Die meisten Menschen gehen mir auf die Nerven. Wahrscheinlich wollen sie das gar nicht, aber manchmal reicht schon ihre pure Anwesenheit. Etwa morgens im Zug. Seit mehr als drei Jahren pendele ich von meiner Heimatstadt Köln an meinen Arbeitsort Düsseldorf. Morgens im Regionalexpress ist es immer dasselbe: Ich blicke überwiegend in leere, frustrierte, genervte Gesichter. Warum bloß quälen die sich so zur Arbeit?

Im Büro geht es weiter: Überall nur Beschwerden, Klagen und Gemotze. Job mies, Kollegen mies, Chef mies. Der Vorgesetzte ist entweder völlig unfähig oder fies, ach was, am besten gleich beides. Manche Kollegen sehnen am Montagmorgen schon den Freitagabend herbei, und sonntags nach dem Tatort denken sie bereits mit Grauen an den nächsten Tag. Nein, mein Eindruck ist nicht subjektiv. Umfragen diverser Meinungsforscher und Unternehmen bestätigen dieses Bild: Selten herrschte so viel Druck, Stress und Unzufriedenheit in deutschen Büros. Mal ehrlich: Kann es das denn gewesen sein?

Nein, und das sollte es nicht. Denn mit der ständigen Übellaunigkeit verderben die Büro-Misanthropen nicht nur die Laune der Kollegen und Vorgesetzten – sondern auch ihre eigene.

Nachdenken über sich selbst

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch ich gehe nicht jeden Tag jubelnd ins Büro. Es gibt Momente, in denen ich mich ärgere oder frustriert bin. Ja, ich könnte mir Schöneres vorstellen als zu arbeiten. Und ja, ich habe ein intaktes Privatleben, kann am Wochenende und im Urlaub prima abschalten und auch mal überhaupt nicht an die Arbeit denken. Und nein, ich möchte mit diesem Text nicht meine Kollegen verärgern oder meinem Chef zeigen, was für ein toller Hecht ich doch bin.

Mir geht es um etwas anderes: Ich will Sie zum Nachdenken bringen – über sich selbst, über Ihre Arbeit. Und somit auch ein Stück weit über Ihr Leben. Das klingt vielleicht etwas pathetisch, und ich ahne schon, dass es negative Leserbriefe hageln wird, die mir vorwerfen werden, dass ich verspäteter Streber sie wohl nicht mehr alle hätte; oder meinem Chef dazu raten, mich am besten gleich von Computer und Tastatur zu verbannen. Aber das nehme ich in Kauf, denn es ist notwendig – für Ihr berufliches und privates Glück

Zugegeben, Sie können auch die Karriereleiter hochkraxeln , ohne in Ihrem Job wirklich glücklich zu sein. Sicherlich werden Sie auch mal einen Auftraggeber überzeugen, ohne für das Projekt alles andere stehen und liegen zu lassen. Aber auf Dauer können Sie nur dann wirklich erfolgreich sein, wenn Ihr Beruf im wahrsten Sinne des Wortes eine Berufung ist. Sprich: wenn Sie genügend Leidenschaft haben .

Diese Erkenntnis stammt nicht von mir, sondern von seriösen Wissenschaftlern. Aber dazu gleich noch mal. Im Jahr 2005 hielt der Apple-Gründer Steve Jobs eine Rede vor Absolventen der Universität Stanford . Darin empfahl er: Ihr müsst die eine Sache finden, die ihr liebt. Der simple Ratschlag klingt ein bisschen nach Kalenderweisheit. Aber er gilt für jeden – egal, ob für den Arbeiter am Fließband, den Abteilungsleiter im Büro oder den Vorstandsvorsitzenden in der Führungsetage.

Leidenschaft oder Passion

Philosophen setzen sich mit Leidenschaft schon lange auseinander. Für den deutschen Denker Friedrich Nietzsche waren sie die "Wildwasser der Seele", sein französischer Kollege Jean-Jacques Rousseau nannte sie "die Stimmen des Körpers". Doch fernab von dieser Interpretation spielt Hingabe auch im Beruf eine Rolle: "Ohne Leidenschaft gibt es keine Genialität", wusste der deutsche Historiker Theodor Mommsen. Und der libanesisch-amerikanische Philosoph Khalil Gibran sagte einst: "Derjenige, der mit Tinte schreibt, ist nicht zu vergleichen mit demjenigen, der mit Herzblut schreibt."

Diese Denker haben vorweggenommen, was zuletzt immer häufiger Psychologen bestätigen konnten: Hingabe ist essenziell für Glück, Zufriedenheit und Erfolg. Egal, was Sie machen – entscheidend ist, dass Ihre Tätigkeit ein Teil Ihrer Identität wird.

Pionier der Passionswissenschaften ist der Kanadier Robert Vallerand von der Universität von Québec in Montréal. Ihm zufolge gibt es zwei Leidenschaften: harmonische und zwanghafte. Der entscheidende Unterschied: Harmonisch leidenschaftliche Menschen können vereinfacht gesagt noch selbst entscheiden, ob sie der Tätigkeit wirklich nachgehen wollen oder wann Zeit für eine Pause gekommen ist. Zwanghaft Leidenschaftliche hingegen haben diese Wahl nicht mehr – sie haben bereits eine echte Obsession entwickelt.

Die harmonische ist die gesunde Form der Passion, zwanghafte kann krank machen und führt nicht selten zum Burnout .