist seit vier Jahren online. 17 Mitarbeiter beschäftigen die Brüder mittlerweile. Dabei suchte Martin Poreda seinerzeit nur Informationen über eine Firma im Internet, die ihm ein Jobangebot gemacht hatte. Weil er außer Imagebroschüre und Unternehmenswebsite nichts fand, entwickelte er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder ein Portal, auf dem Arbeitnehmer ihre Arbeitgeber anonym bewerten können. Wie ist das Betriebsklima und wie die Kantine? Welche Goodies bietet die Firma ihren Mitarbeitern – und welche Aufstiegschancen haben sie? Gibt es ausreichend Parkplätze, und einen Betriebskindergarten?

Zufriedenheitsindikator für Arbeitgeber

Der Name des Portals ist Suaheli und heißt so viel wie "unbeschriebenes Blatt". Eine Abrechnungsplattform wolle man auf keinen Fall sein, betont Pressesprecherin Tamara Frast. Vielmehr soll Kununu transparent machen, wie es in Unternehmen wirklich zugeht. Die Firmenprofile zeigen Bewertungen von "als Arbeitgeber mangelhaft" bis "super", daneben steht die Eigendarstellung des Unternehmens inklusive Werbevideo und Stellenangeboten. Die Unternehmen zahlen für ihr Profil auf Kununu, für die Nutzer ist der Service kostenlos.

Rund eine Millionen User besuchen die Seite im Monat, mehr als 60.000 Unternehmen sind auf der Plattform vertreten. Weil Firmen immer stärker auf Employer Branding setzen und als attraktive Arbeitgeber bekannt werden möchten, wächst das Start-up. Empörte Reaktionen von Unternehmen kämen nur noch selten vor, sagt die Pressesprecherin. "Manche Firmen verlangen aber trotzdem noch die Löschung von schlechten Bewertungen. Aber das machen wir nicht. Wir versuchen stattdessen die Unternehmen zu überzeugen, dass die Bewertungen ein wichtiger Indikator für die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter und für ihre Arbeitgebermarke sind."

Leserkommentare
  1. Bewerbersicht bietet übrigens zwei Arten der Bewertungen an.
    1. für die Eiligen die Kurzbewertung in einer Minute
    2. und für die, die ausführliches bevorzugen, die ausgiebige Variante - Zeitaufwand etwa 10 Minuten.

    Eine Leserempfehlung
  2. 2. Risiko

    Letztlich muss jeder AN, der noch im jeweiligen Unternehmen aktiv ist, mit Konsequenzen rechnen, sobald er sich öffentlich (auch anonym) zu seinem AG äußert.

    Um ein Unternehmen dem gemeinen Leser verständlich und objektiv rüberzubringen, bedarf es nun mal Details.
    Und dazu gehört auch viel Fingerspitzengefühl, um weder den Leser geschweige denn den momentanen AG zu "verprellen".

    Ich habe zum Beispiel auch einen Bericht über meine jetzige Leihfirma "Kelly Services" geschrieben, wo ich natürlich nicht detailliert schreiben konnte.
    Die Konsequenz daraus ist, dass die Bewertungen dafür eher schlecht sind und der allgemeine User dieser Bewertung "natürlich" nicht vertraut:
    "Tja,konkreter solltest du schon werden..."

    Eine weitere Kehrseite von solchen Bewertungsportalen ist, dass es mittlerweile sogar Unternehmen gibt, die nur dafür bezahlt werden, andere Unternehmen im I-Net hochzuloben.
    Sogenanntes "SEO".
    Meine Freundin hat mal dort für 2 Tage (als Minijobberin) gearbeitet und sollte z.Bsp. Unternehmen in Foren etc einfach nur positiv erwähnen.

    Man stolpert über viele solcher Einträge.
    Solche Berichte stoßen für mich zum Beispiel auf große Skepsis:
    http://www.ciao.de/Kelly_...

    Blind vertrauen sollte man solchen Portalen also nicht.

    Eine Leserempfehlung
  3. Vielleicht keine schlechte Sache, allerdings halte ich solche Bewertungen für nicht allzu treffsicher, da ja nun aktuelle und ehemalige Angestellte bewerten können und ob das dann wirklich neutrale Bewertungen sind, sei dahin gestellt. Es ist ja auch so, dass man in seiner Anstellung je nach Unternehmensgröße nicht alles überblicken und auch bewerten kann. Und im Zeitalter von "Employer Branding", "War for Talents" und anderen amerikanisierten Ausdrücken ist es wirklich schwer ein Objektives Bild von einem Unternehmen zu erhalten. Unternehmen tun wirklich Vieles, um an die rar gesäten jungen Talente zu kommen. Ich persönlich denke, dass viele Unternehmen da nicht bei der Wahrheit bleiben und sich künstlich aufpumpen, um an die besten Bewerber heranzukommen. Auch ich habe daran gedacht, meinen vorherigen Arbeitgeber zu bewerten, aber ich habe es unterlassen, weil ich mich schließlich selber bei diesem Unternehmen beworben habe und eigentlich schon vorher habe ahnen können, dass es nicht passt. Leider fehlte mir der Mut, um zudrehen und meine Bewerbung zurück zu ziehen und bin somit selber verantwortlich für die schlechte Erfahrung, die ich habe machen müssen. Aus diesem Grunde habe ich dann auch von einer Bewertung abgesehen. Ich gehe aber völlig konform damit, dass Unternehmen schon im Bewerbungsprozess zeigen, welche Maske sie aufhaben. Keine Empfangsbestätigung oder die mangelnde Bereitschaft, Fahrtkosten für das Vorstellungsgespräch zu übernehmen sagen schon viel aus.

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  • Schlagworte Bewerbungsgespräch | Region | Schweiz | Österreich | Wien
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